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14. September 2015

Workshop zeigt Welt der Muslime

Kopftuch, Ramadan, Bart, Terror: Das kommt Jugendlichen aus dem Thurgau beim Stichwort Islam in den Sinn. Mit seinem Workshop versucht Sozialpädagoge Ron Halbright, Vorurteile bewusst zu machen und sie zu bekämpfen.

Workshopleiter Ron Halbright (rechts) und Nuran Serifi (Zweite von rechts) zeigen den Jugendlichen islamische Schriften und einen Gebetsteppich.

Yllhan (14) hat eine Frage. «Du bist Muslimin und hast ein Tattoo, aber die sind doch haram, oder?» Angesprochen ist Kursleiterin Nuran Serifi (35), eine schiitische Muslima aus Mazedonien. Sie sagt, sie habe sich intensiv mit dem Thema befasst und die Experten seien sich nicht unbedingt einig. «Doch, das ist so, die sind haram», hält Yllhan unbeirrt dagegen. «Haram» steht im Arabischen für alles, was im Koran verboten ist, und dazu gehören je nach Interpretation auch Tätowierungen, denn diese verändern den Körper dauerhaft. Yllhan ist selbst Muslim, einer von dreien in der elfköpfigen Gruppe von Jugendlichen, die sich an jenem warmen Sommertag im Sekundarstufenschulhaus Letten in Diessenhofen TG für den Workshop «Musliminnen und Muslime in der Schweiz» versammelt haben.

Nuran Serifi erklärt, dass eine Tätowierung, wenn überhaupt, «eine nicht so tragische Sünde» sei, und derweil die beiden diskutieren, wirkt die gesamte Kursleitung sichtlich erfreut, dass es endlich mal zu einer Debatte kommt. Bis dahin haben sich die fünf Mädchen und sechs Jungen im Alter von 13 bis 16 Jahren nämlich ziemlich zurückgehalten. Obwohl der amerikanisch-schweizerische Sozialpädagoge Ron Halbright (58) mit seinem Team alles Mögliche versucht, um das Eis zu brechen. Das Grüppchen sitzt im Kreis und soll über seine Ängste sprechen, über sein Verhältnis zur Religion, über das Leben im Ausland.

Die Kosovarin Edona (Mitte) besucht den Workshop mit ihrer Schweizer Freundin Yessica.
Die Kosovarin Edona (Mitte) besucht den Workshop mit ihrer Schweizer Freundin Yessica.

Nuran Serifi erzählt, wie sie sich fühlte, als sie an einer Ausstellung wegen ihres Kopftuchs negative Sprüche zu hören bekam. Wie wütend sie war, und wie sehr sie sich beherrschen musste, die Frau freundlich zu konfrontieren. So führt sie das Thema Vorurteile ein.

In kurzen Rollenspielen zu zweit sollen alle nun möglichst rasch Worte sagen, die ihnen zu bestimmten Themen einfallen, etwa zu den USA, der Schweiz oder dem Islam. Was zu Letzterem kommt, ist nicht gerade schmeichelhaft: Ramadan, Koran, Kopftuch, Bart, Terror.

Workshop auf Initiative des evangelischen Pfarrers

Immerhin tauen die Jugendlichen dabei erstmals ein bisschen auf. Vielleicht waren sie bisher auch deshalb zurückhaltend, weil sie aus verschiedenen Klassen für diesen Workshop zusammengewürfelt wurden. Für viele war er nicht die erste Wahl an diesem Lebenskundetag, den die Schule ein Mal pro Jahr durchführt.

Der junge Imam Muhamed Jaja heisst die Jugendlichen in seiner Moschee in Diessenhofen willkommen.
Der junge Imam Muhamed Jaja heisst die Jugendlichen in seiner Moschee in Diessenhofen willkommen.

Dass der Muslim-Workshop in Diessenhofen bereits zum vierten Mal stattfindet, ist vor allem dem evangelischen Pfarrer Volker Houba (53) zu verdanken. Der volle Tag, bei dem mehrere Religionsstunden eines Semesters zusammengezogen werden, schaffe die Voraussetzung, sich intensiv mit einem Thema zu befassen. Houba hält es für enorm wichtig, dass die Jugendlichen mehr über das Leben der Muslime erfahren und sich mit ihren eigenen Vorurteilen auseinandersetzen. «Denn es geht nur miteinander, nicht gegeneinander.» Oft aber lebten Christen und Muslime aneinander vorbei. «Das ändert sich nur, wenn man sich kennenlernt und bereit ist, sich zu öffnen.» Er verweist auf die goldene Regel, die in allen Weltreligionen gelte: «Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.»

Konkrete Reibereien an der Schule sind dem Pfarrer zwar keine bekannt, aber Sprüche gebe es schon. Yllhan und seine muslimische Schulkollegin Edona (15), beide mit kosovarischen Wurzeln, sehen das auch so. Vorurteile erleben beide im Alltag nicht, sie kennen auch keine anderen Muslime, die damit konfrontiert sind.

Nuran Serifi führt vor, wie das mit dem Kopftuch genau funktioniert.
Nuran Serifi führt vor, wie das mit dem Kopftuch genau funktioniert.

Aber Sprüche gebe es, wenn sie erzähle, sie sei Muslimin, sagt Edona. «Zum Beispiel: Was, trägt deine Mutter Kopftuch, oder was?» Tut sie nicht, und auch für Edona war das nie ein Thema. Während sie sich als «nicht so religiös» bezeichnet, ist Yllhan der Glaube wichtig. Er betet auch regelmässig zu Hause oder in der Moschee.

