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01. Dezember 2014

10 Jahre Tsunami: Leben nach der Flut

Vor zehn Jahren verwüstete ein Tsunami ganze Landstriche in Südostasien und löste die grösste Spendenaktion der Schweizer Geschichte aus: 227 Millionen Franken erreichten die Glückskette. Wie wurde das Geld eingesetzt? Ein Besuch in Indonesien und das Video (oben) der Glückskette mit Bildern von heute sowie SRF-Archivmaterial von 2004.

Als am Morgen des 26. Dezembers 2004 die Erde bebte, war das ein Schock für die Menschen der indonesischen Kleinstadt Meulaboh an der Westküste Sumatras. Doch die Schäden hielten sich in Grenzen, und alle dachten erleichtert, sie seien noch einmal davongekommen. 15 Minuten nach dem Beben kam die erste Wasserwand. Sie war über zehn Meter hoch, riss alles mit, brachte Tod und Zerstörung.

Banda Aceh im Dezember 2009
Banda Aceh im Dezember 2009.

Umi Sakdiah befand sich zu der Zeit in ihrem Haus nahe am Meer. Ihre Mutter war an jenem Morgen aus einem Nachbarort angereist, um sich um eine kranke Enkelin zu kümmern. Sie war gerade eingetroffen, als das Wasser kam. Die Flut riss die Familie auseinander, Umi wurde landeinwärts gespült, verlor ihre Familie sofort aus den Augen. Sie kämpfte um ihr Leben, klammerte sich an einer Stromleitung fest und rettete sich schliesslich auf ein Hausdach. Dort sass sie fest und musste die Verheerungen mitansehen, die das Wasser anrichtete, das sich in immer neuen Wellen dreckig und voller Material und Leichen landeinwärts wälzte. Als es sich endlich zurückzog, blieb eine Landschaft zurück, die aussah wie nach einem Krieg. Und Umi begann zu suchen: nach ihren beiden Töchtern, ihrer Mutter, ihrer Schwester – erfolglos.

Szene in Banda Aceh am 26. Dezember 2004
Szene in Banda Aceh am 26. Dezember 2004.

Vor dem Tsunami hatte Meulaboh 120'000 Einwohner, 40'000 starben – beziehungweise wurden nie gefunden, 70 000 verloren alles. Das Epizentrum des Bebens lag nur gerade 150 Kilometer entfernt, direkt vor der Küste Meulabohs. Nirgendwo war das Wasser schneller, nirgendwo wütete es heftiger. Von den rund 230'000 Menschenleben, die der Tsunami in Südostasien forderte, starben 170'000 in der indonesischen Provinz Aceh an der Nordspitze Sumatras. Stark getroffen wurde auch die Provinzhauptstadt Banda Aceh, die zu rund einem Drittel verwüstet wurde.

Vier von fünf Kindern und die Frau an den Tsunami verloren

Umi flüchtete sich in das Haus einer Schwester in einem Nachbarort, der verschont geblieben war. Die geschiedene Frau suchte und suchte, bis sie sich irgendwann eingestehen musste, dass ihre Töchter und die Mutter wohl tot waren.

Das alles erzählt die heute 38-Jährige ruhig und scheinbar unbewegt. Neben ihr in ihrem Beautysalon im neuen Stadtteil Blang Beurandang sitzt ihr zweiter Ehemann, der Lehrer Abdul Wahad (55). Er hat vier seiner fünf Kinder und seine Frau an die Welle verloren. «Wochenlang bin ich wie ein Wahnsinniger durch die Gegend gereist und habe sie gesucht.» Irgendwann aber hat auch er aufgegeben.

Eine Mutter trägt ihr Kind
Eine Mutter trägt ihr Kind.

Etwa zwei Jahre nach dem Tsunami hatten sie sich kennengelernt, zufällig, weil sie regelmässig das gleiche Café besuchten. Die Traumaberatung eines Hilfswerks half ihnen, den grossen Schmerz allmählich zu bewältigen. Und dank Schweizer Spendengelder und des Einsatzes der Caritas vor Ort bewohnen sie heute nicht nur ein hübsches kleines Häuschen weit entfernt vom Meer, Umi Sakdiah hat sogar eine Ausbildung als Coiffeuse und Kosmetikerin machen können – ein lang gehegter Traum.

Es geht uns viel besser als vor dem Tsunami.

