Archiv
05. Januar 2015

Wohngemeinschaft im Alter

Wir werden immer älter, die Pflegekosten steigen. Wer sorgt für unsere Senioren? Die Denkfabrik Avenir Suisse rät zu generationenübergreifenden Projekten. Drei innovative Wohngemeinschaften zeigen, wie dies geht.

Einer für alle, alle für einen

Alle Generationen vereint: Malaika Gysi, Hans Surter, Nuno und Ralu Ferrara, Eva Polli mit Hund Sumo, Graziella Ferrara
Alle Generationen vereint: Malaika Gysi, Hans Surter, Nuno und Ralu Ferrara, Eva Polli mit Hund Sumo, Graziella Ferrara (von links).

Für einen Freitagnachmittag ist in der Genossenschaftssiedlung Giesserei in Winterthur ZH viel los: Ein Teenager mit Käppi verlegt Kabel, zwei Kinder spielen Fangen im Gemeinschaftssaal, die Erwachsenen geben der Deko für die abendliche Party den letzten Schliff. Im Innenhof spaziert eine Seniorin mit ihrem Hund vorbei und beobachtet die Vorbereitungen. «Das ist Eva Polli. Bei ihr habe ich letztens die Fenster geputzt. Bei den Coolen mache ich das auch freiwillig», sagt Graziella Ferrara (39) und grinst. Freiwillig, damit meint sie: Sie rechnet es nicht mit dem Zeitkonto ab.

Die Giesserei ist die grösste selbstverwaltete Mehrgenerationensiedlung der Schweiz. Hier bestimmt jeder Bewohner an der Mitgliederversammlung über die Hausregeln mit, zudem sind alle verpflichtet, 36 Stunden Gemeinschaftsarbeiten pro Jahr zu leisten. Die Jungen kümmern sich um die körperlich anstrengenden Arbeiten wie Spielplatz bauen, die Älteren backen Kuchen für die Mitgliederversammlung oder engagieren sich im Administrativen. Wer beruflich sehr eingespannt ist, kann seine Pflichtstunden auch finanziell abgelten.

Oder er macht einen Tauschhandel mit einem anderen Bewohner. Coiffeuse Malaika Gysi (39) etwa schneidet den nicht mehr mobilen Bewohnern die Haare und überträgt anderen dafür die eine oder andere ihrer Sollstunden. Im Forum, einer Art «Facebook für Generationen», erklärt Gysi, tausche man sich online über Themen der Siedlung aus. Dort wird auch die Zeitbank verwaltet.

Im Februar 2013 zogen die ersten Bewohner ein, mittlerweile sind in der Giesserei alle 156 Wohnungen von 350 Menschen belegt, zusätzlich gibt es hier eine Kinderkrippe, eine Tagesstätte für Menschen mit Hirnverletzungen, eine Velowerkstatt und ein Restaurant. Nur für die Bewohner zugänglich ist die Pantoffelbar, wo man sich auf einen Kaffee und einen Schwatz trifft. Die Altersstruktur der Giesserei entspricht der demografischen Entwicklung der Schweiz. Nur die über 80-Jährigen und 20–30-Jährigen fehlen. Das liegt höchstwahrscheinlich am Finanziellen: Alle Mieter müssen zehn Prozent des Wohnraumwerts als Eigenkapital mitbringen.

Wenig Privatsphäre, dafür lebendiger Austausch

Viele engagieren sich freiwillig in der Giesserei. So zum Beispiel die Gruppe Plan B, die eine Liste mit Dienstleistungen angefertigt hat. Eva Polli (68) findet das praktisch: «Wenn ich zum Arzt muss, schreibe ich ein Mail an Plan B, und jemand aus der Siedlung fährt mich hin.» Eine Alterswohnung kam für Eva Polli nie infrage: «Ich ziehe lebendiges Wohnen vor.» Dass die Privatsphäre hier manchmal zu kurz kommt, ist nicht jedermanns Sache. Die Balkone der Giesserei gehen zum Beispiel fliessend ineinander über. «Man kommt den Leuten hier näher als in einer normalen Siedlung», sagt Malaika Gysi.

Genau das findet Architekt Hans Suter (67) toll. Er hat das Projekt vor acht Jahren initiiert. «Eigentlich bin ich ein Einzelgänger. Mittlerweile schätze ich das starke Gemeinschaftsgefühl.»

