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09. November 2015

«Young Adult»-Literatur: Rebellion zwischen Buchdeckeln

Die Hauptfiguren sind jung, meist weiblich und kämpfen gegen eine unmenschliche Ordnung in einer düsteren Zukunft. Young-Adult-Romane und -Filme wie «The Hunger Games» – Tickets und Bücher in der Verlosung (rechts: «Letzter Kampf um Panem») – ziehen Jugendliche und oft ihre Eltern in den Bann. Dazu Tipps von Expertinnen («Neu und lesenswert»).

Flo Flückiger (links) und Joelle Zindel
Flo Flückiger (links) und Joelle Zindel sind grosse Fans von Cassandra Clares «Chroniken derUnterwelt».

Joelle Zindel (16), Gymi-Schülerin aus Maur ZH

Liest das Genre seit: 5 Jahren

Erstes YA-Buch: «Twilight» von Stephenie Meyer

Lieblings-YA-Buch: «Chroniken der Unterwelt» von Cassandra Clare («The Mortal Instruments»)
«Ich war damals ein Riesenfan von ­‹Twilight›, die Liebesgeschichte und die Freundschaften haben mich total fasziniert. Ich mag ­Fantasy und Übernatürliches ge­nerell. Auf ‹Chroniken der Unterwelt› kam ich wegen des Films von 2013 – die Bücher sind aber um Welten besser! Die Hauptfigur der Story ist mir recht ähnlich, ich kann mich gut in sie reinversetzen. Und es ist einfach eine megaspannende Geschichte, sehr viel komplexer und interessanter als ‹Twilight›. Ich fänds auch sehr cool, selbst übernatürliche Fähigkeiten zu haben. Endzeit­geschichten à la ­‹Hunger Games› gefallen mir nicht so. Dass sich da Kinder und Jugendliche auf den Tod bekämpfen geht mir zu weit, ich bin eher die Romantikerin. Und ich lese eigentlich sonst nicht so viel.»

Die Filme: «Schaue ich auch, aber ich lese schon lieber die Bücher. Da kann ich mir alles selbst vorstellen, und oft bin ich dann ein wenig enttäuscht, wenn ich den Film sehe.»

Flo Flückinger (15) Gymi-Schülerin aus Maur ZH

Liest das Genre seit: 4 Jahren

Erstes YA-Buch: «Harry Potter und der Stein der Weisen» von J. K. Rowling («Harry Potter and the Philosopher’s Stone»)

Lieblings-YA-Buch: «Chroniken der Unterwelt» von Cassandra Clare («The Mortal Instruments»)
«Ich mag die Liebesgeschichte und die Idee mit dieser zweiten, übernatürlichen Welt, die hinter der Menschenwelt liegt. Mir gefallen Geschichten, mit denen man in eine andere Welt abtauchen kann. Generell mag ich Mythologien und stelle mir vor, wie es wäre, wenn es diese Wesen tatsächlich gäbe. Aber ich mag auch Endzeitgeschichten à la ‹Hunger Games›, da frage ich mich dann immer: Was, wenn ich das jetzt wäre? Was würde ich tun? Mir gefällt es auch, weil es nicht alltäglich ist. Aber dass so was wirklich passieren könnte, glaube ich nicht. Und ich lese heute auch nicht mehr so viel wie früher, wegen der Schule.»

Die Filme: «Schaue ich, aber bei ‹Chro­niken der Unterwelt› sind die Bücher viel besser. Die ‹Hunger Games›-Filme hin­gegen sind fast so gut. Manchmal kaufe ich mir ein Buch auch nur, weil ich den Film gemocht habe, etwa bei ‹Divergent›. Auch da sind aber die ­Bücher besser.»

Pascal Erb (20), Buchhändler aus Thun BE

Liest das Genre seit: 5 Jahren

Erstes YA-Buch: «Fillory – Die Zauberer» von Lev Grossman («The Magicians»)

Lieblings-YA-Buch: «Die Seelen der Nacht» von Deborah Harkness («A Discovery of Witches»)
«Die Zauberei fasziniert mich, und ich finde es cool, dass die Story in mehreren Zeitzonen spielt. Schon als Kind mochte ich die Hexe Bibi Blocksberg, ich fände es toll, wenn es Magie auch im realen Leben gäbe. Aber ich lese auch ganz gern dystopische Romane wie zum Beispiel ‹Hunger Games›. Da kriegt man eine Idee, was man tun könnte, falls man selbst mal in eine ­solche Situation gerät – nicht, dass ich mir Sorgen machen würde, dass das wirklich passieren könnte. Ich lese auch sonst viele Romane, gern Historisches.»

Die Filme: «Schaue ich auch gern und finde sie meist erstaunlich gut um­gesetzt, zum Beispiel ‹Hunger ­Games› oder ‹Divergent›.»