Seit vier Jahren hat sie ihren eigenen kleinen Salon, direkt ins Wohnhaus integriert. «Es geht uns heute sehr viel besser als vor dem Tsunami», sagt Umi. Natürlich sind sie und ihr Mann noch immer traurig, wenn sie an ihre verstorbenen Angehörigen denken, aber das Leben geht weiter. Und die beiden haben auch einen gemeinsamen achtjährigen Sohn, der die grosse Katastrophe nur aus Erzählungen kennt.

Nur an wenigen Orten sind noch Spuren der Zerstörung zu sehen
Nur an wenigen Orten sind noch Spuren der Zerstörung zu sehen.

Alle Erwachsenen jedoch, denen man in Aceh begegnet, sind Tsunami-Überlebende. Alle haben Furchtbares durchgemacht, Angehörige verloren, dramatische Geschichten zu erzählen. Aber bei allen ist das Leben weitergegangen, nicht zuletzt dank einer gewaltigen Welle von Hilfsbereitschaft, die nach dem Tsunami über die Provinz Aceh hereinbrach.
Allein aus der Schweiz flossen rund 100 Millionen Franken dorthin – insgesamt sollen es rund 7 Milliarden Dollar gewesen sein. «Die Bevölkerung in der Schweiz sah die dramatischen Fernsehbilder aus Südostasien und spendete mit einer noch nie da gewesenen Grosszügigkeit», sagt Manolo Caviezel (39), Projektleiter für das Tsunami-Hilfsprogramm bei der Glückskette. Die Stiftung erhielt in den Wochen danach 227 Millionen Franken, die grösste Spendensumme der Schweizer Geschichte.

Die Glückskette liess evaluieren, was die Spenden bewirkt haben

Der Fischmarkt von Meulaboh
Viele Familien leben von der Fischerei: Der Fischmarkt von Meulaboh (Sumatra).

«Die Herausforderung war nun, dieses Geld möglichst sinnvoll einzusetzen», sagt Caviezel, «was umso schwieriger war, als Hunderte von Hilfswerken mit Taschen voller Geld nach Aceh geströmt waren und teilweise regelrecht um Projekte rivalisierten.» Die Glückskette ist nicht selbst vor Ort aktiv, sondern leitet das Geld weiter an Hilfswerke wie die Caritas, Swisscontact oder das Schweizerische Rote Kreuz, die konkrete Projekte durchführen. «Zehn Jahre danach wollten wir nun wissen, was diese Projekte bewirkt haben, was funktioniert hat, und was wir bei anderen Projekten besser machen können.»

Den Zuschlag für die Evaluation bekam die belgische Channel Research. Deren Team unter der Leitung des erfahrenen Holländers Adriaan Ferf (66) reiste im Sommer zwei Monate durch Indien, Indonesien und Sri Lanka, jene Länder, in die am meisten Schweizer Spenden geflossen waren. Caviezel reiste Ende August mit Schweizer Journalisten nach Aceh, um diesen Gelegenheit zu geben, sich vor Ort umzusehen und die Evaluatoren gegen Schluss ihres Indonesienbesuchs zu treffen.

Evaluationsleiter Adriaan Ferf
Im Auftrag der Glückskette vor Ort: Evaluationsleiter Adriaan Ferf.

Ferf hat eine gute Woche in Meulaboh verbracht und ist des Lobes voll für die Glückskette. «Es ist ausserordentlich selten, dass ein Hilfswerk zehn Jahre später ergebnisoffen analysieren lässt, was seine Hilfe tatsächlich bewirkt hat und einem dabei so viel Zeit und ­Ressourcen zur Verfügung stellt.» Tatsächlich lässt sich die Glückskette diese Analyse 318'000 Franken kosten und ist bereit, sich auch einem kritischen Ergebnis zu stellen. Zum Zeitpunkt des Treffens in Meulaboh will sich Ferf jedoch noch auf keine Beurteilung einlassen, dafür sei es noch zu früh. Immerhin lässt er sich entlocken, er sei «positiv überrascht» von dem, was er in Aceh gesehen habe. Genaueres werde es erst im Dezember geben (siehe Box rechts).

Was ich in Aceh gesehen habe, hat mich positiv überrascht.

Ferf und sein fünfköpfiges Team werden am Ende 370 Gespräche mit 500 bis 700 Personen in drei Ländern geführt haben. «Manchmal verbringen wir einen ganzen Tag mit einer Familie.» Entscheidend sei es, sich Zeit zu lassen, Vertrauen aufzubauen. Und natürlich trifft er auch Offizielle und Regierungsleute, um auszuloten, wie weit die diversen Infrastrukturprojekte weitergeholfen haben. Mit den Spenden wurden auch Schulen wieder aufgebaut, Wasserwerke modernisiert und Spitäler saniert. Klar sei, dass Hilfe immer auch unvorhergesehene Nebeneffekte habe, sagt Ferf. «So kommt es etwa vor, dass ein Fischer sein schönes, neues Boot lieber verkauft und mit dem Geld etwas anderes, dringend Benötigtes anschafft.»

