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18. April 2016

Wo liegen neue Jobchancen?

In der Robotik oder Bioinformatik entstehen in den nächsten Jahrzehnten etliche neue Berufe – und andere verschwinden. Migrosmagazin.ch verrät die wichtigsten Motoren der Jobumwälzung mit Beispielen für Gewinner und Verlierer auf dem Arbeitsmarkt.

Robotik
Die Robotik dürfte sich zu einem der grössten Wachstumsgebiete auf dem Jobmarkt entwickeln. (Bild: Keystone)

In einigen Bereichen wird der Mensch als Arbeitskraft auch in zwei bis drei Jahrzehnten schwerlich (ganz) durch Computer oder Automation ersetzt. Im Dienstleistungssektor bleibt er dank unersetzbarem menschlichem Kontakt in einigen Berufen dabei, und auch anderswo sind besondere Verbindungen zwischen Fachkenntnissen, schwierig reproduzier- oder wiederholbaren Arbeitsschritten und zum Beispiel emotionalen Fähigkeiten weiterhin gefragt. Digitalisierung wird zwar auch da für etliche Neuerungen sorgen, in der Hauptsache den Menschen jedoch nicht ersetzen.

In anderen Berufsfeldern zeichnen sich immense Umwälzungen ab. Eine grosse Menge an Jobs wird schlicht verschwinden, häufig werden aber in denselben oder verwandten Bereichen auch mehrere neue Tätigkeiten für den Menschen entstehen. Schaut man die häufig genannten Innovationsgebiete an, fallen Prognosen schwer, ob neue Jobs in Sachen Arbeitsplätze an die Stelle der verschwundenen alten treten können. Wer die bisherigen Entwicklungsschritte in der Digitalisierung betrachtet, geht eher davon aus, dass die Jobs insgesamt weniger werden. Man dürfte darauf setzen müssen, dass Verluste in klassischen Tätigkeitsgebieten durch Gewinne in komplett neuen Jobwelten kompensiert werden. Prognosen dafür sind nahezu unmöglich.

Sicher aber ist: Mit ein paar Ausnahmen werden die Anforderung an Tätige in neuen Berufen im Vergleich zu den herkömmlichen höher. Mehr und tendenziell höhere Ausbildung und Qualifikation dürften Bedingung sein, um in der künftigen Arbeitswelt, speziell in den folgenden Sektoren mit grossen Veränderungen, eine Chance zu erhalten. Wir wagen ein paar Prognosen.

MOTOREN DER JOBREVOLUTION

ROBOTIK
Eines der grössten Entwicklungsgebiete der nächsten Jahre, mit europäischem Nachholbedarf gegenüber Fernost (Japan, Südkorea) oder teils auch den USA. In mehreren Gebieten dürfte sich Entscheidendes tun: In der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, bei der Drohnenentwicklung (die können nicht nur filmen oder schiessen ...), vor allem jedoch im Bereich Advanced Robotics, der Automatisierung von menschlicher Arbeit.
Gewinner: Vor allem Programmierer und Entwickler, die bestenfalls neben Computer- auch breite Kenntnisse in Ingenieurwesen, Elektrotechnik oder Mechanik mitbringen.
Verlierer: Innerhalb der Robotik kaum, deshalb einer der grössten Boomsektoren. Allerdings dürften Produkte und Entwicklungen dieses Sektors unzählige Jobs von der Pflege bis zur Warendistribution überflüssig machen. Es werden sicher nicht alle Menschen ersetzt, vermutlich jedoch bleibt nur noch ein Bruchteil.

BIOTECHNOLOGIE und NEUROBIOLOGIE
Die schon heute stark und überdurchschnittlich modern aufgestellte Pharmazeutik wird in Zukunft ebenfalls noch steigenden Bedarf an spezialisierten Jobs aufweisen. Noch grundsätzlicher dürfte jedoch zum einen bei der Neurobiologie und besonders Neuroinformatik Wachstum anfallen, zum andern im grossen Feld von Biotechnologie über Nanotechnologie, Genomik (Entschlüsselung von Erbgut) und Molekular- und Zellgenetik bis zur Etablierung gezielter biologischer Therapien.
Gewinner: Etliche, vorab an der Schnittstelle von Spezialisten in Biologie und Medizin einer- und Informatik andererseits.
Verlierer: Keine.

