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28. September 2015

Wohnen mit Seele

Sie sparen Platz, Raum und Energie – und sie bringen Menschen zusammen. Drei Beispiele, wie man in neuartigen Genossenschaftsüberbauungen gemeinsam und doch getrennt wohnt.

Autofreie Siedlung

Durchgehende Balkone und Gartensitzplätze für alle: die 2014 bezogene Siedlung Oberfeld in Ostermundigen.
Durchgehende Balkone und Gartensitzplätze für alle: die 2014 bezogene Siedlung Oberfeld in Ostermundigen.

Familie Dettli/Fredrich,autofreie Siedlung Oberfeld, Ostermundigen BE

Passen wir dazu? Das haben sich Bettina Fredrich (41) und Werner Dettli (46) immer mal wieder gefragt. Damals, als lange vor Baubeginn an den Sitzungen der Genossenschaft Oberfeld diskutiert wurde, immer wieder über die gleichen Themen. Zum Beispiel: Wie viele Parkplätze sollte es geben in der autofreien Siedlung, die sie am Dorfrand von Ostermundigen bei Bern planten. Gar keine? Ein paar wenige für Besucher? So ging das. Einige argumentierten ideologisch, andere pragmatisch. Schliesslich schrieb dann die Gemeinde vor, dass 400 Menschen nicht ganz ohne Parkplätze auskommen dürfen. Diese sind am Rand der Siedlung zu finden. In den Tiefgaragen stehen nur Velos und Veloanhänger, so weit das Auge reicht.

Es gab viele weitere Abstimmungen. Die Genossenschafter konnten von Anfang an mitbestimmen. Sie formierten sich in Gruppen für Mobilität, für Aussen- und Innenraum, für den Spielplatz, für Technik. Sie vertieften sich in Themen und stellten ihre Konzepte den anderen vor. Sie arbeiteten gemeinsam an ihrer Zukunft. Im Frühling 2014 war es nach mehr als drei Jahren Planung und Bau endlich so weit: Das Leben in der Siedlung konnte beginnen.

Das Ehepaar Dettli/Fredrich gehört zu jener Hälfte der Bewohner, die ihre Wohnungen gekauft haben. Die Parterrewohnung hat einen einfachen Ausbaustandard. Viel Holz, einen offenen Küche-Wohn-Raum, kleine Badezimmer. Die Waschmaschinen teilen sie, ihr Gartenplatz mit Grillstelle ist allen Bewohnern zugänglich.

Fin und Len (10) Mai und Lou (7), die beiden Zwillingspaare der Familie, fühlen sich in der Siedlung sehr wohl – sie ist ihr Daheim. Im Sommer sind sie ausser zum Essen und Schlafen kaum in der Wohnung. «Wir sind ein Dorf im Dorf», sagt Werner Dettli, Ingenieur und Erlebnispädagoge. Doch der Unterschied zum Bündner Dorf, wo er aufgewachsen ist, sei, dass alle sehr bewusst ins Oberfeld gezogen seien. Sie alle wollten möglichst ressourcenschonend leben und eine aktive Nachbarschaft pflegen. «Es ist», so seine Frau Bettina Fredrich, «wie auf einem Campus». Das sei es, was sie gesucht und nun auch gefunden hätten.

Unaufgeforderte Unterstützung zählt


Ein Stipendium für Fredrichs Doktorarbeit ermöglichte dem Paar einst einen Aufenthalt in Vancouver. Dort kamen die jüngeren Zwillinge zur Welt. «Unsere Nachbarn auf dem Hochschulcampus haben uns nach der Geburt umsorgt», sagt Bettina Fredrich, die heute die Fachstelle Sozialpolitik der Caritas leitet. Unaufgefordert hätte man sie unterstützt und für sie gekocht. In so einer Nachbarschaft wollten sie wieder leben.

Heute verfügen die Dettli/Fredrichs über die Mailadressen und Telefonnummern fast aller Nachbarn. Passiert Unvorhergesehenes in ihrem Leben, ist immer jemand zur Stelle, bei dem die Kinder gut aufgehoben sind. Genauso helfen auch sie ihren Nachbarn.

