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05. November 2012

Woher der Wind weht

Räbeliechtli
«Eine alte Bäuerin lieferte mir das Rezept.»

«Gsehsch, dann war das Räbeliechtlizeugs vor nicht so langer Zeit so modern und verpönt wie Halloween!», stellt Hans fest, als er liest, unser Lichterumzug im Quartier feiere 50-Jahre-Jubiläum. Erst 50 Jahre. Ob Tradition oder nicht, ich mag alle beide: das gruselige Halloween und den feierlichen Räbeliechtliumzug. Den sogar sehr. Zauberhaft, fast mystisch, wie die geschmückten Wagen und Hunderte von Kindern durch die Strassen ziehen. Die Kandelaber werden eigens ausgeschaltet, sodass die Kleinen wirklich ein Licht in die Finsternis tragen. Ich werde noch am Strassenrand stehen, wenn unsere Kinder längst nicht mehr teilnehmen, und vermutlich auch dann noch nicht sicher sein, ob mir vor Kälte schaudert oder vor Rührung.

Hans war im Kindergarten, als ich mal mithelfen ging, aus Räben Laternen zu schnitzen. Wir höhlten, verzierten und verdrahteten, ich hatte – «Sii, Maa! Mached Sii mir au so es schöns Schiff?» – alle Hände voll zu tun, die Haufen mit Schnitzabfällen wurden gross und grösser. Worauf die Grossmutter eines Kindergärtlers meinte, früher hätten sie die Räben noch gekocht. Sie, eine alte Bäuerin, lieferte mir gleich das Rezept. Ich sammelte eifrig Räbenreste auf, trug sie nach Hause und probierte es am Mittag grad aus: die geraffelten Räben in wenig Milch kochen, würzen, mit Muskat verfeinern … Mir hats geschmeckt, den Kindern überhaupt nicht, die Folge war bei allen dieselbe: Furzen, Furzen, Furzen.

«Eine alte Bäuerin lieferte mir das Rezept.»

Verzeihung, aber ich muss kurz die wenig appetitliche Liste der Gemüse erstellen, die bei uns die übelsten Gerüche zur Folge haben. Eine Furzparade gewissermassen. Die Räben auf Rang drei – Bronze. Topinambur belegt Rang zwei. Das Knollengewächs schmeckt mir zwar, ist aber mühsam zu rüsten und … Eben. (Unglücklich, dass es draussen just dann, wenn diese Gemüse Saison haben, so kalt ist, dass man die Fenster geschlossen halten muss; Folgefürze können nicht verlüften.) Zum Spitzenreiter küre ich die Schwarzwurzel. Nicht nur der Blähungen wegen ist mein Verhältnis zu ihr ein schwieriges, sondern auch, weil man – hat man sie einmal gerüstet – nebst der schwarzen Finger eigentlich nur noch Rüstabfälle hat und kein Gemüse mehr. Schmackhaft wäre sie, gewiss. Aber als ich mir letzten Winter zum letzten Mal die Mühe mit ihr gemacht hatte und hernach mehrere Duftlämpchen in Gang setzen musste, dachte ich mir dann schon, die Schwarzwurzel führe ihr Nischendasein nicht ganz zu Unrecht. Eine Freundin behauptet ja, es sei alles eine Frage der Zubereitung. «Bohnen ohne Wind» nennt sie ihr Chili con Carne, nach dessen Verzehr man garantiert nicht … Aber ich glaube, bei ihr ists reine Gewöhnung. Habs nämlich ausprobiert und mich mit besagten Böhnchen bekochen lassen. Auf der Heimfahrt in der S-Bahn mieden die Leute meine Nähe; für das, was ich verbreitete, ist «Wind» ein zu gelindes Wort.

Letzten Sonntag übrigens, nach dem plötzlichen Wintereinbruch, staunte ich, wie gut ausgerüstet alle Kinder aus den Häusern strömten: mit Mützen, Daunenjacken, Schlitten gar. Sah alles ganz friedlich aus. Aber ich ahnte, dass zahlreiche Eltern in der Herrgottsfrühe schon wie ich geflucht hatten, weil sie zuhinterst im verstellten Keller das Winterzeugs hatten hervorsuchen müssen. So dick verpackt, störte wenigstens das Furzen niemanden. Wir waren am Abend zuvor zu Rotkabis eingeladen. Medaillenträchtig!

Bänz Friedli live: 13. November, Heimberg BE

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Autor: Bänz Friedli

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