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19. August 2013

Jeder sein eigener Doktor

Im Sommer findet das Leben wieder vermehrt draussen statt. Kein Wunder, gibt es mehr Verletzungen, Schürfwunden, Prellungen oder Verstauchungen — nicht nur bei Kindern. Da ist es von Vorteil zu wissen, wie man kleine Blessuren korrekt selbst versorgen kann.

Kleiner Junge, der weinend und mit einem Pflaster auf dem Knie auf einem Baumstamm sitzt
Beim Spielen und Raufen ist schnell etwas passiert: Aber die Tränen trocknen rasch, wenn die Wunde richtig versorgt ist. (Bild: Getty Images)

Wer sich wehtut, muss längst nicht immer den Arzt aufsuchen. In den meisten Fällen reichen der Griff in die Hausapotheke und eine entsprechende Pflege der Wunde. Wer allerdings sein eigener Doktor sein will, sollte wissen, was wann zu tun ist und wann eine Fachperson hinzugezogen werden sollte.

Schürfwunden

Zuerst erfolgt die Reinigung der Wunde. Entweder mit einem Wunddesinfektionsmittel, 70-prozentigem Alkohol (brennt allerdings), Wasserstoffperoxid (3 Prozent) oder mit verdünntem Kamillen- oder Hamamelis- Extrakt. Ist die Verletzung sauber, muss sie abgedeckt werden. Hierfür eignen sich luftdurchlässige Wundschnellverbände, atmungsaktive Sprühpflaster oder sterile Wundauflagen, die allerdings mit einer Gazebinde fixiert werden müssen.

Helfende Hausmittelchen
Helfende Hausmittelchen (Bild: Fotolia).

HAUSMITTEL IN DER NOT
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Vorsicht: Bei nässenden Schürfwunden unbedingt spezielle, nicht mit der Wunde verklebende Kompressen verwenden, damit die Verletzung beim Verbandswechsel nicht immer wieder aufgerissen wird.

Um die Heilungszeit zu verkürzen, lohnt es sich, eine Wundcreme, -salbe oder -lösung aufzutragen oder Hamamelis-, Ringelblumen- oder Kamillen-Extrakt zu verwenden.

Schnittwunden

In der Regel handelt es sich dabei um eine tiefere Verletzung mit glatten Wundrändern. Wenn sie blutet, ist das gut, weil dadurch Schmutz und Keime aus der Wunde befördert werden. Danach braucht es eine ordentliche Desinfizierung sowie einen Wundschnellverband. Bei tiefen und breiten Wunden empfiehlt sich die Verwendung eines speziellen Pflasters, das die Wundränder zusammenzieht, dann wird die Narbe schöner.

Stiche

Bei Insektenstichen, Dornen und Holzsplittern immer zuerst den Fremdkörper mit einer Pinzette entfernen. In einem zweiten Schritt erfolgt die Desinfektion der Wunde, weil sonst eine Entzündung entstehen kann. Anschliessend einen Wundschnellverband oder eine Gazebinde anlegen, um die Verletzung sauber zu halten. Eine weitere Möglichkeit sind abdeckende, die Wunde feucht haltende Gels, die den Heilungsprozess fördern.

Blasen

Blasen bilden sich durch andauernden Druck oder ebensolche Reibung. Die Blasen sollten nicht geöffnet werden, bevor sie eingetrocknet sind, weil sonst Infektionsgefahr droht. Geplatzte Blasen gilt es, mit einer entzündungshemmenden Lösung zu spülen und mit einer sterilen Wundauflage abzudecken.

Verbrennungen und Verbrühungen

Nur kleine Verbrennungen oder Verbrühungen dürfen selbst behandelt werden. Mittlere und grosse Brandwunden bedürfen umgehend ärztlicher Versorgung. Bei kleinen Verletzungen gilt als Sofortmassnahme die Kühlung unter fliessendem kalten Wasser. Das lindert den Schmerz und begrenzt das innere Nachbrennen. Gemeint ist damit der Gewebeschaden, der sich in den ersten Minuten nach dem Unglück weiter ausbreitet, obwohl die Hitzequelle nicht mehr vorhanden ist. Wichtig: Verletzungen mindestens zehn Minuten lang unter das kalte Wasser halten. Hausmittel wie Mehl, Butter oder Öl auf die Wunde zu geben, ist dagegen tabu!

Kleine und leichte Verbrennungen brauchen normalerweise nicht abgedeckt zu werden, weil sie an der Luft schneller heilen. Zur Unterstützung des Heilungsprozesses bieten sich folgende Mittel an: Essigsaure-Tonerde-Gel, Hamamelis-Creme, Wund- und Heilsalbe, Hydrogelpflaster oder kühlender Schaumspray.