Werner Dettli, der wie seine Frau 70 Prozent arbeitet, nennt das Engagement in der Siedlung einen 10-Prozent-Job. Natürlich sagt er das mit ­einem Augenzwinkern, weil es Arbeit ist, die für ihn sinnvoll ist. Und weil sich die meisten, wie sie beide, auch engagieren: Gemeinschaftsräume einrichten, gärtnern, den Mittagstisch organisieren. Es gibt immer etwas zu tun. Ein pensionierter Genossenschafter richtet gerade in einer Ecke der Tiefgarage eine professionelle Werkstatt ein, die alle benützen können. Vor Kurzem ist eine Kinderkrippe in die Siedlung gezogen. Es lebt hier, es kriselt manchmal. Aber das, sagt Bettina Fredrich, sei eben auch Teil des Lebens.

Alters-Genossenschaftswohnung

Im Oktober ziehen 18 Parteien in die Häuser neben der KIrche Mettmenstetten.
Im Oktober ziehen 18 Parteien in die Häuser neben der KIrche Mettmenstetten.

Manfred und Salome Lorch,Alters-Genossenschaftswohnung, Mettmenstetten ZH

Der Wildspitz. Der Urirotstock. Diese Berggipfel werden sie von ihrer neuen Wohnung aus nicht mehr sehen. Auch der Garten wird nicht mehr da sein. Und von vielem, was Salome (69) und Manfred (70) Lorch besitzen, werden sie sich bis zum ­Umzug getrennt haben. «Gesundschrumpfen» nennen sie das – ein Kopfbegriff.Logisch, muss man sich im Alter irgendwann von ein paar Dingen verabschieden. Man nimmt ja zuallerletzt auch nichts mit. Aber das Herz, sagen die beiden, hänge noch an einigen Dingen, und vor allem auch an den Erinnerungen, die sie hier gesammelt haben in ihrem 6½-Zimmer-Haus in Mettmenstetten ZH. Drei Stockwerke für sich und die beiden Kinder. Im Untergeschoss ein Büro-, Näh- und Wäschezimmer. Viel Licht oben im Wohnraum. Als das Haus gebaut wurde, haben sie mitgeholfen, wo es ging. Aber jetzt, sagen der pensionierte Oberstufenlehrer und die Zoologin, sei es Zeit, dass der Kopf über die Emotionen bestimme. Im Herbst ziehen sie in eine 4½- Zimmer-Wohnung der neuen Wohnbaugenossenschaft maettmi50plus unten im Dorf, gleich neben der Kirche.

Viele Leute überzeugt mitzumachen


Die Lorchs waren schon dabei, als die Genossenschaft im Herbst 2012 gegründet wurde. Ein enger Freund von ihnen, Ruedi Werder, hatte die Idee für das Alters-Wohnprojekt. Er hatte vorgerechnet: In rund 350 der 500 Einfamilienhäuser im Dorf leben Menschen über 50 Jahre, die meisten von ihnen ohne ihre Kinder, so wie das Ehepaar Lorch. Das Dorf braucht doch auch Platz für Junge, sagte Werder, der heutige Präsident der Wohnbaugenossenschaft, und konnte andere überzeugen, bei der Gründung mitzumachen.

In den 18 Wohnungen der drei Häuser werden die letzten Schlösser montiert und die Schliessanlage programmiert. Demnächst können die Genossenschafter einziehen. Die Fotovoltaik-Anlage auf den Dächern ging bereits Ende März in Betrieb. Es wird hochwertig und nachhaltig gebaut. Für das Energiekonzept, zu dem auch Wärmepumpen und thermische Solarkollektoren gehören, hat sich selbst das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) interessiert.

Zwischen den Häusern steht ein niedriger Pavillon; der Mehrzweckraum wird das Herz der Genossenschaft sein. Eine Küche wird es da geben, eine kleine Bibliothek. Darauf freuen sich die Lorchs, die gern lesen. Manfred Lorch will dafür sorgen, dass im Pavillon regelmässig gemeinsam gekocht und gegessen wird. Er will die Nachbarschaft pflegen, das Zusammensein. Noch sind nicht alle Mieter bekannt. «Ich freue mich, neue Leute kennenzulernen», sagt Salome Lorch. Jetzt habe sie noch die Energie dazu.

Die Lorchs wollen in der neuen Siedlung Mitbewohner unterstützen, die nicht mehr so mobil sind. Sie rechnen aber auch mit Spannungen. Bis jetzt hatte jeder sein eigenes Gärtchen. Künftig teilen sie mit den anderen Wohnparteien ein paar Quadratmeter Aussenfläche. Sie müssen sich auf kleinerem Raum arrangieren. Sein Haus mit Blick auf die Berge hat das Ehepaar bereits einer Familie mit kleinen Kindern verkauft. Das Geld können sie in der Genossenschaft anlegen. Rund 2400 Franken Miete werden sie für ihre grosszügige Neubauwohnung bezahlen. Ein fairer Preis, finden die Lorchs. Pfruendmatt Mettmenstetten, denken sie, wird ihre letzte Adresse sein.

