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18. Januar 2016

Wunschlos

Unter Wasser atmen
Nach dem Schock: Unter Wasser atmen. (Bild Getty Images)

Der Termin im Kinderwunschzentrum war kurz vor Heiligabend. Nach etlichen Voruntersuchungen warteten Susanne und ihr Mann nun auf eine brauchbare Diagnose. Und – noch wichtiger – auf einen geeigneten Schlachtplan, um endlich Eltern werden zu können.
Sie hatten viel zum Thema gelesen, sich in Kinderwunschforen informiert. Hormonspritzen, Vollnarkosen, Punktionen – all das würden sie miteinander durchstehen, keine Frage.

Der Arzt las Laborwerte vor, sprach von Hormonen und Follikeln. Er klang bekümmert.
«Was heisst das konkret?», wollte meine Freundin wissen. Sie griff nach der eiskalten Hand ihres Manns. «Vereinfacht gesagt, sind Sie in den Wechseljahren. Es tut mir sehr leid.»

Wieso gibt es Momente, in denen man zwar alles hört, aber dennoch nichts versteht? In denen man sich so fühlt, als würde eine gewaltige Welle über einem zusammenbrechen und einen machtvoll unter Wasser drücken?
Susannes Mann kam als Erster wieder an die Oberfläche: «Wie ist das möglich? Susanne ist doch erst 35?» Der Arzt wirkte hilflos. Es sei nicht klar, warum der Eizellvorrat mancher Frauen weit vor der Zeit aufgebraucht sei, während andere auch noch mit Ende 40 etliche Follikel hätten. Man könne zwar noch dieses und jenes versuchen, aber, um ehrlich zu sein, seien die Chancen, dass Susanne ein leibliches Kind bekommen könnte, gering bis nicht vorhanden.

Die Welle schwappte ein zweites Mal über meinen Freunden zusammen. Seither versuchen die beiden verzweifelt, unter Wasser zu atmen. Doch diese grosse Sehnsucht nach einem Baby, die will nicht vergehen.
Und ich stehe am Ufer und kann nicht helfen. Niemand in unserem kinderreichen Freundeskreis kann das. Wir sind dennoch alle da. Am Ufer. Vielleicht, weil wir wissen, dass man so einen Wunsch nicht einfach loswerden kann wie ein altes Sofa.

Autor: Bettina Leinenbach