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29. April 2013

Wohlfühloase Google?

Wenn man bei der Arbeit Erfüllung finden kann, dann wohl bei Google. Schliesslich ist die Firma laut verschiedenen Umfragen der attraktivste Arbeitgeber der Welt. Wirklich? Wir haben mit einer Ex-Mitarbeiterin gesprochen.

Google Büros in Zürich
Google Büros in Zürich

Gehe mit einem Lächeln in dein Unternehmen! Tue das, was du aus tiefster Überzeugung liebst! Sei begeistert, enthusiastisch und engagiert! Berufsratgeber überschlagen sich mit wunderbaren Tipps zu einem angeblich glücklichen und befriedigenden Arbeitsleben. Doch wie das Menschen konkret erreichen sollen, bleibt in vielen Büchern offen. «Hilfe zur Selbsthilfe» heisst meistens die Devise. Warum also nicht einen Blick auf Listen beliebter Arbeitgeber werfen und nach dem Erfolgsrezept fragen? Viele zuverlässige Anlaufstellen gibt es nicht, da weltweit und in der Schweiz praktisch nur eine einzige Firma in verschiedenen Umfragen immer ganz weit oben rangiert: Google.

Google-Mitarbeiter beim Billard
Google-Mitarbeiter beim Billard (Bild: zVG).

Wie kommt das? Der Suchmaschinenbetreiber bietet seinen Mitarbeitern an seinem Zürcher Standort viele Vorteile – oder neudeutsch – Incentives: Zum Beispiel kostenloses Essen in zwei Restaurants rund um die Uhr, Gratismassagen, Haareschneiden, Yoga-Kurse, einen Kraftraum oder ein Billardzimmer, um zwischendurch wortwörtlich eine ruhige Kugel zu schieben. Ausserdem dürfen sich alle Angestellten Arbeitszeit und -ort selbständig einteilen bzw. aussuchen. Viele nutzen diese Wahlmöglichkeit und trudeln erst pünktlich zum Frühstück gegen 10.30 Uhr ein und verziehen sich danach mit dem Laptop in eine gemütliche Ecke des Gebäudes; zum Beispiel in die «SkyLounge» mit Blick über die Stadt Zürich (siehe Diashow oben).

Das ist aber nur ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu anderen Firmen. Ein solches Angebot könnte jeder grössere Konzern in kurzer Zeit wohl ebenfalls einführen. Folgendes ist dagegen schon wesentlich schwieriger umzusetzen: Die umgekehrte Hierarchie bei Google. Konkret bedeutet das: Weder ranghohe Manager noch einzelne Führungskräfte legen die persönlichen Ziele der Mitarbeiter fest. Diese müssen ihre Vorgaben mit dem Vorgesetzten selbst erarbeiten. Ausserdem dürfen (oder sollen) Google-Mitarbeitende einen Tag pro Woche für eigene Projekte aufwenden. So ist zum Beispiel die Idee entstanden, öffentliche Gebäude bei Google Maps zu erfassen.

Doch aller Anfang ist schwer …

Der gute Ruf des Konzerns zieht vor über drei Jahren eine junge Frau an. Gemeinsam mit Migrosmagazin.ch blickt sie auf ihre Zeit im Unternehmen zurück. Da sie anonym bleiben möchte, nennen wir sie Laura. Sie ist von der Innovationskraft des Unternehmens und insbesondere von der unkomplizierten Art, wie Google seine Produkte veröffentlicht, sehr beeindruckt. Das war Laura aus ihrer früheren Tätigkeit bei einem anderen IT-Konzern unbekannt. Dort brauchte es für alles und jedes monatelange Forschungen, ohne dass etwas Konkretes passiert wäre. Laura will diese Strategie näher kennenlernen und bewirbt sich über die Internetsite des Konzerns.

Dann beginnt die Ochsentour. Google lädt Laura in der Zeitspanne von drei Monaten zu zwölf (!) Vorstellungsgesprächen. Sie spricht mit Menschen mit unterschiedlichen Funktionen im Konzern und wird auf ihre Fähigkeiten getestet. Besonderen Fokus legt das Unternehmen auf ihre Sozialkompetenz und prüft, wie Laura ins künftige Team passt. Sie besteht die Tests und nimmt ihre Arbeit in Zürich auf. Ihr gefallen der Qualitätsanspruch und die datengetriebene Denkweise im Konzern. Damit ist zum Beispiel gemeint, dass sich bei Google niemand auf Bauchgefühl oder Intuition verlässt, sondern Entscheide nur aufgrund von aussagekräftigen Statistiken gefällt werden.

(Quelle: YouTube.com)

Es ist nicht alles Gold, was glänzt …

«Laura erzählt: Google bezahlt einen guten Lohn und bietet seinen Mitarbeitern eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Besonders für junge Menschen, die aus einem fremden Land in die Schweiz kommen, ist das praktisch. Sie müssen sich praktisch um nichts kümmern, weil ihnen das Unternehmen alles abnimmt. Durch die extrem langen Präsenzzeiten, die zum Beispiel durch das kostenlose Nachtessen gefördert werden, lernt man praktisch keine Nicht-Googler kennen. Das fördert nicht nur Wochenendarbeit, sondern schweisst die Menschen auch zusammen, erhöht das Engagement bei der Arbeit und festigt die Bindung zu Google.

Der Konzern tut das ganz bewusst und erwartet sozusagen, dass die Mitarbeiter an sieben Tagen in der Woche je 24 Stunden erreichbar sind. Wer diese Ambition und Leistungsbereitschaft nicht mitbringt, kommt nicht weit. Ausserdem können nur die Ingenieure wirklich Karriere machen. Wer in einer sogenannten Supportfunktion, wie zum Beispiel in der Marketing- oder Finanzabteilung, tätig ist, bleibt ebenfalls stehen. Beides sind Gründe, weshalb ich meinen ehemaligen Traumarbeitgeber Google nach drei Jahren wieder verlassen habe. Ich vermisst zwar einerseits das datenbasierte Denken, bin aber andererseits froh, mich meinem aktuellen Arbeitgeber nicht mehr in dem Masse hingeben zu müssen.

Autor: Reto Vogt