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20. Februar 2017

Wöchnerinnen am Limit

Frauen mit einer postpartalen Depression werden von Selbstvorwürfen und Versagensängsten geplagt. Psychologin Helen Hürlimann Welstead kennt die Gründe.

Helen Hürlimann Welstead
Helen Hürlimann Welstead (63) ist Fachpsychologin für Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychologie sowie Vorstandsmitglied im Verein Postnatale Depression Schweiz.

Helen Hürlimann Welstead, kann jede Frau an einer postpartalen Depression (PPD) erkranken?

Ja. Doch es gibt Risikofaktoren wie frühere depressive Krisen nach Beziehungsverlusten, genetische Veranlagung oder psychosoziale Faktoren wie fehlende Unterstützung aus dem Umfeld, Paarkonflikte oder soziale Isolation. Notfallmässige Kaiserschnitte oder traumatisch erlebte Geburten, die sehr lange dauerten oder während derer sich die Frauen nicht gut betreut fühlten, können das Risiko für die Entwicklung einer PPD erhöhen. Erschöpfte Mütter mit zu wenig Schlaf haben zudem mehr depressive Symptome als diejenigen, die genügend zur Ruhe kommen.

Welche Rolle spielen weibliche Hormone?

Der starke Hormonabfall nach der Geburt sowie der Milcheinschuss zwischen dem dritten und fünften Tag sind vermutlich ein Mitauslöser für die Stimmungslabilität in den Tagen nach der Geburt.

Empfinden Frauen mit PPD weniger für ihre Kinder?

Viele erkrankte Mütter leiden unter fehlender oder ambivalenter gefühlsmässiger Bindung zu ihrem neugeborenen Kind, was wiederum zu Selbstvorwürfen und Versagensgefühlen führt. Der Kindsvater ist dann eine wichtige Stütze für die erkrankte Frau, er kann sie entlasten, ergänzen und dem Kind liebevolle Fürsorge schenken. Nicht selten fühlt sich dieser jedoch selbst überfordert und allein gelassen.

Hat die PPD mit der Leistungsgesellschaft und Ansprüchen an die Mutterrolle zu tun?

Die Mehrfachbelastung und neuen Herausforderungen im Familienalltag können starken Erwartungsdruck auslösen. Die Frau von heute soll nicht nur eine einfühlsame und kompetente Mutter sein, sie soll zudem eigenständig und belastbar sein und möglichst bald wieder erfolgreich in den Beruf einsteigen. Und dazu problemlos stillen können und den Haushalt perfekt führen.

Haben die Mütter zu hohe Ansprüche an sich?

Die hochentwickelten medizinischen Möglichkeiten können dazu führen, dass Frauen denken, auch nach der Geburt sei alles machbar und kontrollierbar. Der Wettbewerb unter Müttern bezüglich Durchschlafen, Sitzen, Krabbeln, Sprechen kann starken Druck und Unsicherheiten auslösen und Einsamkeitsgefühle verstärken.

Autor: Claudia Langenegger