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10. Juni 2014

Der Spielkarten-Magier

Wenn der Zauberer Tino Plaz mit seinem Kartenset loslegt, ist man versucht, tatsächlich an Magie zu glauben. Der junge Bündner war einst Banker, will nun aber von der Zauberkunst leben.

Tino Plaz
Zauberer Tino Plaz ist auf Tricks mit Spielkarten spezialisiert.

Tatsächlich, die Herz 9! Sie war die Karte, die wir ohne Wissen von Tino Plaz (26) ausgesucht hatten und die er nun am Ende einer komplexen Mischoperation und einer Story über einen angeblich fast misslungenen Auftritt aus dem Stapel herausholt und lächelnd präsentiert. Die Story war natürlich Ablenkung, klar, aber wir sitzen direkt neben ihm, unsere Augen starr auf seinen Händen – und haben nicht den Hauch einer Ahnung, wie er das gemacht haben könnte.

Es versteht sich von selbst, dass er es auch nicht verrät; die Geheimniskrämerei gehört nicht nur zu den eisernen Prinzipien jedes Zauberers, der etwas auf sich hält, Plaz musste sich auch bei der Aufnahme in den Magischen Ring Schweiz (siehe rechts) dazu verpflichten. Die Mitgliedschaft in der Berufsvereinigung, die dieses Jahr ihr 75-jähriges Bestehen feiert, ist sozusagen der Ritterschlag für jeden jungen Zauberer. «Die Prüfung besteht aus zwei Vorführungen und einem Theorieteil», erklärt Plaz. Bei Letzterem wird auch historisches Fachwissen über frühere Grössen der Zauberzunft erwartet.

Plaz hat die Prüfung im Juni 2012 bestanden, aber seinen Job bei der Bank schon 2011 aufgegeben – so sicher war er, dass er mit der Zauberei seine wahre Berufung gefunden hatte. Noch kann er von seinen Engagements nicht leben, weshalb er drei Tage pro Woche im Zauberparadies Zürich arbeitet, dem grössten Zauberfachgeschäft der Schweiz.

Kartentricks brauchen geschickte Finger.
Kartentricks brauchen geschickte Finger.

Die Zauberei ist dem jungen Bündner nicht in die Wiege gelegt worden. «Mein Vater war bei einer Bank, mein Bruder auch, also dachte ich, das wäre auch was für mich.» Plaz machte eine Banklehre und verbrachte rund sieben Jahre in dem Beruf. Es war seine Freundin Linda, die ihn ganz ohne Absicht zur Magie brachte. «Wir spielten Karten, und plötzlich zeigte sie mir einen Trick, den sie von ihrem Grossvater gelernt hatte.» Das tat sie so geschickt, dass er keine Chance hatte zu verstehen, wie er funktionierte. «Da packte mich der Ehrgeiz, und ich habe nach Kartentricks gesucht, mit denen ich sie verblüffen kann.» Linda allerdings erwies sich als gute Beobachterin, was seinen Ehrgeiz nur noch mehr anstachelte. Er fing an, Bücher zu lesen, und entdeckte dabei die Welt der Zauberei. «Besonders hilfreich waren die Bücher des Basler Zauberkünstlers Roberto Giobbi. Sie gelten international als Standardwerke der Kartenmagie.»

Gute Zaubertricks brauchen monatelange Vorbereitung

Was jedoch auf der Bühne und am Spieltisch so mühelos und leicht aussieht, ist harte Arbeit: «Es gibt Tricks, an denen arbeite ich ein halbes Jahr, bis sie vor Publikum funktionieren», sagt Plaz. Zu Beginn trainierte er täglich drei bis vier Stunden, heute sind es noch ein bis zwei Stunden. «Lernen kann das jeder», sagt er. Und das wirkt umso überzeugender, als er selbst weder besonders fingerfertig war noch gerne vor Publikum auftrat. «Ich war früher bei Vorträgen in der Schule immer furchtbar nervös.» Aufgeregt ist er heute vor seinen Auftritten zwar noch immer ein bisschen, aber seine Tricks hat er im Griff, sodass er sich fast ganz auf den Showteil und das Publikum konzentrieren kann.

Denn der Erfolg jeder Magie hängt daran, die Wahrnehmungsmechanismen der Zuschauer zu nutzen und allenfalls auch auszutricksen. «Deshalb reicht es nicht, den Trick technisch zu beherrschen, es braucht immer noch eine Story dazu, die im Publikum Assoziationen auslöst.» Plaz hat ein sorgsam vorbereitetes Skript, an das er sich während seiner Show hält. «Aber es darf nicht auswendig gelernt wirken und muss Raum lassen, spontan auf die Zuschauer einzugehen.» Gerade diese Interaktion, das Staunen und die Fragen sind ein grosser Reiz für ihn.

Plaz hat auch Tricks mit Münzen im Programm.
Plaz hat auch Tricks mit Münzen im Programm.

Natürlich testet Plaz all seine Tricks zuerst ausgiebig. «Meine Freundin und meine Familie mussten in den letzten sechs Jahren eine Menge unausgereifter Tricks über sich ergehen lassen.» Wenn er sie überzeugen kann, kommt als Nächstes eine grössere Gruppe von Freunden dran, dann die Kollegen im lokalen Zauberklub. «Ein sehr kritisches Publikum, denn sie wissen natürlich oft, wie die Tricks funktionieren.» Erst wenn er vor all diesen Zuschauern überzeugt, ergänzt er sein Repertoire mit einem neuen Element. Dabei liegt sein Fokus noch heute auf Spielkarten. «Ihre Vielseitigkeit ist sensationell, man kann im Grunde fast jede Form von Trick mit ihnen machen und braucht nie mehr als ein Kartenset und einen Tisch.» Aber Plaz hat inzwischen auch Zaubereien mit Seilen, Tüchern und Früchten im Programm, die nicht minder verblüffend sind. Neue Tricks zu entwickeln, gehört zum Job. «Wobei etwas fundamental Neues zu erfinden fast nicht möglich ist. Es geht mehr darum, etwas gut für sich zu adaptieren und daraus etwas Einmaliges zu machen.»

Der junge Zauberer setzt alles auf eine Karte

Engagiert wird er bisher vor allem für Hochzeiten, Firmenanlässe oder Geburtstage. Sein Salär ist Verhandlungssache, je nach Dauer und Art des Ein­satzes sowie Grösse des Publikums. Am wohlsten fühlt er sich, wenn es nicht mehr als 50 Leute sind, weil er dann keine Bühne braucht und das Publikum stärker einbeziehen kann. Aber er ist durchaus offen für Grösseres.

Einen Plan B als Alternative zur Zauberei hat er nicht. Seine Bankausbildung hilft ihm zwar, als Selbständiger seine Zahlen im Griff zu haben, aber mit der Finanzbranche hat er abgeschlossen. Und falls es finanziell doch mal eng wird, könnte er sein Glück im Spielcasino versuchen. Die meisten Kartentricks basieren nämlich auf den erfolgreichen Betrügereien von Falschspielern am Pokertisch.

www.tinoplaz.ch