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24. Juni 2013

Wovor sich Eltern fürchten

Unfälle, Krankheiten, stockende Entwicklung, Entführung oder Missbrauch: Eltern fürchten vieles, was ihren (Klein-)Kindern zustossen könnte. Der Überblick über die verbreitetsten Ängste – welche teilen Sie?

Gemäss einer Studie der deutschen Zeitschrift «Eltern» und des Versicherers Allianz von 2012 unter 1000 Müttern und Vätern bekannte sich eine knappe Mehrheit dazu, zwischen «eher» und «sehr ängstlich» zu sein. Genau waren es 51%. Die übrigen 49% gaben zu Protokoll, «überhaupt nicht» oder «eher nicht ängstlich» veranlagt zu sein.

Wenn die Kleinen die Bäume hochgehen:
Wenn die Kleinen die Bäume hochgehen: Einfach klettern lassen, aufhalten oder stets darunter stehen? (Bild Getty Images)

Die Ergebnisse dürften in etwa auch auf andere deutschsprachige Länder wie die Schweiz zutreffen. Frankreich oder einige Staaten in Europas Norden gelten tendenziell als etwas weniger kritisch oder sensibel, was das Sicherheitsdenken für ihre Sprösslinge betrifft. Ob, wie oftmals behauptet, Ängste generell zunehmen, lässt sich statistisch nicht erhärten, da schlicht vergleichbares Datenmaterial aus früheren Untersuchungen fehlt.
Geht man bei den Ängsten etwas weiter ins Detail, zeigt sich bei der breit angelegten Umfrage folgendes Bild:
72% der Mütter und Väter mit bis vierjährigem Nachwuchs fürchten, das Kind könnte sterben.
67% haben Angst vor einem schweren Unfall der kleinen Tochter respektive des Sohnes.
50% sorgen sich um eine schwere Krankheit mit gravierenden Folgen wie Invalidität oder Behinderung.
Wie Eltern reagieren
Betrachtet man die Art, wie die Eltern auf die herrschenden Ängste reagieren, so achtet die grosse Mehrheit der befragten Eltern von Kindern vor dem fünften Geburtstag laut der Studie auf oft sinnvolle Verhaltensregeln oder Vorkehrungen:

94% versehen ihre (von Kleinkindern erreichbaren) Steckdosen mit einer Schutzvorrichtung.
93% ziehen ihren Kleinen einen Helm an auf dem Laufrad oder Velo – oder sind der Ansicht, dass dieser bei künftigen Aktivitäten unabdingbar sei.
Schon leicht überraschender ist vielleicht der folgende Punkt:
75% achten stets darauf, Schubladen mit Messern oder Scheren gegen das Öffnen durch Kinderhand zu sichern.
Die Bedenken der Pädagogen
Selbst wenn sie viele konkrete Massnahmen zum Schutz der Kleinen nicht direkt in Zweifel ziehen, halten mehrere renommierte Entwicklungspsychologen heute das elterliche Sicherheitsbedürfnis bisweilen für übertrieben. Zwei Gefahren sehen sie darin:

1. Das Kind kann gewisse Erfahrungen gar nicht mehr, nicht selbständig oder nurmehr mit Mühe machen, was es beispielsweise in der motorischen Entwicklung aufhalten kann.

2. Ausgeprägtes Sicherheitsdenken der Eltern kann die Unfallrisiken zwar nicht im Moment, aber auf längere Frist gar erhöhen.
Grund: Gerät das Kind später allein in dieselbe Situation, vor der Eltern es zuvor stets bewahrt haben, kann es erst recht gefährlich werden. Und ohne Unterbruch bis ins Teenageralter beschützen kann man Kinder unmöglich.