Mehrgenerationenhaus

Die Giesserei Winterthur ist wie ein Dorf in der Stadt: 350 Menschen wohnen hier.

Elsbeth Horbaty,Mehrgenerationenhaus Giesserei Winterthur ZH

Sie träumt nicht vom Haus, nicht vom eigenen Garten und schon gar nicht davon, ihre Ruhe zu haben. Die hat Elsbeth Horbaty auch, wenn sie mitten unter Leuten lebt. Die 61-Jährige ist herumgekommen in der Welt. In Winterthur aufgewachsen und seit langem in der Entwicklungszusammenarbeit tätig, ist sie letzten Herbst wieder in ihre Heimatstadt gezogen. Sie wäre nicht zurückgekommen, gäbe es hier nicht die Giesserei, die grösste selbstverwaltete Siedlung der Schweiz. Nun lebt sie im hinteren roten Holzriegel. Für dessen ökologische Bauweise gab es Preise.

350 Menschen wohnen in der Siedlung in Oberwinterthur. 151 Wohnungen in allen möglichen Grössen. Doch keine ist so gross wie jene im obersten Stock, in der Elsbeth Horbaty wohnt: 8 Schlafzimmer, 370 Quadratmeter. Eine Turnhalle, fast. Rund herum eine Terrasse. Elsbeth Horbaty nennt sie Reling, weil sie sie an ein Schiffsdeck erinnert. Ihr gefällt der Vergleich mit dem Schiff. Sie und ihre sieben Mitbewohner sind die Passagiere, zusammen steuern sie in eine Richtung, die sie nicht so genau kennen. Klar ist aber: Sie sind miteinander unterwegs, steuern Neuland an.

Jedes Mitglied der Wohngemeinschaft ist auch Teil der Winterthurer Wohnbaugenossenschaft Gesewo. Das Konzept sieht vor, dass alle Erwachsenen, die in der Siedlung leben, im Jahr mindestens 36 Stunden Gemeinschaftsarbeit leisten: Treppenhaus putzen, Waschküche in Schuss halten. Elsbeth Horbaty ist in der Schlichtungskommission, die vermitteln soll, wenn es in der Siedlung zu grösseren Konflikten kommt.

Man trifft sich, tauscht sich aus


Elsbeth Horbaty führt durch die Siedlung. Einen grossen Gemeinschaftsraum mit Küche gibt es im Parterre. Hier treffen sich samstags einige Bewohner und essen gemeinsam zu Mittag. Daneben ein Kulturraum mit grosser Bühne und professioneller Technik. Hier wird gefeiert, Theater aufgeführt. Die Siedlung hat eine Kinderkrippe und ein Restaurant. Kleingewerbler haben sich eingenistet. Man kennt sich, man trifft sich, man tauscht sich aus, arbeitet gemeinsam. Das gefällt Elsbeth Horbaty. Sie hat lange in Lateinamerika gelebt, ihr Sohn lebt in Holland.

Knapp 800 Franken bezahlt sie für ihr 25 Quadratmeter grosses Zimmer. Das ist wenig, gemessen an der Infrastruktur, die sie nutzen kann. Sie teilt die Waschmaschine, den Garten im Innenhof, die Küche mit ihren Mitbewohnern. Das schont die Ressourcen. Vor allem dieser ökologische Gedanke gefällt ihr. «Ich sehe nicht ein, weshalb eine Dreizimmerwohnung mit eigener Kücheneinrichtung und eigenem Staubsauger von nur einer Person bewohnt werden soll.»

Ihre Mitbewohner sind zwischen 45 und 65 Jahre alt. Das Leben in der WG ist pragmatisch. Elsbeth Horbaty sagt, ihre Gross-WG sei kein Familienersatz. Sie alle führten ein sehr unabhängiges Leben. Es fühle sich fast an, wie in einem Apartmenthotel, nur dass man eben für länger bleibt.

«Wir brauchen flexible Wohnstrukturen!»

Lesen Sie hier das Interview mit Hans E. Widmer , pensionierter Gymnasiallehrer und Autor, zu alternativen Wohnformen. (PDF, Migros-Magazin vom 28. September 2015)

Autor: Erika Burri

Fotograf: Kuster & Frey