Archiv
07. April 2014

Zehn Prozent aller Schweizer nutzen noch Windows XP

Der Chef der Schweizer Windows-Sparte, Manuel Michaud, erklärt im Interview, weshalb Microsoft den Support für das beliebte Betriebssystem Windows XP beendet und was das für die Nutzer bedeutet.

Manuel Michaud, Chef der Schweizer Windows-Sparte
Manuel Michaud, Chef der Schweizer Windows-Sparte (Bild: zVg).

Am 8. April 2014 beendet Microsoft den Support für sein Betriebssystem Windows XP, das noch heute grosse Marktanteile besitzt. Mehr dazu lesen Sie im Artikel «Adieu, Windows XP!» . Im nachfolgenden Interview spricht der Windows-Schweiz-Chef, Manuel Michaud, über die Gründe.

Manuel Michaud, war Windows XP das beste Betriebssystem aller Zeiten?

XP war tatsächlich ein sehr beliebtes Betriebssystem. Das lässt sich zum Beispiel am sehr hohen Marktanteil feststellen, den XP über lange Zeit innehatte. Aber die Verkaufszahlen lassen sich nicht mit heute vergleichen, da aktuell etwa drei Mal mehr PCs ausgeliefert werden als im Jahr 2001, als Windows XP eingeführt wurde.

Das liegt aber weniger am Betriebssystem, sondern vielmehr an den dramatisch gesunkenen Preisen.

Die sind sicher mit ein Grund. Für mein erstes Notebook mit Windows XP bezahlte ich über 2000 Franken. Heute gibts für diese Summe eine High-End-Maschine mit Touch-Bildschirm, die bestimmt zehn Mal schneller ist als mein damaliges Gerät. Den Hauptgrund sehe ich jedoch in der rasanten Entwicklung des Internets und den damit verbundenen Anstieg der Anzahl an Geräten pro Haushalt.

Warum war Windows XP so beliebt? Was zeichnete das Betriebssystem aus?

Die Oberfläche von Windows XP galt damals als modern. Zum ersten Mal liess sich ein Computer im Privathaushalt für multimediale Arbeiten wie Bildbearbeitung oder Videoschnitt einsetzen. Auch Plug-and-play unterstützte das System erstmals, das heisst, externe Geräte wie digitale Kameras liessen sich am PC einfach anschliessen und sofort nutzen …

In der Schweiz ist Windows XP noch auf ein paar hunderttausend PCs installiert.

… und nicht zuletzt stand Windows XP enorm lange in den Verkaufsregalen …

Ja. Erst sechs Jahre nach seinem Launch wurde Windows XP vom Nachfolger Vista abgelöst. Auch die lange Supportdauer von fast 13 Jahren ist aussergewöhnlich. Normal sind zehn Jahre. Dadurch war das System sehr stark bei den Nutzern verankert. Das Spezielle an XP war ausserdem, dass es sowohl für Privatpersonen als auch Geschäftskunden angeboten wurde.

Wie lange arbeiteten Sie selbst mit Windows XP, und was gefiel Ihnen daran besonders?

Zirka 5 Jahre bis zur Ablösung durch Windows Vista. Mir hat damals die neue Oberfläche, die einfache Bedienung und Stabilität von Windows XP sehr gut gefallen.

Bei wie vielen Personen in der Schweiz ist das 13 Jahre alte System noch installiert?

Wir geben offiziell keine Daten bekannt. Es gibt unterschiedliche Quellen, wo Sie sich erkundigen können. Statcounter erhebt zum Beispiel solche Statistiken.

Ich bin sicher, Sie haben die aktuellen Zahlen parat.

Es dürften etwa zehn Prozent in der Schweiz sein. Das entspricht ein paar 100'000 PCs.

Beim Supportende von Windows XP spielt Geld sicher auch eine Rolle.

Eine sehr hohe Zahl, die überrascht.

