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29. August 2016

Daniel Radcliffe verzaubert Zürich

Zehn Jahre war Daniel Radcliffe der berühmteste Zauberlehrling der Welt. Inzwischen hat der Schauspieler bewiesen, dass er «Harry Potter» längst hinter sich gelassen hat. Am Zurich Film Festival stellt er zwei seiner neusten Werke vor.

Daniel Radcliffe
Gefragt für Hollywood- und Independent-Filme: Daniel Radcliffe. (Bilder: Lions Gate/Courtesy Everett Collection/Keystone)

Daniel Radcliffe, die Ferienzeit ist gerade zu Ende. Wie sehen Ferien bei Ihnen aus?

Ferien sind, wenn ich mal zu Hause in New York oder London sein kann. Ich habe gerade in Australien gedreht und war dort auch am Strand. Aber ich finde das nicht entspannend – ich bin so blass, sodass ich alle zehn ­Minuten Sonnencreme auftragen muss.

Man hört, Sie seien ein besessener Baccarat-Spieler. Spielen Sie in den Ferien zu Hause Karten mit Hollywoods Pokerfans Ben Affleck und Tobey Maguire?

Nein, eine Pokerrunde wäre für mich eine schnelle Art, viel Geld zu verlieren. Aber als wir für «Now You See Me 2» in Macau waren, hat mir Baccarat tatsächlich den Ärmel ein bisschen reingezogen. Meine Leidenschaften sind aber noch immer Fantasy, Football und die ­Basketball- und NHL-Playoffs.

Mit dem Illusionisten-Thriller «Now You See Me 2» kehren Sie erstmals seit «Harry Potter» in die Welt der Zauberer zurück. Ein bewusster Schritt?

Das wird mir jetzt niemand glauben, aber ich Einfaltspinsel habe keine Sekunde daran gedacht, dass das eine mit dem anderen etwas zu tun haben könnte. Die Rollen sind ja sehr unterschiedlich, und die Zauberei ist eine ganz andere als in «Harry Potter». Zauberei fasziniert mich aber immer noch, und ich finde sie auch nicht weniger interessant, wenn ich die Tricks dahinter kenne.

Daniel Radcliffe in «Now You See Me 2»

In «Now You See Me 2» fordert Daniel Radcliffe (im hellen Anzug) die Zauberhelden heraus: Dave Franco, Lizzy Caplan und Jesse Eisenberg (von links).

Von Ihren Co-Stars wurden Sie gelobt, weil Sie in einer Szene Ihren langen Monolog fokussiert und fehlerlos beim ersten Mal ablieferten. Versuchten Sie, die eingespielte Truppe zu beeindrucken?

Seinen Text zu können, gehört doch einfach zum Job! Dafür, dass ich ihn auswendig gelernt habe, muss man mir wirklich nicht auf die Schulter klopfen. Ich nerve mich auch immer über Schauspieler, bei denen sich im Hintergrund nichts bewegen darf. Ich war mal dabei, als ein Schauspieler ein Crew- Mitglied deswegen total zusammenstauchte und vor allen blamierte. Dabei: Der Schauspieler arbeitete auch im Theater, und da klingeln Handys, oder es passiert sonst was – dann muss man auch weiter­machen können. Jemand anderem die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist lausig.

Set-Etikette ist Ihnen sehr wichtig?

Ja, schauen Sie sich Michael Caine an: Als Schauspieler möchte ich eines Tages den Respekt geniessen, der ihm zuteil wird. Er hat wirklich Spass an seinem Job, und das auch noch mit über 80 Jahren um vier Uhr in der Früh draussen in der Kälte. Ich denke, wenn man diese Freude nicht hat, sollte man nicht auf einem Set sein. Wenn ich mir also gerade mal etwas leid tue und einen Aufsteller brauche, schaue ich die lange Filmliste seines Lebenswerks an.

Ich begegne dauernd Leuten, die sich dafür bedanken, dass ich Teil ihrer Kindheit war.