Besonders diskutiert wird diesbezüglich das Herumtollen auf modernen Spielplätzen. Sind diese vernünftig angelegt und eine Elternperson in der Nähe, raten die meisten Pädagogen, Kinder auch selbst den einen oder anderen Tritt in die Höhe oder eine Rutschfahrt machen zu lassen, ohne sie im Fall der Fälle sofort aufzufangen.
Verwiesen wird auch auf Erfahrungen mit einem gänzlich neu überholten Spielplatz, für den ein deutlich weicherer, federnder Boden verlegt wurde. Resultat waren mehr leichte Verletzungen von Kindern, die weniger Respekt vor dem Hinunterfallen entwickelten und den Boden für ungefährlicher hielten, als er noch immer war.
Vielerlei Ängste
Neben den obigen Fragen, die sich schnell einmal um Unfallrisiken im Alltag drehen, kennen Eltern viele weitere Ängste um ihre Liebsten, gerade wenn man auch an Kinder über fünf Jahre denkt. Bis zu einem gewissen Grad sind Ängste bei Eltern normal. Führen sie jedoch im alltäglichen Umgang mit Kindern zu Blockaden oder rufen konstant übervorsichtiges Verhalten hervor, lohnt es sich, eine psychologisch ausgebildete Fachkraft oder in einem ersten Schritt den Hausarzt zu kontaktieren.

Migrosmagazin.ch listet die sechs unterschiedlichen Angstbereiche mit Kindern auf:
A) Krankheit: Hier ist in der Regel weder das familiäre Umfeld noch die Aussenwelt verantwortlich. Doch gerade bei vererbbaren Krankheiten mit Langzeitfolgen und gesundheitlichen Einschränkungen entstehen Ängste schon früh. Umso wichtiger, dass Risiken in sinnvollem Rahmen abgeklärt werden.
B) Betreuungs- und Erziehungsfehler: Gerade in den ersten Monaten und Jahren fürchten sich viele Eltern, in der Betreuung (Ernährung usw.) Fehler zu machen, die sich auf die Gesundheit auswirken. Hier helfen oft gründliche Vorbereitungslektüren und -kurse, nach der Geburt der Austausch mit andern Eltern.
C) Übergriff oder Missbrauch: Eine verbreitete Angst betrifft sicher das Risiko, das Kind könnte in einem unbeaufsichtigten Augenblick entführt, missbraucht oder gar getötet werden. In Sachen gewaltsame Übergriffe und sexueller Missbrauch findet jedoch häufig eine Mehrzahl der Fälle innerhalb des näheren Bekanntenkreises statt.
D) Schlechtes soziales Umfeld: Eltern fürchten speziell ab Kindergarten- und Schulalter, noch mehr in der Oberstufe, einen schlechten Einfluss von Kamerad(inn)en auf den Nachwuchs, vielleicht auch eine problematische Klassensituation, grosse Spannungen mit Lehrkräften o.Ä. Dadurch können Leistungsbereitschaft in Schule oder Lehre gänzlich gehemmt werden, schlimmstenfalls Probleme mit Alkohol oder Drogen sowie Polizei und (Jugend-)Strafrecht entstehen. Dieser Angst ist schwer beizukommen, am ehesten gilt es von Kleinkindalter an, auf respektvollen Umgang zu achten und dem Kind stets erste Ansprechpersonen zu sein.
E) Familiäre Probleme: Kinder verändern die Paarkonstellation oft nicht nur um Nuancen. Einige Eltern sorgen sich deshalb schon vor der Geburt, ob die Beziehung genug belastbar und stabil sei, ob sich niemand vom Neuankömmling bedroht fühle. Eifersucht von älteren Geschwistern oder dem Partner können zu Rückzug, gar Trennung oder Gewalt sorgen. Frühe offene Gespräche unter den Eltern räumen Befürchtungen nicht völlig aus, können sie aber oft eindämmen.
F) Unfall: Natürlich ist das Potenzial an Unfällen mit Kindern gross: Bei den Kleinen eher im eigenen Haushalt, bei grösseren noch stärker im Verkehr, beim Sport usw. Für beide Situationen liefert die eidgenössische Beratungsstelle für Unfallverhütung BfU Hilfsmittel zur Vorbeugung.
WAS MACHT IHNEN ANGST?
Welches der eben aufgeführten Problembereiche gibt Ihnen als Mutter oder Vater am meisten zu denken? Was raubt Ihnen den Schlaf, lässt an Schule oder Kindergarten zweifeln, löst gar Panik um die Gesundheit des Kindes aus?
Verraten Sie uns Ihre grösste Angst und was sie hervorruft gleich hier in einem Kommentar.
Sie können dies registriert, mit echtem Namen oder komplett anonym (als Gast) tun. Vielen Dank!

Autor: Reto Meisser