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21. Dezember 2015

Wölfe wieder im Visier der Behörden

Am heutigen Montag gibt das Bundesamt für Umwelt bekannt, ob zwei Wölfe aus dem Calanda-Rudel zum Abschuss freigegeben werden. Die Raubtiere verlieren zunehmend die Scheu vor dem Menschen.

Wolf zum Abschuss
Der Wolf ist sehr clever und meist schon wieder weg, wenn der Wildhüter auftaucht. (Bild: Keystone).

Geht es dem Wolf jetzt an den Kragen? Heute Montag will das Bundesamt für Umwelt (Bafu) bekannt geben, ob zwei Tiere des zehnköpfigen Wolfsrudels im Calanda-Gebiet abgeschossen werden dürfen. Das Bafu reagiert damit auf ein Gesuch der St. Galler und Bündner Jagdbehörden, die den Abschuss beantragt haben.

In den vergangenen Monaten wurden die Wölfe häufig in der Nähe von Siedlungen gesichtet und sollen sich zum Teil nur widerwillig wieder entfernt haben. Die Behörden der beiden Kantone hoffen, dass das Rudel durch den Tod zweier Tiere die Scheu vor dem Menschen zurückerlangt.

Derzeit streitet man sich darüber, warum die Wölfe überhaupt so dreist geworden sind. Manche Einwohner vermuten, dass die Tiere gezielt angelockt worden sind. So sollen unweit von Vättis SG abgetrennte Schweinsköpfe und Schlachtabfälle einer Gams gefunden worden sein. Auch Köder für Füchse, die auf sogenannten Luderplätzen ausgelegt werden, könnten ein Problem sein – oder aber Komposthaufen mit attrak­tiven Happen.

Die Naturschutzorganisationen fordern, dass man erst mögliche Futterquellen in Siedlungsnähe beseitigt und die Wölfe mit Gummischrot oder Lichtblitzen verscheucht, bevor man Abschüsse in Betracht zieht: «Damit ein Abschuss zulässig wäre, müssten sich die Wölfe gemäss Jagdver­ordnung ‹aus eigenem Antrieb› in Siedlungsnähe begeben. Das ist in diesem Fall nicht eindeutig», sagt David Gerke von der Gruppe Wolf Schweiz.

«Das Verhalten der Wölfe ist problematisch und kann für den Menschen gefährlich werden»

Reinhard Schnidrig (55) leitet die Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bundesamt für Umwelt und ist damit der oberste Jäger der Schweiz.

Reinhard Schnidrig, 10 000 Personen haben eine Petition gegen den Abschuss von Wölfen am Calanda unterschrieben. Lässt sich der Bund dadurch beeinflussen?

Die Zahl der Unterschriften ist beeindruckend und zeigt, wie breite Bevölkerungsschichten am Schicksal der Wölfe in unserem Land Anteil nehmen. Aber wir müssen sachlich bleiben und orientieren uns darum am rechtlich möglichen und wildtierbiologisch sinnvollen Rahmen.

Ein Abschuss ist gemäss Jagdverordnung nur zulässig, wenn sich die Wölfe aus «eigenem Antrieb» in Siedlungsnähe begeben. Ob das zutrifft, darüber streitet man sich.

In Vättis SG hat man tatsächlich Fehler gemacht. Vor zwei Jahren haben dort Jäger nahe dem Dorf Köder für Füchse ausgelegt, das hat damals die Wölfe angelockt. Mittlerweile sind aber alle diese Plätze aufgehoben, der letzte in diesem Herbst. Es gibt auch ein Foto von im Wald entsorgten Schlachtabfällen. Deren Entsorgung in der Natur ist illegal. Und dann war da noch ein Bauer im Churer Rheintal, der die Nachgeburt einer Kuh auf den Miststock warf. Solche Abfälle sind für den Wolf ein gefundenes Fressen.

Der Mensch macht Fehler. Der Wolf muss sie ausbaden.

Die Wölfe begaben sich leider nicht nur in Vättis in Siedlungsnähe. Sie tauchten am helllichten Tag in anderen Dörfern oder Maiensässen auf und näherten sich Menschen mit Hunden an. Bisher kam es noch nie zu einer gefährlichen Situation, aber das Verhalten der Wölfe ist problematisch und kann für den Menschen gefährlich werden.

Anstatt solche Wölfe abzuschiessen, könnte man sie auch mit Gummischrot vergrämen.

Beim Wolf hat man damit wenig Erfahrung. Meist ist er schon wieder weg, wenn der Wildhüter auftaucht, der für solche Vergrämungsaktionen ausgebildet ist. Wir haben bessere Erfahrungen gemacht mit einfangen, narkotisieren, besendern – und dann vertreiben. Allerdings ist das Ein­fangen gar nicht so einfach. Die Wölfe sind sehr clever, und die Wildhüter müssen nahe herankommen, um sie mit dem Narkosegewehr ein­­­zuschläfern.

Ein Wolf ist bereits besendert. Folglich sollte es nicht so schwierig sein, das Rudel aufzuspüren.

Das GPS stieg bereits nach einer Woche aus. Darum kann der Sender derzeit nur noch von Hand angepeilt werden, was die Suche sehr erschwert.

Mit dem Abschuss zweier Individuen will man erreichen, dass die verbleibenden Wölfe wieder schüchterner werden. Funktioniert ­das wirklich?

Es kann funktionieren, wenn gewisse Regeln eingehalten werden. Der Abschuss müsste im Sozialverband und in Siedlungsnähe geschehen. Damit würden die verbleibenden Wölfe hoffentlich lernen, die Siedlungen und den Menschen künftig zu meiden.

Im Vergleich zu den Wallisern haben die Calanda-Wölfe bisher weniger Schaden an Nutztieren angerichtet. Ist ein Rudel vielleicht sogar erfolgreicher bei der Jagd auf Wildtiere?

Dem ist tatsächlich so. Es sind vor allem die Einzelgänger, die Schaden bei den Nutztieren anrichten und auch viel unberechenbarer sind. Ein Rudel hält diese Streuner weg. Wobei die Walliser Wölfe auch leichtes Spiel haben, weil die Herden dort weniger gut geschützt sind als im Calanda-Gebiet.

Autor: Andrea Freiermuth