Fast wie zu Hause

Margrit Raimann (vorne) macht mit Bewohnerin Lisbeth einen Spaziergang vor der Demenz-WG.
Margrit Raimann (vorne) macht mit Bewohnerin Lisbeth einen Spaziergang vor der Demenz-WG.

Es ist kurz nach 13 Uhr, die neun Bewohner der Demenz-WG Wiitsicht in Trübbach SG sind gerade aus ihrem Mittagsschlaf erwacht. «Robert, wie hast dus mit dem Tanzen?», fragt Margrit Raimann (53), Leiterin des Hauses. Robert* (84) sitzt auf dem Wohnzimmersofa über eine Zeitschrift gebeugt und sagt: «Gegen das Tanzen habe ich nichts!» Die Leiterin hält ihm die passenden Accessoires hin, innerhalb weniger Sekunden hat Robert seine schwarzen Tanzschuhe montiert.

Aus der Stereoanlage ertönt Schwyzerörgeli, sofort beginnt Robert im Takt zu wippen. Lisbeth* (75) kommt dazu, sie hat ihr Bäbi in der Hand. Margrit Raimann begrüsst Lisbeth. «Ja, wen haben wir denn da?» Lisbeth schaut sie irritiert an. «Keine Ahnung!» Ihre grüne Tasche hat Lisbeth fest unter den Arm geklemmt. «Die hat sie immer dabei», kommentiert Margrit Raimann und nimmt liebevoll Lisbeths Hand.

Ihr Mann Herbert Raimann (55), der gerade mit zwei Bewohnern das Haus verlässt, um Winterpneus zu montieren, fügt an: «Abends müssen wir einen Kontrollblick in die Tasche werfen, da stecken auch mal Wurstschalen drin.» Lisbeth lächelt wissend, stellt ihre Tasche auf den Sessel und nimmt Roberts Hände. Die beiden wippen zufrieden zur Musik. «Lueg die Wälder a, am schönschte ischs hald dihei», tönt es aus der Anlage. Robert wackelt mit der Hüfte, wiegt den Kopf hin und her. Nach einer Weile dreht Raimann die Musik ab, «sonst tanzen die morgen noch».

Den Bewohnern müsse eigentlich bei allem geholfen werden, erklärt Margrit Raimann. Die gelernte Köchin ist erst als 40-Jährige in die Sozialarbeit eingestiegen. Bald merkte sie: Menschen mit Demenz haben in der Schweiz keine Lobby. So gründete sie 2009 im nahen Grabs das Zentrum Wiitsicht mit einer Tagesstätte und einer Fachstelle für Menschen mit Demenz. Seit September 2014 bietet auch eine Pflegewohngruppe Menschen mit Demenz ein Leben wie zu Hause. «Sie fühlen sich oft wie in einem fremden Land, sind hilflos und ängstlich. Wir sind die Fremdenführer.»

Hinter dem Wohnheim steht eine Stiftung, das Angebot kostet gleich viel wie ein Pflegeheim, unterscheidet sich aber klar vom gängigen Pflegekonzept: «Menschen mit Demenz würden in einem normalen Pflegeheim völlig untergehen. Sie sind schnell reizüberflutet und brauchen ein geschütztes Umfeld.» Auf zwei Bewohner kommt eine Pflegerin, die meisten der insgesamt 20 Teilzeitmitarbeiterinnen sind Familienfrauen im mittleren Alter mit einer Pflegeausbildung.

Die Pfleger passen sich den Bewohnern an, nicht umgekehrt

Der Nachmittagskaffee wird serviert, dazu gibt es Nussschnecken. Wer nicht dabei sein will, kann auf dem Zimmer bleiben. Die Bewohner sollen ihren Alltag nach ihren Bedürfnissen leben. «Wir passen die Umwelt an sie an», erklärt Gründerin Margrit Raimann. «Magst du Nussschnecken, Christa?» Christa hebt den Kopf. «Das weiss ich nicht.» Margrit Raimann streichelt ihr über den Rücken. Berührungen sind wichtig für die Bewohner. «Das ist blöd, wenn man nichts mehr weiss, gell.»

Das Haus besteht aus drei Wohnungen mit Einzel- und Doppelzimmern. Neben Christa, die mit über 90 Jahren körperlich nicht mehr fit ist, leben in der Demenz-Pflegewohngruppe auch viele jüngere Bewohner: Die Hälfte ist zwischen 58 und 68 Jahre alt.