Ruben Furler (13), Gymi-Schüler aus Rüschlikon ZH

Liest das Genre seit: 3 Jahren

Erstes YA-Buch: «Harry Potter und der Stein der Weisen» von J. K. Rowling («Harry Potter and the Philosopher’s Stone»)

Lieblings-YA-Buch: «Skulduggery Pleasant» von Derek Landy
«Es geht um Magie und ein Mädchen, das mit einem lebenden Skelett gegen das Böse kämpft; das Besondere daran ist, dass es auch viel Humor hat. Ich mag Fantasy generell, aber es muss dann schon recht schnell mal was passieren; wenn seitenlang erst mal eine Welt definiert wird, finde ich das nicht so toll. Zwar tauche ich voll in diese Geschichten ein, aber wenn ich das Buch zuklappe, beschäftigen sie mich nicht mehr gross. Klar wäre es spannend, wenn es Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten gäbe. Aber mir ist lieber, wenn solche Dinge nur in Büchern passieren. Ich lese auch sonst gern und viel mehr als die anderen in meinem Freundeskreis. Das war aber nie ein Problem – und im Unterricht hat es manchmal Vorteile.»

Die Filme: «‹Hunger Games› durfte ich erst sehen, nachdem ich die Bücher gelesen hatte, weil meine Eltern finden, man sollte sich die eigene Fantasie nicht von Filmbildern limitieren lassen. Die Filme sind gut gemacht, aber es gibt auch weniger gute, etwa ‹Eragon›.»

Jasmin Weirauch (53), Buchhändlerin aus Winterthur ZH

Liest das Fantasy-Genre seit: 30 Jahren (mit fliessendem Übergang zu YA)

Erstes YA-Buch: «Die unendliche Geschichte» von Michael Ende

Lieblings-YA-Buch: «Everlasting» von Holly-Jane Rahlens
«In der Regel gilt ‹Harry Potter› als Start der YA-Welle, aber den Mix aus jugendlichen ­Helden und Fantasy, der auch Erwachsene ­anspricht, gab es durchaus schon früher, etwa die Geschichten von Michael Ende. Mit ‹Harry Potter› war einfach ein Hype verbunden, den es im Buchhandel vorher und nachher nie mehr gegeben hat. Mir gefällt ‹Everlasting› sehr, weil es ­einen anderen Ansatz hat. Es geht mit Zeitreise ein wenig in Richtung Science-Fiction und ist sprachlich anspruchsvoller, ausserdem werden viele komplexe Themen angesprochen. Ich bevorzuge Geschichten mit etwas mehr Fleisch am Knochen. Generell toll finde ich den Drive der YA-Storys, die starken Frauen und das Serielle. Ich bin aber wohl die Einzige in meinem Freundeskreis, die diese Bücher liest.»

Die Filme: «Schaue ich. Die ‹Hunger Games›-­Filme vermeide ich jedoch, die gingen mir zu nahe. Ich fürchte, da sterben zu viele Figuren, die mir ans Herz gewachsen sind. Generell finde ich die YA-Filme aber gut gemacht – und was toll ist: Sie bringen die Jugendlichen wieder in die Buchläden.»

WORUM GEHT ES BEIM YA-PHÄNOMEN?

Immer kurz bevor eine neue Young-Adult-Romanverfilmung im Kino anläuft, stockt Orell Füssli Thalia (OFT) am Bellevue in Zürich die Büchervorräte auf. «Nach dem Filmstart gibt es jedes Mal einen grossen Ansturm», sagt Angelina Rubli (30), die die Kinder- und Jugendbuchabteilung betreut und auf Young-Adult-Fiction spezialisiert ist.
Das Genre liess in den letzten Jahren nicht nur die Kassen der Buchläden klingeln, sondern auch die Herzen der Filmproduzenten höher hüpfen. «Fast für jede der vielen Romantrilogien sind Verfilmungen in Vorbereitung», sagt Rubli. «Das ist natürlich toll für uns, aber man fragt sich schon, ob Hollywood denn sonst gar keine Ideen mehr hat.» Ein populäres Young-Adult-Buch verkaufe sich bei OFT etwa fünf Mal besser als ein klassisches erfolgreiches Jugendbuch, sagt Marketingleiter Philip Saladin. An die sieben «Harry Potter»-Romane kommen die Verkäufe jedoch nicht heran.

Fantasy, Endzeit, junge Heldinnen
Zwei Klassiker des Young-Adult-Genres sind «Twilight» und «The Hunger Games» («Die Tribute von Panem»), deren Verfilmungen eine ganze Generation von Jugendlichen in den Bann geschlagen und in die Bücherläden getrieben hat. Gleichzeitig repräsentieren sie auch die Bandbreite des Genres zwischen Fantasy und utopischen Endzeitszenarien. In «Twilight» verliebt sich ein Menschenmädchen in einen Vampir und realisiert, dass es hinter der ihr vertrauten Menschenwelt noch eine zweite gibt, in der Vampire und Werwölfe seit ewigen Zeiten miteinander rivalisieren.

