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07. September 2015

Zauberworte

Die Tochter bittet
Wohlerzogene Haltung oder belanglose Höflichkeitsformel? (Bild: iStockphoto)

Kennen Sie die berühmten Zauberworte? Na klar kennen Sie die. Meine Kinder selbstverständlich auch. Als Ida direkt nach ihrer Geburt abgenabelt wurde, bedankte sie sich bereits artig bei der Hebamme. Und Eva kann so schön Bitte sagen, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Die beiden sind einfach wunderbar erzogen. Und sollte es – rein hypothetisch – trotzdem mal mit dem guten Benehmen hapern, dann rufe ich laut «Zauberwort!» Dann besinnen sich die Kinder und zeigen sich prompt von ihrer besten Seite. Dankebittedankebitte. Ja, so ist das bei uns.

Streichen Sie die letzten Zeilen. Tut mir leid, das war schamlos gelogen. Meine beiden sind, wie Kinder eben sind: Manchmal vergessen sie die magischen Worte, die den Eltern und vor allem den Mitmenschen so wichtig sind. Einfach so und ohne böse Absichten. Vielleicht, weil sie es eilig haben, vielleicht, weil sie sich in einer Situation wohlfühlen und deshalb unbedarfter sind. Meine Töchter verlernen gelegentlich auch, wie man Leute ordentlich begrüsst oder verabschiedet. Blickkontakt herstellen, Hand ausstrecken, zupacken, beherzt schütteln – keine Ahnung, wie das geht.

Ich habe aufgehört, es persönlich zu nehmen. Spontane Dressureinlagen à la «Wie sagt man?» oder «Gib die rechte Hand!» gibts bei mir nur noch selten.
Das bringt erfahrungsgemäss wenig bis nichts. Im schlimmsten Fall wiederholen die Kinder robotergleich Floskeln, ohne den Inhalt zu verstehen. So wie Andri, der neulich auf die Aufforderung seiner Mutter, doch endlich sein Kinderzimmer aufzuräumen, mit «nein Danke» antwortete.

Gutes Benehmen ist weit mehr als eine Abfolge von gesellschaftlich festgelegten Verhaltensweisen und Formeln, und Kinder sind keine Zirkustiere, die auf Kommando Kunststücke vorführen können. Viel wichtiger wäre, dass die Knirpse verstehen, warum Danke und Bitte im gesellschaftlichen Miteinander wichtig sind, wieso man mit einem Handschlag einen Krieg beenden kann. Ganz ähnlich ist es übrigens auch mit einer guten Erziehung. Es geht nicht darum, den Nachwuchs in eine bestimmte Richtung zu zerren, sondern ihm einen Weg aufzuzeigen. Und Alternativrouten anzubieten.

Autor: Bettina Leinenbach