Was halten sie von radikalisierten Jugendlichen, die in den Nahen Osten ziehen, um dort für den IS zu kämpfen? «Das ist schlimm, diese Leute missbrauchen eine friedliche Religion und verschaffen uns allen damit ein schlechtes Image», sagt Edona. Yllhan sieht das zwar genauso, sagt aber, er könne schon ein bisschen nachvollziehen, dass so was für Jugendliche in schwierigen Situationen eine gewisse Anziehungskraft haben könnte. «Man fühlt sich allein, und dann kommt man auf dumme Ideen.» Persönlich kennt Yllhan allerdings niemanden, dem er so was zutrauen würde. In seiner Moschee wird sogar offen vor den Radikalen gewarnt.

Die Kursleiter zitieren Stellen aus dem Koran.
Die Kursleiter zitieren Stellen aus dem Koran.

Nicht einig sind sie sich, ob so ein Workshop überhaupt etwas bringt. «Ich finde schon», sagt Edona. «Wir selbst werden vielleicht nicht mit Vorurteilen konfrontiert, aber vielen geht es anders. Ideal wäre, wenn jede Klasse sich damit mal auseinandersetzen würde.» Yllhan hingegen zweifelt, dass so ein Tag viel bewirkt. «Die meisten laufen hier rein und abends wieder raus und nehmen das nicht weiter ernst, was gesagt wird.»

Dass der Workshop seine Berechtigung hat, zeigt sich aber schon kurze Zeit später. Die Jugendlichen versammeln sich nach der Mittagspause vor der Schule, um gemeinsam zu einer Moschee in der Nähe zu spazieren, wo das Nachmittagsprogramm stattfinden wird. Nur einer fehlt.

Einer der Schüler will nicht mit in die Moschee

Als die Gruppe schliesslich leicht verspätet aufbricht, kommt der Junge ihnen kurz darauf entgegen, in Begleitung seiner Mutter. Diese fragt Pfarrer Houba, weshalb die Eltern nicht informiert worden seien, dass ein Moscheebesuch geplant sei. Ihr Sohn wolle nicht mit, und sie könne ihn ja nicht zwingen. Während der Junge etwas betreten daneben steht, entspinnt sich zwischen Mutter und Pfarrer eine Diskussion. Bald stellt sich heraus, dass es wohl weniger der Sohn als die offenbar sehr katholischen Eltern sind, die damit ein Problem haben. Pfarrer Houba wirbt für den Moscheebesuch: «Sein Glaube wird ihm ja nicht genommen. Es geht nur darum, sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen, wie Muslime ihren Glauben leben.»

Ron Halbright im Gespräch mit Schülerin Edona.
Ron Halbright im Gespräch mit Schülerin Edona.

Die Mutter jedoch erklärt, dass sie auch sonst nicht einfach in eine Moschee gehen würde. Sie habe nichts gegen Muslime, aber sie wolle mit dieser Welt nichts zu tun haben. Zumindest hätte die Familie mehr Zeit gebraucht, darüber zu beraten, erklärt sie. Houba akzeptiert die Entscheidung, bedauert sie jedoch für den Jungen. Die Jugendlichen ziehen schliesslich ohne ihn weiter zur Moschee.

Dort verbringen sie den Nachmittag mit Muhamed Jaja, dem gerade mal 24-jährigen Imam der albanischen Moschee von Diessenhofen, die rund 130 zahlende Mitglieder hat. «Viele von denen kommen aber nur an Feiertagen», sagt Jaja und lacht. Von aussen macht das Gebäude im Industriequartier nicht viel her, aber drinnen gibt es ein kleines Café mit gemütlicher Sofaecke und im oberen Stock einen grossen, schlichten Gebetssaal mit schönem Teppich, kleiner Kanzel und Pingpongtisch.

Besuch in der albanischen Moschee von Diessenhofen.
Besuch in der albanischen Moschee von Diessenhofen.

Jaja, der sein Geld als Lagerist verdient, lädt ab und zu Andersgläubige ein, zum gegenseitigen Austausch und Kennenlernen. «Viele Menschen haben Vorurteile, und dann sehen sie die Medienberichte über den IS im Fernsehen und fühlen sich bestätigt.» Er möchte seinen Teil dazu tun, Gegensteuer zu geben, auch wenn er im Alltag selbst keine Probleme erlebt.

Ein lehrreicher, aber auch ein anstrengender Tag

Nachdem Jaja die Moschee vorgestellt hat, bereiten die Jugendlichen in kleinen ­Gruppen Fragen vor, die der Imam anschliessend ausführlich beantwortet: Wie ist das mit dem Schweinefleisch, den ­ar­rangierten Hochzeiten, den Kleidervorschriften, der ­Unterdrückung der Frau, den Bärten? Dann wird der Spiess umgedreht, die muslimischen Jugendlichen stellen ihre Fragen dem Pfarrer und ihren christlichen Schulkollegen.

Am Schluss dann die Bilanz: Was hat der Workshop gebracht? Eine kleine Runde Jugendlicher ist sich einig: ein lehrreicher Tag. «Es war spannend, beide Seiten zu hören und mehr zu erfahren als das, was man so im Fernsehen sieht», findet Julia (14). Aber es war ein langer Tag, auch da sind sie sich einig. Und als der Pfarrer die Gruppe schliesslich mit Dank verabschiedet, dauert es keine zehn Sekunden, und alle sind weg.

Autor: Yvette Hettinger, Ralf Kaminski

Fotograf: Samuel Trümpy