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23. Mai 2016

Wo Laien gefragt sind

Bei Gericht kommen immer weniger Aktive ausserhalb ihres gelernten Berufs zum Einsatz (rechts: «Laienrichter fällen lebensnahe Urteile»). Andernorts gewinnen sie aber an Bedeutung – die Übersicht.

Entwicklung von Apps für Mobiltelefone
Ein Gebiet mit gewissen Laien-Chancen: die Entwicklung von Apps für Mobiltelefone oder Tablets. (Bild: Keystone)

In vielen Kantonen gibt es keine Geschworenen mehr, die bei Strafprozessen entscheiden. Ebenso verschwinden Einzelrichter, die keine universitäre Jus-Ausbildung vorzuweisen haben, langsam von der Landkarte der dritten Gewalt im Staat. Der Kanton Zürich wird die Laienrichter per Volksentscheid vermutlich am ersten Juni-Wochenende abschaffen.

Lange galt es als wertvoll: Einsicht in rechtliche Abläufe, aber Beurteilungen mit gewissem Abstand zur juristischen Auslegung im Detail. Neuerdings werden aber auch Zivilprozesse immer komplexer, zudem stieg in den letzten Jahrzehnten die Lust von Betroffenen, in Berufung zu gehen. Beides bedeutet, dass Entscheide von Laien nicht mehr generell so effizient erscheinen. Ein weiteres Feld, auf dem Laien immer stärker ins Hintertreffen geraten, ist die Politik. Seit den 90er-Jahren nehmen nicht nur in den Exekutiven, sondern besonders im nationalen Parlament die Berufspolitiker stark zu. Vielleicht macht noch keine Mehrheit nur Politik, sicher aber ist die politische Arbeit bei den meisten zum in Sachen Aufwand wichtigsten Tätigkeitsfeld geworden.

