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03. Februar 2014

Wo Kindergärtner keine Seltenheit sind

Fast überall in der Schweiz sind männliche Kindergartenlehrpersonen so etwas wie Exoten. Nicht im Basler Matthäusquartier, wo in jedem zweiten Kindergarten ein Mann arbeitet. Das hilft Vorurteile abbauen und freut die Kinder.

Kindergärtner Thomas Steiner, David Forlin, Akeepan Singrasa, Pascal Grieder, Oskar Schmutz, Nicols Scalbert und Stephan Sohn an ihrem Arbeitsplatz im Kindergarten
«Wir könnten einen Kindergärtnerkalender machen, um unseren Lohn aufzupeppen!», witzeln die Kindergärtner Thomas Steiner, David Forlin, Akeepan Singrasa, Pascal Grieder, Oskar Schmutz, Nicols Scalbert und Stephan Sohn (von links).

Das Kleinbasler Matthäusquartier ist nicht nur eines der dichtest besiedelten Quartiere der Schweiz, es bietet noch eine weitere Besonderheit: Nirgends sonst arbeiten so viele männliche Kindergartenlehrpersonen im Umkreis von einem Quadratkilometer. Jede vierte Kindergartenlehrperson ist hier ein Mann. Schweizweit ist es nicht einmal jede 25., es gibt gar Kantone ohne einen einzigen Kindergärtner. Nimmt man das angrenzende Quartier Erlenmatte dazu, kümmern sich acht Kindergärtner um die anspruchsvolle Aufgabe, Kinder aus unterschiedlichen Elternhäusern, Entwicklungen und Bedürfnissen auf die Schule vorzubereiten. Auch wenn die Häufung an Kindergärtnern im Matthäusquartier zufällig ist, augenfällig ist sie allemal. Das könnte auch ein Bild der Zukunft sein, denn immer mehr Männer studieren diesen Beruf (siehe Box auf Seite 83). Was begeistert die Männer, in diesem frauentypischen Beruf tätig zu sein?

WANN WIRD ES HEIKEL?
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Die Kindergärtner Pascal Grieder (28), Oskar Schmutz (60), Akeepan Singrasa (27), Stephan Sohn (38) und Thomas Steiner (44) schätzen vor allem die Vielseitigkeit ihres Berufs und die Begleitung von Kindern in einem spannenden Entwicklungsalter. Sie können Kreativität einbringen, Musik und Bewegung machen, den Kindern etwas fürs Leben mitgeben. Erzählen die Männer von ihrem Beruf, leuchten ihre Augen.

Am Anfang waren die Eltern skeptisch

Erlebt man sie bei der Arbeit, sind sie in ihrem Element. Zum Beispiel Pascal Grieder: Ein Hund, ein Hammer, Socken, ein Pferd, alles will benannt sein in dem Spiel, das er mit einem Mädchen spielt, auch das Schwein. Die beiden versuchen, wie ein Schwein zu grunzen. «Aber ich esse kein Schwein», erklärt das Mädchen. Dass sich die Kinder von selbst einbringen und direkt sind, gefällt Pascal Grieder an seinem Beruf. Seit vier Jahren ist er in Kleinbasel Kindergärtner, jeder Tag war bisher spannend und anders: «Und flexibel muss man sein. Man hat zum Beispiel etwas vorbereitet und merkt, die Kinder brauchen im Moment etwas ganz anderes – dann muss man halt das andere möglich machen.»

Pascal Grieder wollte eigentlich Primarlehrer werden, doch bei einem Praktikum in einem Kindergarten merkte er, dass ihm diese Stufe viel mehr zusagt. «Wir legen ein wichtiges Fundament für die Gesellschaft. Hier kommen die Kinder das erste Mal obligatorisch zusammen, viele lernen bei uns die ersten Regeln, einen strukturierten Ablauf kennen. Wir fördern die Kinder individuell», erklärt Grieder. Der Lohn sei aber schon ein Wermutstropfen, da sind sich viele Kindergärtner einig. Trotz gleicher Ausbildung sind sie in vielen Kantonen in tiefere Lohnklassen eingestuft als Primarlehrpersonen.

Akeepan Singrasa mit Banane und Messer in der Hand, vor ihm ein Mädchen, das zuschaut, wie der Kindergärtner aus der Frucht ein Kunstwerk schnitzt.
Akeepan Singrasa verzaubert Früchte in Kunstwerke – klar bringen da alle eine Frucht zum Znüni mit.

Als Mann im Kindergarten wird Akeepan Singrasa wertgeschätzt, auch wenn einige Eltern am Anfang skeptisch waren. «Aber die Kinder kommen furchtbar gerne in den Kindergarten. Sie sind offen für Neues, begeisterungsfähig und wollen alles wissen. Das ist motivierend. Die beste Entscheidung in meinem Leben war, Kindergärtner zu werden.» Nachteile als Mann erlebt Akeepan Singrasa keine, nur die tiefe Stimme sei beim Singen für die Kinder schwierig, weil sie automatisch die gleiche Stimmlage suchen.

Schulleitungen heissen Männer als Kindergärtner willkommen

Vorteile sehen Singrasa und die anderen Kindergärtner vor allem fürs Team. In diesem Quartier arbeiten in allen Kindergärten Teams, da wegen der vielen fremdsprachigen Kinder mehr personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. Singrasa: «Das kommt allen Kindern zugute. Ideal ist natürlich, wenn ein Mann und eine Frau zusammenarbeiten. So haben die Kinder die Auswahl, womit sie zu wem gehen. Sie erleben, dass auch Männer sich um Erziehung kümmern. Und wir spielen eher mal Fussball.»

