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28. Januar 2013

Wohin Schuldgefühle führen

Die Ursachen für Schuldgefühle und mögliche Auswege sind oft nur mühsam zu finden, dafür zeichnen sich leider die drohenden Folgen anhaltender Selbstbezichtigungen von Depression bis Selbstbestrafung umso klarer ab.

Schuldgefühle gehören für die meisten Psychologen zur Gilde der für (stark) Betroffene wenig nützlichen Phänomene: Der Grund ist einfach: Die meisten Menschen, die häufig mit der diffusen oder konkreten Wahrnehmung eigener Schuld konfrontiert sind, machen sich an ihrem Umfeld kaum mehr 'schuldig' als die anderen. Und hätten also aus nüchterner Sicht nicht mehr Anlass als andere, sich über Getanes oder Verpasstes den Kopf zermartern zu müssen.

Ihr Sensorium für schief gelaufene Dinge um sie herum ist zumeist einfach viel feiner, man könnte auch sagen, sie finden oft eigene Verantwortung in Angelegenheiten, für die sie nichts oder so wenig wie andere Beteiligte können.
Denn grundsätzlich wäre das Prinzip eines Schuldbewusstseins durchaus ein sinnvolles Mittel, das eigene Verhalten zu hinterfragen und nötigenfalls Korrekturen anzubringen. Experten beschreiben, wie letztlich jeder Mensch weit über das Mass an juristisch feststellbarer Schuld und auch jenseits religiöser Leitsätze und Regeln schon ab frühem Kindesalter eine innere Instanz aufbaut, die sich bei – echtem oder scheinbarem – Fehlverhalten meldet. Freudianer nennen es klassischerweise noch immer das Über-Ich. Dieses greift im Idealfall als Meldestelle und Mahner ein, wenn jemand in seinem Tun eben merkbar gegen Regeln oder Ideale verstossen hat, die eigentlich die seinen wären. Wird dies der Person bewusst, hat sie die Chance, in Zukunft vergleichbares Handeln zu unterlassen oder nach besseren Optionen zu suchen.

Dummerweise prägen sich schon im (frühen) Kindesalter oft Fühl- und Denkmuster ein, die nicht auf konkretem Fehlverhalten und dem Versuch der zukünftigen 'Besserung' aufbauen, sondern auf andere Reaktionen auf die Erwachsenen-Welt, wie das Kind sie wahrnimmt. Nicht umsonst nennen Psychologen das (sich noch bildende oder verändernde) Über-Ich in dieser entscheidenden Phase auch gleich Eltern-Ich. Der einfachste Fall ist ein Kleinkind, das sich in der familiären Konstellation mit Eltern und allenfalls Geschwistern als nicht erwünscht begreift. Häufig sucht es einerseits bald die Schuld bei sich, andererseits transportiert sich die verzweifelte Suche nach eigenem Verschulden auch auf unzählige spätere Situationen im Leben. Ein anderer Fall könnte eine schmerzhafte Trennung der Eltern sein, die in ohnehin angespannter Lebensphase nicht ideal betreute Kinder auf ihr Versagen zurückführen. Es gibt jedoch einige weitere Anlässe und unzählige komplexe psychologische Muster, die später zu ständigem Leiden unter Schuldgefühlen führen können.

GRAVIERENDE FOLGEN
Leider können auf derartigen Ursachen beruhende Schuldgefühle den Betroffenen nicht nur hinsichtlich eines gar nicht vorhendenen Fehlverhaltens in die Irre führen. Wiederholt sich der Mechanismus häufig oder wird beinahe schon als andauernd empfunden, entwickeln sich oft weitergehende psychische, teils auch physische Reaktionen, Zwangshandlungen oder Krankheiten. Die bekanntesten sind:

1. Die Selbstbestrafung: Die von Schuldgefühlen herrührenden Aggressionen werden gegen einen selbst gerichtet. Es können Situationen gesucht werden, in denen man begangene (angebliche) Fehler öffentlich bekennen muss, oder das Urteil wird gleich ohne Umwege selbst gesprochen.

2. Die Flucht: Einige oft bis konstant unter Schuldgefühlen Leidende laden sich immer mehr Aufgaben, Arbeit und Verantwortung auf, um (scheinbares) Versagen zu kompensieren. Dummerweise pflegen dieselben Menschen in der Regel auch äusserst hohe Ansprüche an die eigene Leistung, was im Zirkelschluss die Schuldgefühle wiederum ansteigen lassen kann.

3. Die Übertragung: Ein paar Geplagte finden einen Mechanismus, die Schuldgefühle auf andere 'Sündenböcke' im Umfeld zu projizieren. So muss man sich zumindest bloss in einer ersten Phase damit herumschlagen. Sie fühlen sich überdies auch meist schnell angegriffen.

4. Die Unterordnung: Betroffene üben sich immer stärker in der (unbegrenzten) Nachgiebigkeit, prangern keine noch so gravierenden Verfehlungen von Mitmenschen um sie herum an und ordnen sich generell fast nur noch unter.

5. Die Depression: Länger anhaltende Selbstvorwürfe führen über das Bild des Unvermögens und stetigen Scheiterns nicht selten auch zu Depressionen.

6. Die Beschwerden: Konstante Schuldgefühle sorgen bei etlichen Menschen auch für Spannungen im Körper(befinden). Oft ergeben sich im physisch schon immer angreifbarsten Bereich Probleme: Magen- oder Kopfschmerzen sind verbreitet, aber auch häufiger Heisshunger oder im Gegenteil Appetitlosigkeit, Atembeschwerden oder gar Herzstechen.

WAS TUN?
Auf die unterschiedlichen Ausprägungen des Schuldgefühl-Musters kann natürlich nicht einheitlich reagiert werden. Ein oben angetönter Fall frühkindlich problematischer Prägung ist nicht gleich anzugehen wie zum Beispiel ein später eingespielter Mechanismus infolge eines dramatischen Ereignisses oder das ständige markante Überhöhen von alltäglichen Problemen.

Leidet jemand wirklich konstant oder in kurzen Abständen regelmässig an Selbstvorwürfen oder vermutet einen Zusammenhang mit prägenden Erlebnissen seiner Biografie, so empfiehlt sich zur Abklärung und Behandlung unbedingt das Aufsuchen einer psychologischen Fachkraft.

In die Lebensqualität weniger einschneidenden Fällen, oder als erstes Testverhalten, ob selbst eine gewisse Veränderung im festgefahrenen Schuldmechanismus angegangen werden kann, helfen vielleicht diese drei Tipps einen Schritt weiter:

A. Akzeptieren Sie eine Situation im Alltag, die auf eigenes Tun zurückgeht, und übernehmen Sie dafür Verantwortung. (Zum Beispiel: Ich musste zur Recht eine Verkehrsbusse bezahlen, weil ich zu schnell gefahren bin).

B. Beziehen Sie die 'Verfehlung' (natürlich nur in Fällen, wo nach einem Schritt Abstand tatsächlich eine feststellbar ist) nur auf die Tat, den Fehler selbst, nicht aber einfach auf Ihre Person. (Etwa: Sie haben nun Ärger oder grämen sich wegen eines bestimmten Verhaltens, nicht weil dieses Verhalten ohnehin zu Ihnen gehört...)

C. Nehmen Sie sich praktische Konsequenzen vor, wie Sie ähnliches künftig vermeiden können. (Fällt Ihnen auch nach Nachdenken kein anderes konkretes Verhalten ein, haben Sie vermutlich auch nichts Nennenswertes falsch gemacht...)

Autor: Reto Meisser