Verglichen mit den neuen Versionen nicht, Windows 7 hat etwa einen Marktanteil von 50 Prozent, Windows 8 hat die zehn Prozent längstens übertroffen. Aber gerade hinsichtlich des hohen Alters von XP ist das tatsächlich eine überraschende Zahl.

Das sind viele Menschen, die Sie durch das Supportende im Regen stehen lassen.

Das sehe ich anders. Wir sensibilisieren die Kunden seit über drei Jahren auf das Supportende. Gerade weil XP sehr beliebt war, haben wir den Support extra um 2 Jahre verlängert. Gemeinsam mit Partnern unterstützen wir die Kunden beim Umstieg: Fazit – ein 13-jähriges System stösst irgendwann an seine Grenzen.

Können Sie das erklären?

Gerne. Denken Sie an ein Auto: Sie können vielleicht den Motor tunen, die Reifen wechseln oder die Farbe anpassen, aber wenn Sie zum Beispiel nachträglich ABS oder einen Airbag einbauen wollen, brauchen Sie einen neuen Wagen. Das gilt auch für Computer.

Trotzdem: Ist es nebst Ihrer technischen Begründung nicht auch eine Kostenfrage?

Geld spielt sicher auch eine Rolle. Schliesslich gehts nicht nur um Microsoft, sondern auch um zahlreiche Softwareanbieter und Hardwarehersteller, die ihre Produkte immer an jedes Betriebssystem anpassen müssen. Es ist sehr teuer, Geräte und Programme für mehrere Betriebssysteme gleichzeitig anzubieten.

Ein Antivirenschutz genügt nicht, Windows XP ist ab sofort unsicher.

Mit welchen Risiken müssen Kunden rechnen, wenn Sie kein Geld ausgeben wollen und bei XP bleiben?

Nach dem 8. April 2014 werden wir keinen technischen Support mehr anbieten. Das heisst, es werden auch keine Sicherheitsupdates mehr verfügbar sein, und deshalb werden alle XP-Systeme anfälliger für Viren. Das ist übrigens schon heute so: XP-Computer sind sechs Mal anfälliger als solche mit Windows 8.

Genügt es nicht, eine Antivirensoftware auf einem XP-PC zu installieren?

Nein, das würde Nutzer höchstens gegen Viren schützen. Potentielle Schwachstellen oder Fehler im Betriebssystem werden dadurch nicht bereinigt.

Hilft Microsoft seinen Nutzern, auf ein neues Betriebssystem zu migrieren?

Ja, zum einen über unsere Partner, zudem stellen wir auf unserer Website viele Hilfsmittel und Werkzeuge zur Verfügung, die dabei helfen. Ganz wichtig ist das Sichern der Benutzerdaten und die Prüfung, ob der alte Computer und alle installierten Programme noch fit für ein neues Betriebssystem sind (siehe Artikel «Adieu, WIndows XP!», Anm. der Red.) .

Wie lautet die Faustregel? Auf wie alten PCs klappt ein Update reibungslos?

Auf zehn Jahre alten Windows-XP-PCs lässt sich Windows 8 nicht mehr nutzen. Wir empfehlen, höchstens fünf Jahre alte Hardware einzusetzen.

Was empfehlen Sie einem unerfahrenen Nutzer: Das Betriebssystem updaten oder gleich einen neuen PC mit vorinstalliertem Windows 8 kaufen?

Ich empfehle auf jeden Fall einen neuen PC. So profitieren sie auch von modernen Endgeräten wie Touch-PCs oder Tablets.

Blicken wir in die Zukunft: Grosse Updates für Betriebssysteme bietet Microsoft heute kostenlos an. Wann gibts vollständige Versionen gratis?

Dazu habe ich keine Informationen. Was Windows 8 betrifft, haben wir Updates wie Windows 8.1 tatsächlich gratis zur Verfügung gestellt.

Wäre es in diesem Fall denkbar, dass der Support für Privatanwender kostenpflichtig wird?

Heute ist der Support im Einkaufspreis enthalten. Auch hier habe ich jedoch keine Informationen wie es in Zukunft aussehen könnte.

Autor: Reto Vogt