Allgemein gilt: Die meisten kleineren Verletzungen können problemlos in Eigenregie versorgt werden. Heilt eine Blessur allerdings nicht wie erwartet oder beginnt sie gar zu eitern, ist der Gang zum Arzt unerlässlich.

«Tetanus-Impfschutz bei jeder Verletzung überprüfen»

Apotheker Daniel Wechsler über Wundpflege und wann ein Gang zum Arzt nötig ist.

Daniel Wechsler, Apotheker, Dropa-Apotheke, Bern. (Bild: zVg.)
Daniel Wechsler, Apotheker, Dropa-Apotheke, Bern. (Bild: zVg.)

Daniel Wechsler, wann genügt ein Pflaster zur Wundversorgung, und wann braucht es einen Verband?

Entscheidend ist die Grösse der Wunde. Kleinere Wunden, die nicht allzu stark bluten, kann man nach der Desinfektion gut mit einem handelsüblichen Pflaster versorgen. Bei grossflächigeren Wunden oder solchen, die stark bluten, ist es empfehlenswert, einen Verband zu machen. Dabei sollte unbedingt eine Kompresse verwendet werden, die nicht mit der Wunde verkleben kann, also beschichtete Kompressen oder Hydrokolloid-Kompressen.

Welche Naturheilmittel eignen sich zur Versorgung kleinerer Blessuren?

Chäslichrut- resp. Malventinktur eignet sich zum Baden und Desinfizieren von schlecht zugänglichen Wunden, etwa im Nagelbereich, Calendula-Salben verwendet man zur besseren Wundheilung. Zur Desinfektion von akuten Wunden würde ich in jedem Fall ein herkömmliches Desinfektionsmittel bevorzugen.

Wann muss eine vorab selbst versorgte Wunde dennoch dem Arzt gezeigt werden?

Mit Wunden, die nach einer gewissen Zeit Zeichen einer Infektion zeigen — starke Rötung, Schwellung, Wärme, pochende Schmerzen, Eiterbildung — sollte ein Arzt aufgesucht werden für eine allfällige Antibiotikabehandlung. Alle Wunden, die nach rund einer Woche noch keine Heilungstendenz zeigen, sollten dem Arzt gezeigt werden.

Bei welchen Verletzungen sollte man direkt einen Arzt aufsuchen?

Bei Wunden, die nach 15 Minuten noch stark bluten. Auch Wunden, die tiefer als fünf Millimeter sind und klaffende Ränder aufweisen, sollten beim Arzt genäht werden. Personen mit einer problematischen Wundheilung, dazu zählen ältere Menschen, Diabetiker und Menschen mit Blutverdünnung, sollten immer den Arzt aufsuchen. Zudem sollte man sich gegen Tetanus impfen lassen, wenn die letzte Impfung fünf bis zehn Jahre zurückliegt.

Weshalb braucht es die Tetanus-Impfung?

Bei jeder Verletzung besteht die Gefahr, dass man sich mit Bakterien infiziert, die das Tetanus-Gift bilden. Diese Infektion verläuft meist tödlich. Deshalb ist ein gültiger Tetanus-Impfschutz von grosser Bedeutung und muss bei jeder Verletzung überprüft werden.

Was ist zu tun, wenn man auf einen Insektenstich allergisch reagiert?

Bei kleineren Reaktionen genügen lokale Gels oder Cremen mit Hydrocortison. Bei stärkeren Reaktionen, wenn sich die Schwellung etwa auf ein ganzes Glied ausdehnt, nimmt man zusätzlich zur lokalen Behandlung eine doppelte Tagesdosis eines oralen Antiallergikums ein, also ein Heuschnupfenmittel. Sich noch weiter ausdehnende Reaktionen gehören zum Arzt, in jedem Fall Reaktionen, die den Gesichts- und Halsbereich betreffen.

Wie muss man reagieren, wenn jemand eine giftige Beere oder Pflanze gegessen hat?

Zuerst sollte man schauen, ob man von der Pflanze oder Beere noch etwas aufheben kann zur späteren Abklärung. Dann ruft man sofort das Toxzentrum unter der Notrufnummer 145 an und beschreibt möglichst genau, was vorgefallen ist. Dort wird schnell und sicher abgeklärt, wie das weitere Vorgehen ist, ob man abwarten kann oder die Person zum Arzt oder sogar ins Spital muss.

Autor: Lisa Basler