Inshafuddin Boarding School
Die Inshafuddin Boarding School.

Besucht man heute Orte wie Meulaboh oder Banda Aceh, kann man nur staunen. Beides sind blühende Städte mit funktionierender Infrastruktur, voller geschäftiger Menschen und neugieriger Kinder, die jede Gelegenheit nutzen, ihre paar Brocken Englisch zu üben. Auch in der Inshafuddin Boarding School in Banda Aceh, die mit Hilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) neu aufgebaut wurde, wird das Schweizer Journalistengrüppchen rasch angesprochen. Fünf Teenagermädchen mit Kopftüchern wollen wissen, wie alle heissen, woher man kommt und was man von Indonesien hält.

Im Stadtteil Blang Beurandang von Meulaboh
Im Stadtteil Blang Beurandang von Meulaboh wurden dank der Unterstützung der Caritas über 1000 Häuser neu gebaut.

Sie selbst gehören zu den glücklichen, knapp 600 Schülerinnen und Schülern, die das Internat aufgenommen hat, das eigentlich nur für 500 konzipiert wäre. Aber das Institut ist begehrt: Wer die sechs Jahre Mittelschule erfolgreich abschliesst, hat nachher gute Chancen auf ein Studium oder einen guten Job. Die 17-jährige Fahad Buyung zum Beispiel würde gern Englisch studieren, am liebsten in Australien, dafür aber muss sie in einem Jahr einen guten Abschluss schaffen. Wie jede Schule in der islamischen und zutiefst frommen Provinz legt auch das Inshafuddin-Internat grossen Wert auf religiöse Bildung. Dennoch betont Schulleiter Abdullah Usman (63), dass die Mädchen genau die gleiche Schul- und Ausbildung erhalten wie die Jungen, «und oft sind sie auch klar besser, gerade im Englisch», erklärt er mit Hilfe eines Übersetzers.

Nach dem Tsunami haben viele Hilfswerke einfach mal losgelegt

Ebenfalls vor Ort ist der ehemalige Auslandsleiter des SRK, Martin Fuhrer (60), der die Projekte in Banda Aceh eng begleitete. Er freut sich zu sehen, wie gut sich die Schule entwickelt hat. «Die Hilfsaktion nach dem Tsunami war die grösste in unserer Geschichte.» Allein in Aceh hat das SRK rund 20 Millionen Franken für Hilfsprojekte ausgegeben. Das Geld ist vor allem in Schulen, Krankenhäuser und Wasserwerke geflossen.

«Die Lage unmittelbar nach dem Tsunami war extrem schwierig und chaotisch», erinnert sich Fuhrer. «Teilweise haben Hilfswerke einfach mal wild irgendwo losgelegt.» Manchmal kam es zu echten Konflikten, welche Organisation nun dieses Spital oder jene Schule wieder aufbauen durfte. «Unseren Platz in diesem Durcheinander zu finden war wirklich schwierig, aber wir fanden ihn», sagt Fuhrer. «Und die Not war echt und gross. Es war richtig, das durchzustehen und sich hier zu engagieren. Aus heutiger Sicht haben wir sinnvolle Projekte unterstützt, mit denen wir den Menschen hier geholfen haben.»

Als Hilfsorganisation braucht man einen langen Atem und viel Geduld.

Manfred Borrer von Swisscontact
Unterstützt Kleinunternehmen in Aceh: Manfred Borrer von Swisscontact.

Manfred Borer (40), Leiter von Swisscontact in Indonesien, sieht das auch so. Swisscontact ist eine unabhängige Stiftung, die auf wirtschaftliche, soziale und ökologische Entwicklung fokussiert und in der Provinz Aceh vor allem Kleinunternehmen unterstützt. In Indonesien ist die Organisation bereits seit 1973 aktiv, in Aceh erst seit dem Tsunami. Bisher hat sie dort etwa 25 Millionen Franken in die Privatwirtschaftsförderung investiert.

