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01. Juni 2015

Zehn kurze Jahre

live in Glarus: Bänz Friedli
Hausmann der Nation und Liebling der Schwiegermütter 2011 live in Glarus: Bänz Friedli schreibt seit zehn Jahren für das Migros-Magazin.

Vor zehn Jahren, 2005, war die allererste Leserinnenzuschrift wenig erbaulich: «Ihrer Zeitung steht eine so primitive Kolumne nicht gut an», beschied eine Frau Hecker aus Egg dem Chefredaktor. «Der offensichtlich nicht mehr ganz junge Schreiber biedert sich mit seinem pubertären Vokabular peinlich einer hoffentlich nicht vorhandenen jugendlichen Klientel an.» Die Brüskierte war gemäss Mailabsender bei der Novartis Pharma AG beschäftigt, doch der angesprochene Chefredaktor zeigte sich unbeeindruckt und hielt, zumal bald haufenweise aufmunternde Post eintraf, am nicht mehr ganz jungen Primitivling Friedli fest. Die Kolumne «Der Hausmann» war geboren.

2006 wurden wir Weltmeister. Also, «wir» … Das sagt sich so leicht. Aber ich darf das sagen, ich leide mit den Azzurri, seit ich denken kann. 2006 nun prophezeite ich – wobei der Wunsch Vater des Gedankens war – in dieser Zeitung locker, Italien würde Fussballweltmeister. In der Finalnacht holte ich dann, um es nicht ganz allein erleben zu müssen, fürs Penaltyschiessen meine Tochter aus dem Bett, die Erstklässlerin, und wir wurden zusammen Weltmeister. «Also diese Zeitlupen sind das Allerallerschwierigste an der WM», befand sie damals, «da müssen sie immer alles noch mal genau gleich spielen, die Schütteler.»

2007 hörte ich, es gebe bei Bern ein Mädchen, das auf die zahlreichen und aussergewöhnlichen Namen Lycra Nike Stella Cosma Caterpillar getauft sei. «Kann das sein?», fragte ich in der Kolumne, und noch gleichentags meldete sich selbige Lycra: «Es kann!» Jahre später würde ich ihr in Zürich zufällig begegnen. Und, hey, sie sieht genau so aus wie eine Lycra Nike Stella Cosma Caterpillar aussehen muss!

2008 hatte die Redaktion eine sauglatte Idee: «Der Hausmann kommt Ihre Fenster putzen!» Einige tausend Bewerbungen gingen ein, ausgelost wurde eine Andrea in Muotathal, die mir schon im Vorfeld beschied, ihr Haus habe dann im Fall 26 Fenster. Sechs-und-zwanzig! Doch zu meinem Frust waren die alle schon sauber, und es wollte sich trotz Krampfens und Polierens kein Putzgefühl einstellen. Nach fünf Stunden sagte Andrea: «Fertig.» – «Aber ich hab doch erst 23 Fenster geputzt», reklamierte ich; hatte sie eigens gezählt. Sie: «Nein, nein, ist okay.» Da platzte ihr Töchterchen heraus: «Maa, i dä Wöschchuchi! Und i dä Garaasch!» Diese drei Fenster hatte Andrea unterschlagen wollen: Staubfäden am Rahmen, Spinnweben am Glas, dreckstarrende Scheiben … Welch Putzgenuss, welche Befriedigung!

2009 lernte ich von der Landfrau Margreth an der Zürcher Herbstmesse Züspa das Züpfebacken. Auf einmal ging mein Butterzopf wunderbar auf und sah ansehnlich aus! Betonung auf ein Mal. Daheim habe ich die Züpfe kein zweites Mal so schön hinbekommen …

2010 gestand ich, ich hätte «Chleck» an den Fingern, diese kleinen, saumässig schmerzhaften Hautrisse. Hätte ich besser nicht getan! Noch Jahre später treffen Salben und Pasten ein, und die Tipps, wie den Rissen beizukommen sei, reichen vom Melkfett über eine Brustwarzensalbe bis zum Sekundenkleber.

2011 hörte ich von dem Bub im Emmental, der im Restaurant laut ausrief: «Lueg, Mama! Sperma ufem Batzeli!» Sperma, auf dem Zweifränkler?! Je mehr die Mutter den Bub zu beschwichtigen suchte, desto lauter protestierte er: «Doch, lueg! Sperma!» Bis sich herausstellte: Einen «Sper-Maa» hatte er erspäht, einen Mann mit Speer. Der in Wahrheit aber eine Frau war: Helvetia.

2012 war ein Herr Schnyder in Bottmingen stinksauer. «Was dieser Friedli der Leserschaft zu vermitteln versucht, ist unter aller Menschenwürde, unter der Gürtellinie und schlicht ekelhaft!», wetterte der Leserbriefschreiber. Er hatte recht: Die Kolumne darüber, welches Gemüse die meisten Fürze zur Folge habe, hatte buchstäblich unter der Gürtellinie gehandelt. «Man darf nur hoffen, dass Friedlis Kinder bald diesen Haushalt verlassen!», schrieb der Empörte. Doch sie blieben.

Und sie beschlossen 2013, ihre Handys nicht mit in die Sommerferien zu nehmen. Derjenige, der sich dann in Frankreich jeweils mit seinem Handy ins Gestrüpp schlich, um YB-Resultate zu checken, war der Vater.

2014 hatte unsere Tochter in den USA herzensgute Gasteltern. Aber ich musste aufpassen, was ich schrieb, denn sie gaben meine Kolumnen in ein Übersetzungsprogramm ein, und dass die lesbische Musikerin Amy Ray, die ich überaus verehre, zusammen mit ihrer Frau gerade Mutter geworden war oder Vaterin oder wie auch immer … Das entsprach nicht dem Weltbild dieser frommen Leute in Kentucky.

2015 erschien die letzte Kolumne unter dem Titel «Der Hausmann». Ob ich seither eine Putzfrau habe? Aber nein doch.


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Autor: Bänz Friedli