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17. August 2015

Woran krankt unser Schulsystem?

Notenstress, Reformflut, fehlende Sozialkompetenz oder gar bequeme Lehrer? Die häufigsten Erklärungsansätze für heutige Schulprobleme – was trägt für Sie die Hauptschuld?

Aufstreckende Primarschüler
Aufstreckende Primarschüler im Frontalunterricht: Veraltet oder auch mit Vorteilen? (Bild: Keystone)

Lernexperten wie Andreas Müller (im Interview: «Lernen kann geil sein» ) stellen in der heutigen Schule, besonders bei Lehrerschaft und Institutionen, bisweilen aber auch bei Eltern und Schülern, gravierende Mängel fest.
Sobald man jedoch die häufig angeprangerten Missstände anschaut, wird einem klar, dass sich Analysen und Verbesserungsansätze oft widersprechen. Manchmal sind sich Betroffene und Fachleute nicht einmal über einen einzelnen Befund einig. Beispiel: Müller kreidet den Lehrern in Bezug auf den zu vermittelnden Stoff an, dass der zentrale Aufbau von Lernkompetenzen neben dem klassischen Pauken von Inhalten vergessen gehe. Andere widersprechen ihm und meinen, nur mit der Herangehensweise und dem Wissen, wie man lerne, sei es nicht getan: Es brauche bei wichtigen Themen halt immer noch schlicht und einfach ... Stoff.

Migrosmagazin.ch stellt in der Folge sechs Probleme der Schweizer Schule vor. Rechts können Sie in der Abstimmung das für Sie drängendste Thema bestimmen, nach den sechs Punkten in einem Kommentar Ihr Hauptproblem anfügen oder eine Meinung zu den beschriebenen Punkten abgeben.
1. Leistungs- und Notendruck
Eine der häufigsten Ursachen für ungenügenden Schulerfolg ist für viele der aufgebaute Druck: bei den Kindern selbst, die von überall mitbekommen, wie wichtig Schulerfolg für das spätere Berufsleben sei; teilweise auch direkt oder indirekt der Druck von Eltern und Umfeld, manchmal auch Freundes- und Bekanntenkreis. Der Druck kann einerseits das Selbstvertrauen ankratzen, zu Blockaden führen; andererseits auch zu einer radikalen Konzentration auf den nützlichen Stoff für Prüfungen und Noten. Was an Interessantem daneben geschieht, fällt zwischen Stuhl und Bank.
2. Reformitis und Bürokratie
Seit der Jahrtausendwende klagen speziell die Lehrkräfte und deren Verbände darüber, dass die Arbeitslast durch neue Schulformen, -gefässe sowie Systemanpassungen stetig ansteige. Weil jedoch neben etwas Projektarbeit besonders viel Aufwand ins Dokumentieren, Auswerten und Umsetzen neuer Programme investiert werde, gehe zugunsten administrativer Arbeiten die Zeit für das Unterrichten tendenziell verloren.
3. Viele und willkürlich eingesetzte Lernmethoden
Ausser bei ein paar überzeugten Fachleuten herrscht seit ein bis zwei Jahrzehnten völlige Unklarheit, welche die besten Unterrichtsformen seien für die jeweilige Altersstufe und das jeweilige Fach. Für viele jüngere Lehrer(innen) ist der alte Frontalunterricht vorbei, andere wenden ihn noch oft an, weil er immer noch ein effizientes Mittel für Stoffvermittlung sei. Dafür gingen etliche Schüler dabei ‹verloren›, sagen Kritiker. Weiter unklar ist, wann individuelle Lernprogramme (inklusive elektronische) oder Gruppenarbeiten angesagt sind, wie man deren Resultate bewertet und für die Klasse nutzbar macht.
4. Mangelnde Sozialkompetenz und Erziehung
Ebenfalls ein immer wieder genannter Grund für abnehmende Schulqualität und Lernergebnisse sind die bei Kindern von zu Hause mitgebrachten Mankos im sozialen Verhalten – oder schlicht fehlende Grundlagen der Erziehung. Weil solche Lücken im Verhalten das Funktionieren von Schulklassen stark behindern können, sehen sich Schule und Lehrerschaft teilweise fast gezwungen, Kindern die ausserschulische Sozialkompetenz nebenbei beizubringen.
5. Konzentrations- und Interessensdefizit
Als modernes Defizit gelten die zunehmenden Schwierigkeiten der Kinder, sich über längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, ab einer gewissen Schulstufe ja Bedingung für das individuelle Aneignen von Stoff oder das Verfassen von Arbeiten – vielleicht kein Wunder in der hektischen Zeit, zumal auch Eltern sich unentwegt im Multitasking üben (müssen?) und die Kinder bereits früh mit Smartphones spielen, Chats und Messaging zur Kommunikation mit Gschpänli nutzen. Für ein paar Entwicklungsexperten sorgen eine gewisse Reizüberflutung und parallele Aktivitäten auf mehreren Kanälen neben Konzentrationsschwächen auch für ausbleibende persönliche Interessen.
6. Bequeme Lehrkräfte und Schulen
Der Pädagoge Andreas Müller ist nicht der Einzige, der sich mit dem Benennen der Schulprobleme gründlich die Lehrerschaft und die Schulinstitutionen vornimmt. Sie seien träge und bequem, zwar nicht unbedingt im Arbeitseifer, jedoch in ihrer Haltung. Der Fokus liege immer noch einseitig auf dem Stoff und dessen Vermittlung – kaum oder viel zu wenig auf den Schüler(innen) oder deren Bedürfnissen. Allerdings stellt sich die Frage, ob sich angesichts in Persönlichkeit und Kompetenzen ganz unterschiedlich entwickelter Kinder überhaupt behaupten lässt, dass die Schulen sie vernachlässigen.

Autor: Reto Meisser