«The Hunger Games» kommt ohne übernatürliche Wesen aus, dafür ist die Welt von verheerenden Kriegen zerstört worden. In der aus der Asche unserer Zivilisation neu errichteten Ordnung müssen Jugendliche aus allen Teilen des Landes ein Mal pro Jahr in einer künstlichen Abenteuerarena gegeneinander antreten und sich auf den Tod bekämpfen, bis nur noch einer übrig ist. Diese «Hunger Games» sind Unterhaltung und Kontrollinstrument zugleich. Bis eines Tages eine junge Frau auftaucht, die alle Regeln bricht und so die Grundfesten der neuen Ordnung zu erschüttern droht.

In den Young-Adult-Geschichten geht es immer entweder um übernatürliche Wesen in der real existierenden Welt oder um eine Zukunftswelt nach einer grossen Katastrophe. Die Helden sind oft weiblich und immer jung. «Und sie werden immer aus irgendwelchen Gründen mit einer Gesellschaft oder einer Ordnung der Erwachsenen konfrontiert, mit der sie sich auseinandersetzen müssen und die sie schliesslich bekämpfen», sagt Manuela Kalbermatten (34). Sie ist Assistentin für Populäre Medien am Institut für Sozialanthropologie und empirische Kulturwissenschaft der Uni Zürich und spezialisiert auf Dystopien, also Endzeitszenarien, wie sie im Young-Adult-Genre typisch sind.

Kalbermatten hält die Geschichten für politisch und gesellschaftlich durchaus relevant. «Es geht um junge Leute, die gegen eine bestehende Ordnung rebellieren – und meist gibt es am Ende zumindest den Hoffnungsschimmer auf eine bessere Welt.» Dies im Gegensatz zu klassischen dystopischen Romanen, die oft mit dem Tod der Hauptfigur enden und den Leser in absoluter Düsternis zurücklassen.
«Wer Bücher wie ‹The Hunger Games› liest, setzt sich automatisch auch mit den politischen Aspekten dieser Gesellschaft auseinander und zieht Parallelen zu unserer Gegenwart – auf die auch immer wieder angespielt wird.» Ein Genre also für junge Rebellen? So weit würde Kalbermatten nicht gehen. «Aber die Bücher sind eine Aufforderung, mal hinzuschauen, ob alles in Ordnung ist mit der Welt, in der wir leben. Sie tragen dazu bei, dass sich Jugendliche mit der Realität auseinandersetzen und vielleicht auch Entwicklungen in Frage stellen.»

Den Erfolg des Genres sieht sie darin begründet, dass es die Jugendlichen mit Themen abholt, die sie beschäftigen. Dazu gehören natürlich Liebe, Selbstfindung und Umgang mit Schranken, aber eben auch die Konfrontation mit Themen wie Glaube, Tod und Ungerechtigkeit. «Natürlich besteht gerade bei dystopischen Szenarien ein grosser Reiz darin, sich vorzustellen, wie man selbst sich in so einer Situation durchschlagen würde. Da werden existenzielle Fragen in einem sehr spannenden Setting verhandelt.»

Pädagogisch nicht wertvoll, dafür viel Action
Die Kulturwissenschaftlerin Christine Lötscher (45), die sich in ihrem Buch «Das Zauberbuch als Denkfigur» intensiv mit Young-Adult-Storys beschäftigt hat, sieht einen Reiz auch in der Erzählart der Geschichten. «Es ist keine pädagogisch wertvolle Jugendliteratur, in der es gewaltfrei und integrativ zugeht. Da ist Spannung, Action und eine gewisse Härte, das fasziniert.» Ausserdem müssten die jungen Heldinnen und Helden in den Büchern ihren Platz in der Gesellschaft finden, genauso wie die realen Jugendlichen – in einer Gesellschaft, die ­bedroht ist von Terror und wirtschaftlichen Problemen. «Die Lebensgefühle in Fiktion und Realität sind nah beinander.»
Generell sieht sie in der Faszination für Endzeitszenarien eine Reaktion auf eine grössere Unsicherheit gegenüber einer von vielen Krisen gebeutelten Realität. «Vielleicht ist da auch eine gewisse Sehnsucht nach einer einfacheren Welt, in der das komplexe Gebäude unserer Zivilisation nicht mehr ist und wir nochmals von vorn anfangen können.» Speziell ist laut Lötscher auch die Kombination von Buch und Film, wodurch die Storys zu Blockbustern und Events werden. «Daraus hat sich online eine Fankultur mit enormem Expertenwissen entwickelt.»

