Archiv
24. November 2014

Yoga ganz persönlich

Es braucht keine spektakulären Verrenkungen, um Yoga zu praktizieren: Aber es braucht eine individuelle Einführung durch einen Yogatherapeuten, damit man dem Körper nicht schadet.

Mann macht Yoga.
Der Baum: Eine ­Yoga-Übung, die das Gleichgewicht fördert und, wenn man sich zum Beispiel an eine Wand lehnt, auch von Älteren leicht praktiziert werden kann (Getty Images).

Yoga – nicht schon wieder, könnte man denken. Nicht ganz zu Unrecht angesichts der Yogastudios, die inflationär eröffnet werden, und der vielen Yogapublikationen, die zu allen Jahreszeiten in den unterschiedlichsten Ausführungen in den Buchhandlungen und dort teilweise auf den Ausverkaufstischen günstig zu haben sind.

Yogabücher in allen Formaten und über jede Variante, wie Raja-Yoga, Hatha-Yoga, Mantra-Yoga, Siddha-Yoga, Power-Yoga, religiöses und philosophisches Yoga, oder einfach nur gegen Stress, Dicksein und Krankheiten, für Balance, Lebensfreude und so weiter. Man gewinnt den Eindruck, dass heutzutage jeder, der sich halbwegs dazu berufen fühlt, seine persönliche Yogabegeisterung im eigens eröffneten Studio auslebt, in Buchform bringt und im besten Fall gleich eine neue Yogarichtung erfindet.

Über den Körper und das Atmen den Geist erreichen

Laien sollten sich nicht verwirren lassen und kritisch sein, denn das eigentliche Anliegen des Yoga ist gut nachzuvollziehen.

«Keine Esoterik, keine Religion, keine Akrobatik», steht klar und deutlich auf der Website des Schweizer Yogazentrums. Und weiter heisst es: «Wir verstehen Yoga als einen offenen Weg zu mehr Gesundheit, Gelassenheit und innerem Frieden – frei von religiösen Dogmen, transparent und hinterfragbar. Damit dieser Weg erfahrbar wird, muss sich alles, was unterrichtet wird, an den ­Fragen, Wünschen und Möglichkeiten des einzelnen Menschen orientieren.»

Der Begriff Yoga tauchte vor 2500 Jahren in Indien auf

Woher Yoga ursprünglich kommt, ist nicht ganz geklärt. Der Begriff tauchte vor mehr als 2500 Jahren in Indien auf und hat auch heute noch unterschiedliche Bedeutungen. So betrachtet man Yoga einerseits als philosophisches, jedoch nicht religiöses System, andererseits als eine Möglichkeit, Konzentration zu erlernen. Und schliesslich bezeichnet man mit Yoga bestimmte Körper-, Atem- und Meditationsübungen. Um diese Bedeutung des Yoga soll es hier auch gehen.

«Yoga ist eine gezielte, sehr sinnvoll aufgebaute Praxis, über den Körper unter Einbezug des Atems den Geist zu erreichen», erfahren wir von der Yogalehrerin und -therapeutin Susan Kieser Jäggi, die den Yogaraum im zürcherischen Wald leitet. Sie unterrichtete viele Jahre am Schweizer Yogazentrum und ist jetzt für die Ausbildung der Yogatherapeuten am Institut für integrative Heilpraxis (iih) zuständig.

Es ist nicht das Ziel, spektakuläre Übungen zu beherrschen

Die Wirkung davon sind «Ruhe, Konzentration und grosse Klarheit», ergänzt sie. Susan Kieser Jäggi unterrichtet Hatha-Yoga nach der Viniyogamethode. So heisst traditionell die Methode, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Die Übungen sind normales Hatha-Yoga, eine Praxis, die auf verschiedenen alten Yogaschriften basiert, bei der auch der Körper einbezogen wird, nur dass man diese den Übenden angepasst hat. Oft ist es umgekehrt, dass Yogaschüler die einzelnen Übungen erlernen müssen, ob sie ihnen nun liegen oder nicht. Es ist nicht das Ziel von Yoga, einem Ungeübten spektakuläre, akrobatische Übungen beizubringen.

Nicht jede Übung ist gesund

Susan Kieser Jäggi findet akrobatisches Yoga problematisch und weiss, dass in den englischsprachigen Blogs gerade grosse Diskussionen über Schäden durch Yoga stattfinden. «Yoga kann auch schaden», sagt sie, der Pflug zum Beispiel, eine Übung, bei der man die Halswirbelsäule stark abknickt, sei «per se schädlich». Jeder Mensch bringt unterschiedliche Voraussetzungen zum Unterricht mit, deshalb müssen Yogaübungen für jeden auch anders aussehen. Wer sich von Haus aus viel bewegt und gelenkig ist, wird sicher andere Übungen brauchen als ein Schreibtischtäter, der täglich acht Stunden auf einem Bürostuhl verbringt. Susan Kieser Jäggi erzählt von ehemaligen Tänzern, die ein extrem körperorientiertes Yoga bevorzugen. Menschen, die sich allerdings nicht gewohnt sind, sich regelmässig zu bewegen, bringen schon einfache Übungen eine positive Veränderung.

Nicht jedes Studio hat ausgebildete Yogalehrer

Yoga eignet sich für jede und jeden. Es liegt am Einzelnen, ob er wöchentlich in einer Gruppe oder mit Hilfe einer Yogatherapie regelmässig zu Hause allein üben will. Es bedarf auch keiner besonderen Voraussetzungen: Wer wirklich möchte, kann sofort mit dem Üben anfangen. Man braucht ein bisschen Zeit, eine Decke und – das ist allerdings das wichtigste – eine fachkundige Person, die einen anleitet. Die Kompetenz eines Yogalehrers oder -therapeuten ist entscheidend. Und nicht jedes Yogastudio hat einen ausgebildeten Yogalehrer.

Interessierte sollten einen Yogatherapeuten gezielt suchen. In der Schweiz gibt es seit zwei Monaten etwas in Europa Einmaliges: ein eidgenössisches Diplom für Yogatherapeuten, das im Rahmen der Ausbildung «Komplementärtherapie Methode Yogatherapie» erworben werden kann. Diese Therapeuten sind entsprechend ausgebildet und dem Berufsverband Yoga Schweiz angeschlossen. Der Berufsverband hat sich personell und finanziell stark an der Entwicklung des neuen Berufs beteiligt.

Yoga zu praktizieren, hat also nur dann eine Wirkung, wenn die Übungen auf die einzelne Person und ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Jeder sollte genau in sich hineinhorchen und seine Wünsche formulieren. Und erst dann damit anfangen.

Fotograf: Sabine Müller