Archiv
25. Juni 2012

«Wotsch Fuuscht?»

Schulreisen sind das Schlimmste. Jedenfalls, wenn sie nicht die eigenen Kinder betreffen. Da sitze ich vermeintlich gemütlich im Tram, freue mich, dass im Stadtzentrum nach ein paar Besorgungen vermutlich noch Zeit für einen Kaffee sein wird, und lese in der «NZZ» … Nein, nicht die klugen Betrachtungen zur EM, die hab ich schon beim Frühstück gelesen. Ich lese, wie der über die heutige Jugend ach so Bescheid wissende Herr Guggenbühl salbadert, die Jugendlichen seien verwöhnt, verhätschelt, sie würden von Eltern und Ausbildnern wattiert, würden vom wahren Leben ferngehalten und daher nie erwachsen. Kurz, die Jungen blieben ewig unreif und träumerisch. Und als ich — Höhe Zypressenstrasse — mir über den Beitrag grad in aller Ruhe meine Gedanken machen will, kommen sie mit Getöse: Eine Horde Schulkinder drängelt und drückt sich ins Tram. Das müssen mindestens drei Schulklassen sein! Vorbei ists mit meiner Vormittagsruhe.

Sie drängeln und schubsen und lärmen.

Der Lärm! Das Gelaber! Das Gekeife! «Spanie, Mann!», krakeelt ein Mädchen mit Iniestas Rückennummer, «Näimonn, Ängland!» ein anderes. Und dann alle Jungs wild durcheinander: «Ronaldo!», «Rooney!», «Ribéry!» … Einer schreit: «Näi, Balotelli, Cazzo!» — «Spinnsch, Italie!? Händ all bschisse …» — «Ey, wotsch Fuuscht?» Viel zu viele sind es, viel zu laut. Starren kichernd und giggelnd auf ihre Handydisplays, schubsen, schwanken, schimpfen: «Asi!» — «Sälber Asi!» Schulreisen, wie gesagt, sind das Schlimmste; leider ist gerade Hochsaison. Sie mögen sich nun fragen: Schiebt der Friedli eine Krise oder was? Schnödet er schon wieder über fremde Kinder im öffentlichen Verkehr? Ja, denn diese Goofen nerven.

«Sie drängeln und schubsen und lärmen.»
«Sie drängeln und schubsen und lärmen.»

Dachte ich. Aber dann hörte ich zu. (Bleibt einem ja nichts anderes übrig.) Der eine hatte sich neben mich gequetscht, drehte sich zu seinem Kameraden um, und sie unterhielten sich im Brüllton. Derjenige neben mir — FCZ-Leibchen, mit Gel betonierte Fussballerfrisur — ereifert sich über eine Kollegin, die er offenbar vom Tanzkurs kennt. Total eingebildet sei die! «'ch säg dir! Im Hip-Hop ‹showt› sii sich au immer so. Immer voll überhäblich! Sii mäint voll, wär sii isch.» Der andere auf der Bank hinter uns, ein Pummel mit Kraushaar und Sommersprossen, widerspricht: «Ich hass das, wänn anderi so über Lüüt urtäiled!», sagt er und redet sich ins Feuer. «Du kennst sie ja gar nicht richtig. Wer weiss, vielleicht ist es genau umgekehrt? Die ist vielleicht total unsicher und schüchtern, versucht das nur zu überspielen.» Cool und selbstverständlich argumentiert er. «Sie sucht vermutlich Anschluss …» Der andere hört zu, sagt: «Vilich … wänn d mäinsch …» Und dann streiten sie wieder über Fussball. «Näi, Düütschland!», «Vergiss di Düütsche!» … Der Kraushaarige — sein Shirt ist ein bisschen eng und trägt die Aufschrift «Surfer’s Paradise 1967» — ist vielleicht zwölf. Er imponiert mir. Hätte ich mit zwölf einen Kameraden derart abgeklärt in die Schranken gewiesen, wenn er über jemanden hergezogen hätte, den er nur halb kannte? Von wegen. Was waren wir für Bubis, damals.

Vor lauter Zuhören vergesse ich ganz meine Zeitung. Wo war ich? Ach, ja, bei Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl. Er findet die heutigen Jugendlichen unreif. Ich nicht.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.


Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client

www.derhausmann.ch

Sein Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli