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15. Februar 2016

Wunschlos 2: Den Schmerz zulassen

Hoffnung aus der Therapie
Die Hoffnung aus der Therapie: Dass der zugelassene Schmerz bald etwas von seinem Schrecken verliert. (Bild: iStockPhoto)

Erinnern Sie sich noch an meine Freundin Susanne? Ich hatte Ihnen von ihr erzählt. Sie erhielt neulich die Schockdiagnose «vorzeitige Wechseljahre». Obwohl sie erst 35 Jahre alt ist, wird sie vermutlich keine leiblichen Kinder haben können.

Nein, zwischenzeitlich ist kein Wunder passiert. Alles wie gehabt, doch langsam, ganz langsam kehrt wieder Normalität ein. Das ist auch das Verdienst ihres Mannes. Obwohl sie fest davon überzeugt ist, irgendwie «defekt» zu sein, liebt er sie mit aller Macht weiter. Warum auch nicht?

Freunde, Bekannte und Wildfremde neigen gerade dazu, über das zentrale Thema hinwegzubrettern, dem unangenehmen Vakuum, das durch die verheerende Diagnose entstanden ist, auszuweichen. «Ihr seid doch noch jung und könnt ein Baby adoptieren», schlug ich vor. Jemand anderes fabulierte über Eizellspenden (im Ausland machbar), Leihmütter (ebenfalls Ausland) und besonders renommierte Fruchtbarkeitskliniken (wieder Ausland). Wir alle meinen es gut, verhalten uns aber gerade (unabsichtlich) egoistisch. Verstehen Sie, was ich sagen will?

Die Therapeutin, zu der Susanne seit Kurzem geht, hat ihr geraten, nichts zu überstürzen und sich Zeit zum Trauern zu nehmen. Heisst: keine Weltreise, keine neuen Hobbys oder sonstige Ablenkungsmanöver. Es geht darum, den Schmerz zuzulassen, ihn zu spüren und ihm so Stück für Stück den Schrecken zu nehmen. Das wird nicht einfach, das wird an die Substanz gehen. Wenn die Trauerarbeit verrichtet ist, kommt der Moment, über Alternativen nachzudenken.
Vielleicht kommt dann eine weitere Option hinzu: Ein erfülltes Leben ohne eigene Kinder führen.

Autor: Bettina Leinenbach