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29. Februar 2016

Wochenbett

Nach der Geburt: genug Erholung
Nach der Geburt: Genug Erholung für beide ist angesagt. (Bild: Getty Images)

Die deutsche Sprache ist präzise. Wer genau hinhört, der erfährt mehr als gedacht. Beispiel gefällig? Es heisst nicht «Wochebett» und auch nicht «Tagebett«, sondern «Wochenbett». Plural. Damit ist ein Zeitfenster gemeint, das sich unmittelbar nach der Geburt eines Kindes öffnet. Es dauert Pi mal Daumen sechs bis acht Wochen. Unsere Vorfahren waren felsenfest davon überzeugt, dass die Entbundene und das kleine Bündel so lange ins Bett gehörten. Selbstverständlich gemeinsam, nach Möglichkeit Haut an Haut. Mit dicken Decken obendrauf, damit es beide auch schön warm hatten.
Erst wenn der Wochenfluss versiegt war, wenn also die Gebärmutter wieder ihre normale Grösse erreicht und die Blutungen aufgehört hatten, durften unsere Urgrossmütter wieder am anstrengenden Leben teilnehmen. In China ist es heute noch so, dass man von einer ordentlichen Wöchnerin erwartet, dass sie mindestens einen Monat lang nach der Geburt das Bett hütet.

Was uns freigeistigen Europäerinnen eher schräg vorkommt. Das wäre nix für uns, Relaxen auf Befehl und so. Da fühlten wir uns sehr schnell freiheitsberaubt, bevormundet, gegroundet.
Nein, wir sind Stunden nach der Entbindung nicht nur supertoll und supersexy. Wir sind auch superunabhängig. Wenn der Zwerg geboren ist, wollen wir in die Welt, wollen endlich unsere teuren Kinderwagen schubsen, auswärts Cappuccino trinken. Und all das selbstverständlich mit dem Säugling im Schlepptau. Hauptsache, wir stehen wieder schnell auf unseren eigenen Beinen. Und mögen die noch so wackelig sein, wir schaffen das! Ich glaube aber, dass wir in dem Moment, in dem wir das altehrwürdige Wochenbett abgeschafft haben, etwas sehr Wertvolles aufgegeben haben.

Eigentlich sollten wir Frauen nach einem so einschneidenden Ereignis wie einer Geburt innehalten. Sollten uns in Ruhe mit unserem neuen, veränderten Körper vertraut machen. Sollten den leeren Bauch, der Grosses geleistet hat, umarmen. Sollten uns verwöhnen und verhätscheln lassen. Hühnersuppe und Schokolade für die Wöchnerin! Die Erschöpfung, die so typisch für die erste Zeit ist, lässt sich auch leichter aushalten, wenn man nicht dagegen ankämpft, sondern sich treiben lässt.

Also, liebe Jungmütter, denkt nach der Geburt an diesen Text und legt euch mit dem Kleinen ein paar Tage ins Bett, gerne auch auf die Couch. Ich finde, in dem Punkt dürfen wir die jahrtausendealte Wochenbettregel grosszügig auslegen.

Autor: Bettina Leinenbach