Caine spielt im Film Ihren Vater. Was haben Sie von Ihrem eigenen Vater Nützliches auf den Lebensweg mitbekommen?

Sehr vieles, was ich aber jetzt nicht konkret wiedergeben könnte. An einen Ratschlag erinnere ich mich aber gut: Ich war noch sehr jung, als er mir sagte, ich soll immer zuerst die Hand zum Gruss ausstrecken, wenn ich jemanden kennenlerne. Ich fand das damals einen eher banalen Anstands­tipp, aber später war ich tatsächlich dankbar dafür. Das Befolgen dieser Regel zeigt Enthusiasmus gegenüber der anderen Person. Es hat mir sicher oft geholfen, einen besseren Eindruck zu hinterlassen, als ich es sonst getan hätte.

Sie sind untrennbar mit Harry Potter verbunden. Verleidet es Ihnen nie, auf ihn angesprochen zu werden?

Ich begegne dauernd Leuten, die sich dafür bedanken, dass ich Teil ihrer Kindheit war. Und ehrlich: Das höre ich immer gern. Es ist ja auch eine ziemlich grosse Leistung, auf die ich immer noch stolz bin, vor allem auf die späteren Filme. Und Spass hatte ich auch dabei.

Und reich sind Sie damit auch geworden. Wofür geben Sie sinnlos Geld aus, weil Sie es können?

Ich verschleudere mein Geld nicht, ich habe auch keinen extravaganten Geschmack. Vielleicht gebe ich mal Geld für «guilty pleasures» wie Eis und Gebäck aus, aber das wird mich nicht in den Ruin treiben. Ich habe hübsche Wohnungen in New York und London, das ist eigentlich alles. Im Gegensatz zu 90 Prozent der männlichen Bevöl­kerung interessieren mich Autos kein bisschen – zum Glück für mein Portemonnaie und für alle Autofahrer auf der Strasse.

Emma Watson sieht man öfters, Rupert Grint, den Dritten aus dem Potter-Trio, weniger. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Ich habe ihn das letzte Mal Anfang Jahr gesehen. Wir sind beide furchtbar schlechte SMS-Schreiber, aber wenn ich ihn sehe, haben wir es immer gut zusammen.

Daniel Radcliffe als Zauberlehrling Harry Potter

Als Zauberlehrling Harry Potter ist der britische Schauspieler Daniel Radcliffe erwachsen und zum Star geworden.

Sie sind der jüngste Nicht-Royal, dessen Bild in der National Portrait Gallery in London hängt. Was bedeutet Ihnen das?

Es ist eins dieser bizarren, aber auch coolen Dinge, die in meinem Leben passiert sind, über die ich nicht viel nachdenke. Eigentlich müsste diese Ehre doch jemand anderem zuteil werden, denkt man. Aber so sage ich: Herzlichen Dank!

Hatten Sie nie Angst, für immer auf die Potter-Rolle reduziert zu werden?

Gegen Ende von Potter machte ich mir schon etwas Sorgen. Vor allem, weil mich Journalisten dauernd fragten, ob ich denke, dass mit 20 meine besten Jahre hinter mir liegen. Das setzte sich ein bisschen in ­meinem Kopf fest. Aber ich hatte mir fest vorgenommen, dass ich eine Karriere nach Potter haben würde. Deshalb trat ich mit 17 Jahren – zwischen den Potter-Filmen 5 und 6 – in «Equus» auf, einem schwierigen und düs­teren Theaterstück. Ich spielte es in London und New York, um zu signalisieren, dass ich meinen Horizont als Schauspieler erweitern wollte.

Sie kehren auch heute immer wieder auf die Bühne zurück. Fühlen Sie sich da besonders wohl?

Wohler als am Anfang. Auf «Equus» habe ich mich 18 Monate vorbereitet, etwa mit Stimmtraining, damit man mich auch ganz hinten hört. Beim Film ist das anders. Jetzt habe ich das zwar intus, aber die Angst, meinen Text zu vergessen und hilflos auf der Bühne zu stehen, ist immer noch da.