Es fehlen nach wie vor Mittel und qualifizierte Leute

Die Herausforderungen für die beiden Helfer waren zahlreich. «Ein grosses Problem war, genügend qualifizierte Leute zu finden und sie zu halten, einige der Organisationen zahlten höhere Löhne als wir», sagt etwa Martin Fuhrer. Problematisch war auch die komplizierte Bürokratie Indonesiens, die notorische Korruption und die regelmässigen Änderungswünsche seitens der Regierung. «Man braucht einen langen Atem und viel Geduld», so Manfred Borer. Heute orten die beiden andere Schwierigkeiten: «Die Infrastruktur steht nun zwar, aber sie wird oft nicht gut genug gemanagt und unterhalten, teils fehlen die Mittel, teils aber auch schlicht Wille und Kompetenz», sagt Fuhrer.

Eines der neuen Häuser
Eines der neuen Häuser von Blang Beurandang.

Und es gab auch Fehlinvestitionen. So wurden mancherorts von Hilfsorganisationen Häuser hingestellt, die heute leer stehen. «Doch so was kann überall passieren, der neue Flughafen in Berlin funktioniert schliesslich auch noch nicht», sagt Borer. Mehr Sorgen macht ihm die zunehmende rigide Religiosität. «In Aceh gilt die Scharia. Das macht es fast unmöglich, eine Tourismusindustrie aufzubauen, obwohl es hier zahlreiche Traumstrände gibt und man diese Einnahmen gut brauchen könnte.»

Alles in allem jedoch empfinden beide die Entwicklung der Region positiv. «Es gab einen Riesensprung vorwärts», sagt Borer. Dazu beigetragen hat auch, dass der vor dem Tsunami schwelende Konflikt zwischen einer Unabhängigkeitsbewegung in Aceh und der indonesischen Regierung beigelegt worden ist. Die Katastrophe schockte die Streitparteien so sehr, dass ein Kompromiss möglich wurde. Seither hat Aceh mehr Autonomie, und es herrscht Frieden.

Eine improvisierte Schaukel
Eine improvisierte Schaukel.

Auch Annina Feller (36) ist positiv überrascht. Sie lebte als Delegierte für die Caritas Schweiz von 2008 bis 2010 in Meulaboh und koordinierte den Aufbau von neuen Häusern für die Bevölkerung. 201 wurden am ursprünglichen Ort, nahe am Meer, neu gebaut, 1049 weitere im Landesinnern. «Für uns war damals die grosse Frage, ob die Umsiedlung der Leute von der Küste in den neuen Stadtteil funktionieren würde», sagt Feller. «Es ist schön zu sehen, dass das geklappt hat und sich die Menschen hier ein neues Leben aufgebaut haben.»

Die Herausforderungen waren auch für Feller damals zahlreich. Zu den grössten gehörte die Auswahl der Begünstigten für die Häuser. Viele andere Hilfswerke bauten am gleichen Ort, und einige Familien bewarben sich bei verschiedenen Organisationen für Häuser. «Es galt zu vermeiden, dass eine Familie plötzlich mehrere Häuser besitzt und andere leer ausgehen.» Spricht man heute mit den Bewohnern des neuen Stadtteils Blang Beurandang, hört man viel Lob für die Caritas-Häuser. Diese seien qualitativ besser als jene anderer Hilfswerke. Überhaupt ist die Dankbarkeit gross. «Bitte richten Sie dem Schweizer Volk unseren Dank aus», hören die Journalisten gleich mehrmals.

Umi Sakdiah und Abdul Wahad profitierten von der Hilfe
Auch Umi Sakdiah und Abdul Wahad profitierten von der Hilfe.

Auch Umi Sakdiah und ihr Mann sind froh um die Hilfe, die ihnen neuen Lebensmut und eine Zukunft gegeben hat. Umis Traum ist, später einen grösseren Beautysalon zu eröffnen, der etwas zentraler in der Stadt liegt und mehr Kunden anzieht. Und Abdul Wahad hat sich vom Erfolg seiner Frau inspirieren lassen: Er will seinen Lehrerjob in ein paar Jahren an den Nagel hängen und einen Herrensalon eröffnen.

«La Marella»: Tsunami-Reportage aus Indonesien, Radio Rumantsch, 4. Dezember, 20 Uhr
«Glückskette aktuell» über den Aufbau einer Kaffeerösterei, Radio SRF 1, 7. Dezember, 9.45 Uhr
«Einstein»: Tsunami-Reportage aus Indonesien, Fernsehen SRF 1, 11. Dezember, 21 Uhr
«Glückskette aktuell» über Umis Coiffeursalon, Radio SRF 1, 28. Dezember, 9.45 Uhr

Fotograf: Samuel Trümpy