Auf anderen Gebieten boomen hingegen Leistungen von Laien, die Nachfrage nach ihnen steigt. Migrosmagazin.ch verrät, wo frau oder man es ohne Ausbildung oder 100-prozentige Tätigkeit weit bringen kann. Sechs wirtschaftlich bedeutende Tätigkeitsfelder stechen heraus – kennen Sie weitere (unten)?1. WERBUNG
Immer mehr Darsteller in Web-, TV- oder Printwerbung sind keine Profis, sondern machen nebenbei Publicity. Damit nicht genug: Mit Geld oder Gegenwerten gesponserte Nutzerberichte von Produkten oder Leistungen nehmen online bereits eine wichtigere Rolle ein als klassische (bezahlte) Werbung. Und sogar in bisher nur von erfahrenen Professionellen (seien sie noch so jung) dominierten Bereichen wie der Mode nimmt einerseits der Einsatz von Laien zu, andererseits werden die Berichtenden, oft unabhängige Blogger, geradeso wichtig wie die Models. Mitunter wirken TV-Shows mit der Suche nach Topmodels schon ironisch, wollen sie Anja Müllers zu nächsten Stars machen (oder zumindest mit ihnen vergleichen). Die Modewelt hat heute viel mehr direktes Interesse an den Anja Müllers und verzichtet öfters ganz auf Stars.
2. PROGRAMMIEREN
Der klassische IT-Job bleibt weiterhin selten ein lohnendes Gebiet für Laien. Ebenso kommen grössere Softwarelösungen für Firmenkunden kaum von nicht speziell Ausgebildeten oder bis zu maximal 50% Tätigen. Dennoch bietet die Entwicklung von Apps für Smartphones oder Tablets seit wenigen Jahren durchaus etliche Chancen für Laien. Oft ergibt sich daraus zwar nicht die riesige Einnahmequelle, jedoch Befriedigung, etwas von Grund auf selbst entwickelt und programmiert zu haben – und direkt über App-Stores Abnehmer gefunden zu haben.
3. LANDWIRTSCHAFT
Ganz anders die Hintergründe für die Zunahme von Teilzeit-Bäuerinnen und -Bauern, die zu mindestens 50% einer Erwerbstätigkeit ausserhalb der Landwirtschaft nachgehen. Zum einen geht die Anzahl der Vollzeitbauern weiter zurück, die Begeisterung für die Landwirtschaft ist aber auch bei vielen jungen Menschen ungebrochen hoch. Was tun, kann man sich oder vor allem eine ganze Familie kaum mehr vom Bauern ernähren? Einen Teilzeitjob finden, sich mit mehreren auf einem Bauernbetrieb zusammentun oder selbst nebenbei am Wohnort einen Kleinbetrieb führen, der oft viel entschiedener auf zwei bis drei Spezialitäten setzt als klassische Bauern mit ihrer Angebotspalette.
4. GASTRONOMIE
Ähnlich wie in der Landwirtschaft wachsen auch in der Krisensparte der Restaurants, teils auch Herbergen, kleine smarte Betriebe, die von den Verantwortlichen nicht in Vollzeit geführt werden, oft auch nur für bestimmte Saisons (das gabs in geringerem Umfang immer schon). Auch hier tun sich nebenher mehrere Leute häufiger zusammen, um die Unternehmenslast aufzuteilen, und nicht selten arbeiten sie nebenher in Brotjobs, um die Risiken abzufedern und ein minimales Einkommen garantiert zu haben.
5. MEDIEN
Die heutige medialisierte Welt, speziell unter dem Einfluss sozialer Medien (Facebook, Instagram, Twitter usw.), entwickelt fast parallel zur Werbung eine Zunahme an Berichterstattern, die sich oft ein gewisses Know-how im Umgang mit ihren Followern erarbeitet haben, aber keine klassische Ausbildung im Medienbereich durchlaufen haben und mehrheitlich auch nicht im Sold klassischer Unternehmen stehen. Sicher, eine Minderheit geht für grosse Kriegs-, Politik- oder andere Reportagen vor Ort, meistens verteilen sie die Berichte anderer mit ihrer Wertung oder Perspektive weiter. Nur: Immer öfters sind nicht Journalisten selbst diejenigen, die News, Einschätzungen oder Erlebtes selbst an Kunden weitergeben. Und wer den direkten Kontakt zum Konsumenten hat, prägt die Geschichte markant oder gibt ihr eine eigene Wendung. Mittlerweile kennt man Laienexperten für die bestimmte Themen (SBB, Gleichberechtigung, Armee ...), welche die mediale Verarbeitung und die Wahrnehmung breiter Kreise in diesem Bereich wesentlich mitprägen.
6. KREATIVE BERUFE
Sicherlich ein weiteres im Wachstum begriffenes Arbeitsfeld für Laien sind Tätigkeiten im Umfeld der klassischen Kunst, des Designs, durchaus der Video- oder anderer Filmerei. Zuallererst aber der Fotografie. Kaum ein Bereich ist in den letzten zwei Jahrzehnten dank vieler guter Kursangebote, speziell aber schon der Verfügbarkeit (halb-)professionellen Materials (vorab digital!) derart demokratisiert worden. Das Problem der meisten kreativen (Neben-)Berufe: Die Schwelle zu lohnenden Einkünften ist mindestens so hoch wie in Gastronomie oder Landwirtschaft. Deshalb beobachtet man hier öfters, wie Laien sich einem bestimmten kreativen Beruf annähern, um bestenfalls als Quereinsteiger in der beabsichtigten Branche Fuss zu fassen – oder ohne Erfolg aufgeben. Das Laientum als Übergangszustand.
Kennen Sie weitere Tätigkeitsfelder, in denen Laien richtig gefragt sind?
Nennen Sie diese in einem Kommentar oder senden Sie eine Beschreibung an onlineredaktion@migrosmedien.ch.

Autor: Reto Meisser