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13. April 2015

Woran erkennt man gestörtes Sozialverhalten?

Anders als bei der früher üblichen Tätersuche versuchen Erziehende und Behörden Störungen des Sozialverhaltens ganzheitlicher wahrzunehmen und anzugehen. Auffällige Verhaltensweisen gelten als Anzeichen – doch welche sollten auch Eltern ernstnehmen? Dazu die Reportage über einen Selbstbehauptungskurs für Jungs («Buben boxen sich durch»).

Anzeichen von gestörtem Sozialverhalten
Gewaltausbrüche sind nicht die einzigen Anzeichen von gestörtem Sozialverhalten.

Vor ein paar Jahrzehnten war es noch einfach: Verstiess ein Jugendlicher gegen das Gesetz oder mehrmals gegen Regeln oder Vorschriften von Institutionen wie der Schule oder des Elternhauses, galt er im besten Fall als Unruhestifter – und die Ruhe galt es wieder herzustellen. Der Betreffende erhielt Sanktionen, wurde mindestens für eine bestimmte Dauer konsequent aus der Gruppe gleichaltriger Schul- oder anderer Kollegen ausgeschlossen oder zumindest gebrandmarkt.

Heute sieht es anders aus. In Extremfällen wird zwar aus dem Schulumfeld auch schon einmal jemand «entfernt», zugunsten eines Time-Outs oder einer Versetzung an einen anderen Ort. Dies jedoch in der Regel nur dann, wenn eine Gefährdung für andere besteht oder ein geregeltes Programm durch einen Störefried nahezu verunmöglicht wird. Ansonsten versucht man möglichst, soziale Probleme im entsprechenden Umfeld durch begleitende oder Stützmassnahmen zu lösen, sicher zu glätten.

Fast noch wichtiger als der erwähnte integrative Ansatz erscheint aber eine Ausweitung in der Wahrnehmung von Problemen im sozialen Umfeld von Jugendlichen, oder auch schon bei Kindern: Fokussierten Erzieher und Behörden früher vorab auf tatsächliche und mögliche Täter und deren Kontrolle, so nehmen sie heute zuerst ein heikles Verhalten im Kontext unter die Lupe – also mit den Ursachen und Konsequenzen für alle Beteiligten. Das bedeutet zum einen, dass (bei Gelingen) die Opfer konsequenter und nicht erst zuletzt im Blickfeld stehen. Zum andern aber auch, dass es mehr um für Kinder und Jugendliche gefährliche Phänomene geht als um die Ausübung von physischer oder extremer psychischer Gewalt (etwa beim Mobbing).

Auffällige Verhaltensmerkmale
Achtet man als Lehrperson, aber auch als Eltern, auf Anzeichen für Störungen im Sozialverhalten eines oder mehrerer Heranwachsender, so reichen demnach die klassischen auf eine Täterschaft ausgerichteten Punkte nicht mehr. Selbst wenn solche Merkmale in Fachbüchern noch immer ihre Bedeutung haben. Bevor ein regelmässig, nicht bloss mangels Affektkontrolle an den Tag gelegtes Aggressionsmuster in Körperverletzungen, sexuelle Übergriffe, schwere Sachbeschädigungen oder Diebstahl mündet, könnten bereits Anzetteln von Konflikten, Drohungen und Einschüchtern oder Ähnliches die Warnlampen zum Blinken bringen. Neben diesem instrumentell-aggressiven Typ kann Gewalt jedoch auch von einem eher impulsiv-aggressiven Typen ausgeübt werden: Dieser fühlt sich oft bedroht, angegriffen, an den Rand gedrängt; seine kleine Frustrationstoleranz und mangelnde Selbstbeherrschung führen zu Ausbrüchen. Auf solche deuten im Voraus häufig wiederholt aufbrausende Reaktionen (auch Erziehenden gegenüber), konstant hohe Empfindlichkeit (schnell beleidigt, wütend), bisweilen aber auch radikaler Rückzug und Verweigerung der Teilnahme am Programm.

DIE WARNZEICHEN
Weitet man wie eingang beschrieben das Problembewusstsein seitens der Unterrichtenden, jedoch auch schon der Eltern zu Hause, neben Aggressionen auch auf andere Phänomene des gestörten Sozialverhaltens aus, werden die Anzeichen fast schon unüberblickbar. Letztlich verhält sich kein Kind oder Jugendlicher in Momenten drohender Gefahr oder bereits erlittener Opferrolle exakt wie das andere. Bei konstanter Ausgrenzung, Depression und anderen gravierenden Fällen für Gesundheit und Entwicklung genauso wenig.

Dennoch nennen wir hier ein paar der auffälligsten Verhaltensweisen oder andere Anzeichen auf Probleme, die es anzugehen gilt. Im Zweifelsfall lohnt sich jedoch vor weiteren Schritten eine Beratung, sicher aber vorsichtige Rückfragen und danach Absprachen mit Schule, Lehrstelle oder involvierten Stellen.

1. Veränderungen im Auftreten und Verhalten zu Hause, die nicht unbedingt zur «gewöhnlichen» Entwicklung gehören dürften:

a) Längerer Unterbruch oder Abbruch der Kommunikation mit Eltern oder Geschwistern
b) Kompletter Rückzug ins Zimmer (Flucht), plötzliche Abnabelung von bisherigen FreundInnen, Verstummen über längere Zeit
c) Viel aggressive, aufbrausende Reaktionen auf Anweisungen oder überhaupt im Gespräch
d) Kindisch erscheinende Trotzphasen, Phasen mit konstant ausbleibendem Gehorsam
e) Übermässige Streitlust
f) Sich häufende Momente von Kontrollverlust wie Wutausbrüche
g) Häufige Heulattacken im Beisein von Eltern oder Geschwistern oder allein im Zimmer
h) Wiederholtes Leugnen von Vorfällen oder Lügen, wenn solches bisher kaum auffiel
i) Fälle auffälliger Quälerei von (kleinen) Geschwistern, (Haus-)Tieren
j) Völlig fehlender Respekt vor dem Eigentum anderer, Zerstörungswut (oft demonstrativ)

2. Häufiges Schule-Schwänzen oder vermutetes Vortäuschen von Krankheit, im Extremfall Weglaufen von zu Hause

3.Hinweise von Externen, zuallererst Lehrpersonen, dann auch Gschpänli oder Beobachtern im öffentlichen Raum, dass Ungewöhnliches passiert sei mit dem Kind oder von diesem ausging. Manchmal Ratschläge solcher Personen, es sei etwas zu unternehmen.

Achtung: Die genannten Verhaltensweisen sollten mehrfach respektive über einen gewissen Zeitraum auftreten. Sie sollten ins Gewicht fallen und nach Überschlafen nicht bloss anekdotischen Gehalt haben. Andere Erziehungs- respektive Betreuungspersonen sollten nach Rückfrage auch etwas festgestellt haben.
Wichtig: Existiert ein Austausch mit dem Kind oder Jugendlichen und hat sich dieses nicht völlig zurückgezogen, so fragen Sie es zuerst selbst – im ersten Moment, ohne eigene Vermutungen äussern: «Ich (oder: wir als Eltern...) finden, du hast dich zuletzt verändert. Ist etwas in der Schule passiert, mit Freunden? Erzähl es mir bitte. Kann ich etwas tun?»
Selbst wenn nicht auf Anhieb eine brauchbare Erklärung folgt, pflegen Sie so ein Vertrauensverhältnis, ohne dass die spätere Kommunikation weitaus schwerer fallen dürfte.

Autor: Reto Meisser

Fotograf: René Ruis