INFO- und DATENMANAGEMENT
Neben ein paar speziellen Bereichen wie Quantencomputing (auf Quantenmechanik beruhende Rechner) tut sich besonders in der Anwendung und Auswertung der sogenannten Massendaten Entscheidendes. Big Data heisst das englische Schlagwort. Allein schon in der Verknüpfung und Auswertung von Kundeninformationen jeglicher Branchen liegt hier ein riesiges Potenzial.
Gewinner: Datenbank- und Schnittstellenexperten unter den Informatikern, am besten gepaart mit Branchen- und Detailwissen der jeweiligen Anwendungsbereiche. Hier entstehen grosse Spezialisierungschancen.
Verlierer: Innerhalb des Datenmanagements kaum, aber anderswo unzählige. Überall, wo grössere Datenmengen verschiedener Herkunft verbunden werden sollen, dürften viele Stellen durch Automatisierung verloren gehen. Im KV-Bereich oder der Werbung etwa, auch der Statistik.

INTERNET-APPLIKATIONEN
Der breiter gefasste Webbereich zählt bereits heute zu den grossen Wachstumsbranchen. Gerade bei den Mobile Apps wird das Wachstum ungebremst weitergehen, markanter ansteigen dürften die Arbeitsmöglichkeiten jedoch beim Stichwort Internet der Dinge, der Verknüpfung verschiedener Steuerungselemente von Haus-, Arbeits-, Hobby-, oder Verkehrstechnik untereinander über das Web.
Gewinner: Softwaredesigner und Programmierer mit Kompetenzen für die jeweiligen Anwendungen oder umgekehrt Branchenexperten mit vertieften Informatikkenntnissen.
Verlierer: Im Internetbereich keine. Vereinzelte Verluste von Jobs, die durch Apps und Neuerungen im Webbereich überflüssig würden.

TRANSPORTWESEN
Im Vergleich zu ein paar oben aufgeführten Gebieten ändert sich in Transport und vor- sowie nachgelagerter Logistik weniger, zwei Themen sorgen aber für Neuerungen mit entsprechenden Jobchancen: Erstens die Nutzung neuartiger Energien oder Antriebs-Kombinationen, zweitens die Entwicklung und später der Betrieb von führerlosen Fahrzeugen und (automatisierten) Verkehrsleitsystemen.
Gewinner: Ingenieure, Systemtechniker, Informatiker, Physiker, auch Automechaniker und -bauer, die meisten mit speziellem Fachwissen.
Verlierer: Hier sind von konventionellen (LKW-)Fahrern bis zu Dispo-Verantwortlichen und Logistikern einige Jobverluste zu erwarten.

ENERGIEWIRTSCHAFT
Zum einen dürfte die Gewinnung und Nutzung weiterer erneuerbarer Energien zunehmen, für die Schweiz dürfte aber die Etablierung und Verfeinerung neuer Speicher- und Vertriebssysteme noch bedeutender sein. Dabei geht der Trend stark in Richtung kleinerer Einheiten: Immer mehr der an einem Haus oder in einer Siedlung gewonnenen Energie wird gleich vor Ort genutzt, dann erst skalierbar weitergeleitet und in andere Systeme eingespeist.
Gewinner: Physiker, Softwaredesigner. Entwickler gescheiter Systeme, netzartiger Struktur der Energiespeicherung, des Transports und nicht zuletzt der Verrechnung.
Verlierer: keine.

NANOTECHNOLOGIE und Co.
Bei den sogenannt intelligenten Werkstoffen erwarten Experten ebenfalls grosse Entwicklungsschritte mit einigen bisher noch unbekannten Berufsmöglichkeiten. Bisher etabliert hat sich z.B. die Halbleiterindustrie, sie wird künftig mehrere benachbarte Tätigkeitsfelder erhalten. Ein Trend liegt etwa bei den heute teilweise schon bekannten, im künftigen Anwendungsbereich aber stark wachsenden Polymeren und anderer 'weicher' Materie.
Gewinner: Naturwissenschafter, vorab Physiker, verschiedene Ingenieure und Informatiker.
Verlierer: keine.

Weiter werden auch die Nahrungsmittelindustrie, der Maschinenbau generell oder der 3-D-Druck als Branchen mit überdurchschnittlich grossem Job- und Umwälzungspotenzial genannt.

Autor: Reto Meisser