Auch Schulleitungen, Erziehungsdepartemente und Ausbildungsstätten begrüssen Männer auf der Kindergartenstufe. Anita Crain, Leiterin des Schulkreises IV und früher Rektorin der Kindergärten Basel-Stadt: «Kinder sollen enge Bezugspersonen und Vorbilder beider Geschlechter haben. Es ist zudem wichtig, dass die Kleinen nicht nur geschlechtsstereotype Bilder erleben. Für Buben ist es gut, wenn sie auch Männer haben, die sich um Erziehung und Konfliktlösung kümmern. Zum Beispiel gehen Männer bei einem Konflikt eher raus, um Energie loszuwerden. Es liegt nicht allen Jungs, Konflikte zu bereden, wie das Frauen eher machen.»

In Basel hat man viel Erfahrung mit männlichen Kindergartenlehrpersonen. Vor rund 40 Jahren begann der erste, mittlerweile steht der Kanton mit 26 männlichen Kindergartenlehrpersonen im nationalen Vergleich an der Spitze. Hier kann man gut beobachten, wie Männer weitere Männer nachziehen.

Bei körperlicher Nähe müssen Kindergärtner vorsichtig sein

Heute ziehen junge Männer den Beruf Kindergärtner als Erstausbildung in Betracht, zumal das Studium an den Pädagogischen Hochschulen weitere Perspektiven eröffnet. Bei den älteren Kindergärtnern finden sich aber vor allem solche, die das als Zweitausbildung gelernt haben. «Mir war schon immer klar, dass ich etwas mit Kindern machen möchte», erläutert Thomas Steiner seinen Werdegang, «aber ich wusste damals gar nicht, dass es für einen Mann möglich ist, Kindergärtner zu werden. Es gab nur Kindergärtnerinnen und keine männlichen Vorbilder.» Seit 20 Jahren unterrichtet er im Quartier und schätzt die multikulturelle Lebensart. Ihm ist wichtig, den Kindern etwas fürs Leben mitzugeben, er fördert sie in Eigenverantwortung und Eigenaktivität.

Oskar Schmutz kauert im Wald am Boden und hebt etwas auf, rundherum Kinder.
Wöchentlicher Waldtag: Oskar Schmutz bringt den Kindern die Natur näher und animiert sie, sich zu bewegen.

Im Kindsgi des früheren Möbelschreiners steht eine Werkbank mit echten Werkzeugen. Auch Bewegung ist für ihn zentral, gerade in einem Quartier, in dem viele Kinder in engen Wohnungen leben oder vor dem Kindergarten noch nie im Wald waren. Wöchentlich treffen sich Thomas Steiner und Stephan Sohn mit ihren Klassen zum Turnen. In der grossen Turnhalle steht Steiner geduldig den Balancierenden zur Hilfe, gibt der Mattenschaukel bis in den Himmel an, tröstet einen Abgestürzten und lehrt einem Mädchen den Purzelbaum. Als sie es schafft, freut sie sich riesig.

Als Ausgleich zur Arbeit mit den Kindern stellt sich Thomas Steiner als Mentor für Berufseinsteigende zur Verfügung. So ist er besonders für junge männliche Kindergärtner eine wichtige Bezugs- und Vertrauensperson. Der Austausch mit Männern in der gleichen Situation ist für viele Kindergärtner wichtig. Das weiss auch Oskar Schmutz, der seit 20 Jahren den Erfahrungsaustausch der Basler Kindergärtner organisiert. «Ein Thema, das immer wieder kommt und zu intensiven Diskussionen führt, ist Nähe und Distanz.» Da liege der wohl grösste Unterschied zu den Kindergärtnerinnen. Niemand reagiere, wenn eine Frau ein Kind im Arm tröstet. Aber bei einem Kindergärtner schaue man ganz genau hin.

Thomas Steiner in der Turnhalle mit den Kindern.
Thomas Steiner vermittelt den Kindern Mut zur Bewegung.

Die Körperlichkeit schwebt den Kindergärtnern immer im Hinterkopf. «Ich gehe bewusst und offensiv damit um. Zum Beispiel informiere ich die Eltern bei der Rückkehr aus dem Wald, wenn ich dem Kind beim Pinkeln geholfen habe», erklärt Schmutz. Denn was könnten die Eltern denken, wenn das Kind erzählt, der Kindergärtner habe ihm an der Hose herumgemacht? «Mit den Kindern schaffe ich eine klare und notwendige Distanz, und trotzdem kann ich die Nähe geben, die für den Beziehungsaufbau wichtig ist.»

Auch Oskar Schmutz sieht Vorteile als Mann im Kindergarten, besonders als älterer. «Gewisse Eltern zeigen vor Männern mehr Respekt.» Das erlebt auch Kindergartenlehrer Stephan Sohn. Allerdings wurde er auch schon als Abwart angesprochen. «Im Lauf des Jahres bekomme ich aber sehr viele positive Rückmeldungen. Gerade Alleinerziehende schätzen es, wenn sich auch ein Mann an der Erziehung der Kinder beteiligt.»

Ein Mann zeigt den Kindern, wie das Haushalten geht

Stephan Sohn zeigt den Kindern, was ein Mann alles so macht: Er geht mit ihnen einkaufen, sie bereiten zusammen das Znüni zu, waschen ab. Er matscht mit den Kindern im Wald, spielt in der Pause Unihockey und kleistert ordentlich. Für seinen geschlechtsuntypischen Berufswunsch hat Sohn von seiner Familie und Freunden viel Zuspruch erhalten – eine wichtige Unterstützung. Bleibt zu hoffen, dass auch die Buben aus dem Quartier vielseitige Zustimmung finden, wenn sie einmal Kindergärtner werden möchten – bei so vielen Vorbildern eigentlich ein normaler Berufswunsch. Denn Männer können das bestens!

Autor: Milena Conzetti

Fotograf: Christian Flierl