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29. Juni 2015

Wurmkur

begeistertes Händewaschen
Die lieben Parasiten sorgen (zu Beginn) auch mal für begeistertes Händewaschen ... (Bld: iStockPhoto)

Meine Kollegin Ursi wischte ihrem Vierjährigen gerade den Hintern ab, als ihr Blick eher zufällig auf den Inhalt der WC-Schüssel fiel. Sie wollte schon weggucken, doch etwas irritierte sie. Bildete sie sich das nur ein, oder bewegte sich dort etwas? Sie ging in die Knie. Tatsächlich. Im «grossen Geschäft» wuselten etliche kleine, weisse Würmchen. Sie reckten ihre spitzen Köpfe und nickten meiner Kollegin zu. Zumindest wirkte es so.
Ursi war hin und her gerissen zwischen Faszination und Grauen. Ihr geliebtes Kind hatte sich, ohne sie um Erlaubnis zu fragen, Darmparasiten zugelegt.

Da eine Mutter tun muss, was eine Mutter tun muss, drückte Ursi eiskalt die Spültaste. «Du hast meine Würmer getötet», jammerte das Kind. «Ich weiss – und das war erst der Anfang.» Ursi griff zum Hörer und wählte die Nummer der Kinderarztpraxis. Sie beschrieb alles genau (etliche dünne, weisse Würmchen im Stuhl des Kindes, jeweils einen Zentimeter lang, hyperaktiv und echt eklig).
«Sonst noch irgendwelche Symptome?» – Ursi zuckte mit den Schultern. Keine Ahnung.
«Na, klagt das Kind zum Beispiel über Juckreiz am After?» Meine Kollegin wurde kreidebleich. Ihr Sohn hatte in letzter Zeit auch nicht mehr als sonst an seinem Hintern gekratzt. Im Gegensatz zu ihr. Sie hatte seit Tagen das Gefühl, Ameisen hätten in ihrem Allerwertesten ein Nest gebaut. Es war vor allem abends und nachts kaum auszuhalten.
Die Praxisassistentin plapperte munter weiter: «Afterjucken ist ein Hauptsymptom bei Madenwurmbefall; das kommt davon, wenn die ausgewachsenen Weibchen aus dem Dickdarm kriechen, um ihre Eier am Ausgang abzulegen ...»
«Auweia! Ich fürchte, wir brauchen eine Familienpackung Wurmmittel.» – Das, so sagte die Dame am anderen Ende der Leitung, hätte sie sowieso empfohlen.

Einen Tag später sass Ursi mit ihrem Mann und den zwei Kindern am Mittagstisch. Anstelle eines Desserts gabs für alle Kautabletten aus der Apotheke. Ursi, mittlerweile Parasitenfachfrau, erklärte das weitere Vorgehen: «In zwei Wochen müssen wir das Ganze wiederholen.» Sechs Augen sahen sie fragend an. «Nur so können wir ganz sicher sein, dass alle Würmer mausetot sind.» Immer noch fragende Blicke. «Stellt euch vor, uns entwischt ein Wurm. Dann legt er wieder Eier, ihr kratzt euch am Hintern, die Eier kleben unter euren Nägeln. Und da ihr vergessen habt, euch die Finger zu waschen, greift ihr euch wenig später ins Gesicht – und schluckt die Wurmeier versehentlich runter. Schon geht alles von vorne los.»
Die Drei nickten und liefen auf dem schnellsten Weg ins Bad, um sich die Hände besonders gründlich zu waschen.

Am Abend wollte der Vierjährige wissen, wie die ersten Eier in seinen Bauch gelangt waren. «Wahrscheinlich hatten wir Gemüse oder Früchte gegessen, auf denen Madenwurmeier lagen.» – «Wie kamen die da hin?» – «Vielleicht hat sich der Mensch, der das Gemüse geerntet hat, nach dem WC nicht die Hände gewaschen …» Der Kleine grinste: «Oder er war auf dem Feld und musste ganz dringend Gaggi …»

Autor: Bettina Leinenbach