Alle Stars sind temporär, Schauspieler dauern an. Ich wollte andauern.

Zurzeit wird in London «Harry Potter and the Cursed Child» aufgeführt, ein Stück von J. K. Rowling über Harry Potters ­spätere Jahre. Haben Sie es gesehen?

Nein, und ich denke, ich gehe auch nicht hin. Sonst geht es an jenem Abend mehr darum, dass ich da war, als um das Stück. Ich finde es toll, dass Jamie Parker mich spielt, er ist ein toller Schauspieler. Ups, sorry, das klang jetzt ganz bescheuert. Er spielt natürlich Harry, nicht mich.

Sie möchten generell nicht erkannt werden. Vor zwei Jahren verkleideten Sie sich als Spider-Man, um sich beim Comic-Kongress Comic Con unerkannt unter die Massen mischen zu können. Wie gehen Sie mit Ihrem Star-Status allgemein um?

Es klingt schräg, dass man sich erst in einem Spider-Man-Kostüm normal vorkommt, aber deshalb mag ich auch Halloween: Ich kann mich verkleiden, und niemand macht ein Aufhebens mehr um mich. Was den Star-Status sonst betrifft: Mit dreizehn habe ich das Buch von William Goldman gelesen, einem der grössten Hollywood-Drehbuchautoren. Er schreibt darin so etwas wie: «Alle Stars sind temporär, Schauspieler dauern an.» Ich wollte andauern. Ich war damals so froh, musste ich nicht mehr in die Schule. Ich war schlecht, und alles, was die Lehrer an mir beanstandeten, wurde bei der Schauspielerei gefördert. Ich hatte mein Zuhause auf dem Set gefunden, und ich wollte alles geben, dass ich bleiben konnte.

Im Vergleich zu anderen Jungstars scheinen Sie ja auch kein grosses Problem mit den Medien zu haben. Stimmt der Eindruck?

Ich hatte tatsächlich Glück, ohne grossen Druck von jener Seite aufwachsen zu können. Die Medien haben mir sogar schon geholfen: Ich bekam den Job in der romantischen Komödie «What If», weil der Regisseur mich in einem TV-Interview gesehen hatte und fand, ich passe für die Rolle.

«What If» ist Ihre einzige romantische Komödie. Bleiben Sie bewusst Filmen fern, die das Image des Teenager-Schwarms und Sexsymbols verstärken?

Ich bin total bereit, mich mit der Bürde des Sexsymbols auseinanderzusetzen (lacht). Aber im Ernst: Ich mache das, was mich interessiert. Wenn eine gute romantische Komödie auf meinen Tisch flattert, würde ich sie gerne machen. Aber es ist halt viel schwieriger, etwas Glückliches auf der Leinwand spannend zu erzählen. Deshalb gibt es mehr Filme düsterer Schattierung.

Anfang Jahr haben Sie mit «Swiss Army Man» am Sundance-Filmfestival Furore gemacht. Sie spielen einen furzenden Leichnam, der von Co-Star Paul Dano wie ein Schweizer Sackmesser für Überlebenszwecke genutzt wird. Die Leute liefen entnervt aus dem Film. Wurmt Sie das?

Das täte es, wenn niemand den Film verstanden hätte. Aber es gab auch Leute, die ihn sehr originell fanden. Ich habe den Film nicht gewählt, um Leute zu schockieren oder eine Debatte auszulösen. Natürlich kann man einzelne Elemente herausnehmen und daraus verrückte Schlagzeilen basteln. Aber es geht um so viel mehr. Sie werden es sehen, wenn der Film ins Kino kommt (voraussichtlich Ende Oktober, Anm. d. Red.). Ich bin jedenfalls sehr glücklich und zufrieden, dass ich grosse Hollywoodfilme wie «Now You See Me 2» und schräge Indie-Streifen wie «Swiss Army Man» machen kann. Ich kann mich über nichts beklagen.

Autor: Marlène von Arx