«Und, was machen wir heute Nachmittag?», fragt eine Pflegerin in die Runde. Robert, der Tänzer, weiss es: «Der Plan ist, in die Demenzia zu gehen.» Was die Demenzia ist, weiss niemand. Die Runde schaut sich ratlos an, prustet dann los. Trotz der schwierigen Momente darf in der Wiitsicht auch mal gelacht werden.

Die Generationen-WG

Světluše Heese

Das Prinzip ist simpel: Ein älterer Mensch möchte zu Hause wohnen bleiben und hat viel Platz. Der junge Student sucht ein Zimmer und hat ein knappes Budget. Hier hält Pro Senectute Kanton Zürich eine Win-Win-Situation bereit: «Wohnen für Hilfe». Die Miete wird statt mit Geld mit Hilfeleistungen im Alltag beglichen. 19 dieser Partnerschaften gibt es bereits.

Als vor drei Jahren der Mann von Světluše Heese (81) starb, fühlte sie sich einsam. Ihre Enkelin wollte die Grossmutter nicht mehr jammern hören und ermutigte sie, sich bei «Wohnen für Hilfe» anzumelden. Nun hat Světluše Heese Wohngspänli und Ersatzenkelin zugleich: Seit einem Jahr lebt Selma Steinhoff (20) aus Luzern in Heeses Fünfzimmerwohnung in Zürich Hottingen. Die beiden haben Regeln wie in einer WG. Beide dürfen Küche und Wohnzimmer benützen. Beim eigenen Zimmer gilt: Ist die Tür angelehnt, darf man jederzeit eintreten. Ist sie zu, ist die Privatsphäre zu wahren. Wenn Selma Steinhoff mal spät nach Hause kommt, gibt sie ihrer Mitbewohnerin Bescheid. «Sonst macht sie sich Sorgen.»

Die beiden treffen sich zu Oper, Nachrichten oder Teetrinken

Als Informatikstudentin ist Steinhoff für Světluše Heese die perfekte Hilfe im Alltag. Wenn der Drucker mal Papierstau hat oder der Internetrouter aussteigt, ist die junge Frau da. Kürzlich haben die Wohnpartnerinnen ein Smartphone gekauft, nun üben sie WhatsApp. Die beiden sehen ihre Wohngemeinschaft nicht als Arbeitsverhältnis. Zu ihrem einjährigen Wohnjubiläum zum Beispiel waren sie in der Oper. Treffen sie sich in der Küche, trinken sie spontan eine Tasse Tee zusammen. Oder Selma Steinhoff leistet Světluše Heese beim abendlichen Nachrichtenschauen Gesellschaft.

Heese kommt aus Tschechien und hatte bis zu ihrer Pensionierung einen Lehrauftrag für Rehabilitation und Erziehung von Sehbehinderten in Dortmund. Aus dem Münsterland kommt auch die Familie von Steinhoff. Wenn Heese in ihrem Zweitwohnsitz Prag ist, hat die Studentin die Wohnung für sich allein. «Das ist zwar ab und zu ganz nett, zu zweit ist es aber doch schöner. Ich freue mich, wenn sie von ihren Reisen zurückkehrt», sagt sie. Světluše Heese schätzt es, dass jemand die Wohnung hütet. «Selma würde ihre Freiheiten nie missbrauchen.»

Die «Wohnen für Hilfe»-Regel, dass pro Quadratmeter Wohnen eine Stunde Hilfe pro Woche anfällt, sehen die beiden nicht so eng. Zehn Minuten PC-Nachhilfe werden nicht aufgeschrieben. Hauptsächlich im Garten braucht es zwei starke Hände: Vor dem Wintereinbruch pflanzte Selma Steinhoff Blumenzwiebeln und hängte die schweren Doppelfenster ein. Manchmal sieht Světluše Heese aber etwas spät ein, dass sie Hilfe benötigt. «Gestern auf der Leiter hätte ich schon Unterstützung gebraucht», gibt sie zu. «Sie sollen doch nicht mit der Leiter rumturnen!», schimpft Steinhoff. Dass sie die alte Dame trotz Vertrautheit siezt, deutet auf eine respektvolle Distanz hin.

Vermisst Selma Steinhoff das wilde Studentenleben? «Überhaupt nicht. Ich bin im Studium ständig um junge Leute herum. Ich finde es bereichernd, zu Hause mit einer anderen Generation in Kontakt zu kommen. Das ist wie persönlicher Geschichtsunterricht.»

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Marvin Zilm