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19. Januar 2015

Wovor haben Sie Angst?

Viele Schweizerinnen und Schweizer teilen ähnliche Ängste, ob sie nun Experten wie Ortwin Renn (im Interview: «Wir fürchten uns oft vor dem Falschen») plausibel scheinen oder nicht. Welche beschäftigt sie am meisten? .

Tod gehört für die meisten zu den Angstvorstellungen
Der Tod gehört für die meisten zu den prägenden Angstvorstellungen. Doch ist ein Unfall oder lange Krankheit schlimmer? (Bild: Getty Images)

In der Umfrage (rechts) können Sie abstimmen, was für Sie das schlimmste Szenario wäre und welche Vorstellung Sie wiederholt heimsucht.
Treibt Sie eine völlig andere, in der Folge nicht erwähnte Angst um? Dann nennen Sie sie uns unten in einem Kommentar. 1. Plötzlicher Tod (eigener oder der Nächsten)
Mit Sicherheit eine der wenigen weltumspannenden Ängste. Man stirbt ohne Ankündigung, wird aus dem Leben gerissen, kann nichts abschliessen – vor allem sich nicht von den Liebsten verabschieden. Vielleicht gar noch schlimmer, wenn einer der nächsten Menschen (Partner, Eltern, Geschwister, engste Freunde) ohne Ankündigung stirbt, sich «einfach» verabschiedet.
2. Unheilbare Krankheit
Beinahe das Gegenteil sorgt bei vielen Menschen auch für schlimme Angstzustände: Eine unheilbare Krankheit ereilt eine nahe Person oder einen selbst. Das erste Schreckensmoment macht die Diagnose aus. Danach geht es in vielen Schritten langsam, aber scheinbar unabänderlich abwärts.
Das Wissen um den stetig schlechter werdenden Zustand, die Abhängigkeit von Pflegepersonal und Ärzten jagen grosse Angst ein. Speziell die Generation in mittlerem und fortgeschrittenem Alter hat grosse Angst vor körperlichem Zerfall und Demenz, dem stetigen Verlust von Gehirnkapazität.
3. Opfer von Gewalt werden
Ebenfalls weit verbreitet ist die Vorstellung, einem (physischen) Aggressionsakt wehrlos ausgesetzt zu sein. Das kann blind losschlagende Gewalt (Schüsse, Prügel, Messerstechereien) von Gruppen oder Einzelpersonen irgendwo in Siedlungsräumen sein, Vergewaltigung oder verschiedene Formen von Missbrauch. Dazu gehören natürlich auch Ängste, unvermittelt Opfer eines Terroranschlags oder einer Geiselnahme zu werden. Speziell ältere Leute mit Erfahrungen aus Kriegszeiten oder prägende Erzählungen von deren Eltern schleppen noch immer grosse Angst vor klassischen Kriegsszenarien mit.
4. Jobverlust
Ebenfalls belastend ist für manche die Vorstellung, den Job und damit auf einmal die Existenzgrundlage zu verlieren – mindestens die Unabhängigkeit, wenn man von Arbeitslosenämtern oder später gar Sozialhilfe leben müsste. Oder das Eigenheim, weil Zinsen nicht mehr zu berappen sind, oder den gewohnten Lebensstandard. Eventuell kann man nicht mehr angemessen für Kinder oder Eltern sorgen. Es geht also nicht nur um einen selbst. Besonders in der heutigen Zeit hängt neben der reinen Geldfrage auch das Selbstwertgefühl damit zusammen.
5. Umwelt- oder andere Katastrophe
Die Angst vor grossen Katastrophen beschäftigt einige Schweizer sehr stark: Dazu gehören etwa ein AKW-Unfall, eine berstende Stauseemauer, ein riesiges Unwetter mit Hochwasser oder (Schlamm-)Lawinen, Folgen einer sich nochmals verstärkenden Klimaerwärmung, die jedes ökologische Gleichgewicht aus den Angeln hebt.
6. Trennung von Familie und Freunden
Ebenfalls für Angst sorgen ein unüberbrückbarer Streit, Intrigen oder das Auseinanderleben bei Paaren, da sie das Risiko bergen, von Teilen, der ganzen Familie oder dem engsten Freundeskreis getrennt zu werden.
7. Soziale Identität verlieren
Eine weitere Gruppe von Ängsten beruht auf Risiken, durch die man die Stellung oder Orientierung in der Gesellschaft verliert: Man ist nicht mehr integriert, verliert die wichtigen Kontakte. Oder das gewohnte Umfeld verändert sich drastisch: die Nachbarschaft, das Quartier, der Wohnort. Man kann sich zum Beispiel die Wohngegend nicht mehr leisten, oder es leben plötzlich nur noch alte oder junge Leute um einen herum, arme oder reiche. Eventuell geht man auch aus Sicherheitsgründen, oder weil man sich fremd fühlt, nicht mehr in der gewohnten Umgebung in den Ausgang oder einkaufen.
8. Überfremdung
Durch die stetig zunehmende Einwanderung fühlen sich Einheimische immer mehr fremd in ihrer Umgebung, sei es im Beruf oder im Quartier. Die Bedrohung kann von vielen reichen respektive mit Topjobs ausgestatteten Immigranten ausgehen (die damit die Schweizer konkurrenzieren) oder von vielen – genauso wenig integrierten – Menschen im Billiglohnsegment, oder solchen, die schon bald keinen Job mehr haben und Arbeitslosen- oder Sozialwerke belasten.

Autor: Reto Meisser