Wilde Mädchen, sensible Buben
Auch für das weibliche Selbstbewusstsein sind die Young-Adult-Geschichten förderlich, weil die Hauptfiguren oft Mädchen oder junge Frauen sind, wie etwa die schlagkräftige und kluge Katniss Everdeen in «The Hunger Games», die fast schon gegen ihren Willen zum Symbol des Aufstands gegen die Diktatur wird. «Da werden Vorbildfiguren kreiert», sagt Manuela Kalbermatten. Christine Lötscher sieht sogar einen generellen Trend in der zeitgenössischen Jugend­literatur: «Oft sind die Mädchen stark und wild, die Buben eher intellektuell und sensibel – das hat auch zu Kritik geführt und vermischt sich jetzt langsam wieder.»

Kalbermatten glaubt, dass die Young-Adult-Autoren ursprünglich auf Heldinnen setzten, weil Mädchen mehr lesen als Jungs. Aber einige dieser Bücher kommen auch beim männlichen Publikum gut an, nicht zuletzt dank der Filme, die oft auf Abenteuer und Action fokussiert sind. «Mädchen sind jedoch eher bereit, Geschichten mit männlichen Helden zu lesen als umgekehrt», sagt Buchhändlerin Angelina Rubli, die das Genre seit 2005 verfolgt und sehr gern selbst liest. «Es kommt aber schon auf das Alter an: Je älter sie sind, desto toleranter sind sie auch bei der Heldenfigur.»
Und in letzter Zeit sind die Dystopie-Bücher bei Jugendlichen deutlich beliebter als jene mit magischen oder übernatürlichen Figuren. Grundmotiv ist für Rubli dasselbe wie bei der klassischen Fantasy: «Man möchte über Dinge lesen und in Welten eintauchen, die man selbst im Alltag niemals erleben kann. Manchmal kommen Kundinnen zu mir, ganz schüchtern und verschupft, bei denen man merkt: Die gehen ganz in diesen Büchern auf, in diesen Welten werden sie mutig.» Rubli hat zwei Stammgäste, die ausschliesslich von ihr bedient werden wollen. «Wir haben exakt den gleichen Lesegeschmack. Wenn sie kommen und mich nicht sehen, gehen sie wieder.»

Den Unterschied zur Erwachsenen-Fantasy sieht Rubli vor allem in der Erzählweise und im Umgang mit der Geschichte. «In Tolkiens ‹Lord of the Rings› oder George R. R. Martins ‹Game of Thrones› werden ­gewaltige, komplexe Welten entworfen, ­hinter denen sich eine lange Historie ­verbirgt. Bei Young-Adult-Büchern ist das weniger wichtig. Man erfährt nach und nach mit der Handlung, warum die Welt so ist, wie sie ist. Aber der Fokus liegt auf den Ereignissen in der jeweiligen Gegenwart.»

Mehr und mehr Erwachsene erfreuen sich mittlerweile ebenfalls an den Young-Adult-Büchern. «Angefangen hat das schon mit J. K. Rowlings ‹Harry Potter›», sagt Rubli. Diese Fantasyserie hat das All-Age-Genre begründet, Geschichten also, die vom Primarschüler bis zur Rentnerin alle zu fesseln vermögen. «Seit ‹The Hunger Games› ist es geradezu explodiert.» Vielfach wollten die Eltern schlicht wissen, was ihr Kind da so sehr in den Bann schlägt. «Sie möchten den Hype verstehen.»
Manuela Kalbermatten glaubt, dass auch Erwachsene es spannend finden, sich anhand gut erzählter, mit grosser Kelle angerichteter Storys mit gesellschaftlichen und politischen Fragen zu beschäftigen. «Sie betrachten sie einfach aus ihrem ganz anderen Erfahrungshintergrund, und sie verstehen vielleicht auch Anspielungen auf feministische Theorie oder den grossen Sci-Fi-Autor Isaac Asimov.» Die besseren Bücher bedienten bewusst beide Altersgruppen. «J. K. Rowling oder auch George Martin haben das Fantasy-Genre für sich adaptiert», sagt Christine Lötscher. «Sie haben erkannt, dass da viel brachliegt, mit dem man spielen kann, haben Genres gemischt, die Psychologie der Figuren gestärkt – und sie haben so ein lange belächeltes Genre für das breite Publikum geöffnet.» 

«The Hunger Games: Mockingjay – Part 2» startet am 19. November in den Kinos.

Christine Lötscher:Das Zauberbuch als Denkfigur. Lektüre, Medien und Wissen in zeitgenössischen Fantasyromanen für Jugendliche, Chronos Verlag 2014, bei Ex Libris für Fr. 27.30

Autor: Ralf Kaminski

Illustrationen: Igor Morski / The Illustration Room