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10. April 2012

Wo ist mein Ladegerät?

«AKWs abschalten heisst Kapitalismus abschalten!», haben zornige Jugendliche bei uns im Quartier an eine Plakatwand gesprayt, und es liest sich als Aufforderung, beides zu tun. Jedenfalls stelle ich mir vor, dass es zornige Jugendliche waren, denn als ich noch solche Sachen sprayte, war ich ein ziemlich zorniger Jugendlicher. Wenn man halt nicht weiss, wohin mit seiner Angst und Ohnmacht und all der Besorgnis, dann schreibt man sie an Wände.

Aber bei mir ist das eine Weile her. Man wird furchtbar gemässigt, mit dem Alter. Heute versuche ich den Kindern zu erläutern, was es bedeutet, dass wir Strom sparen und künftig ohne Atomenergie auskommen sollten: «Nein, wir nehmen jetzt nicht die ‹Atomtreppe!›», sage ich, wenn sie den Lift bestellen wollen. Vielleicht ein bisschen hilflos, zugegeben. Aber zumindest regt es sie zu Wortschöpfungen an: Sie nennen den Föhn «Atomfrottiertuch». Und das elektromotorbetriebene Fahrrad einer Nachbarin heisst — aber nur wenn sie nicht zuhört — fies «Atomvelo». Irgendwie müssen die Kleinen ja die Zusammenhänge kapieren, nicht?

«Ich benutze nun öfter den Besen, statt zu staubsaugen.»
«Ich benutze nun öfter den Besen, statt zu staubsaugen.»

«Im Hause muss beginnen …», heisst es schliesslich. Wer ginge seit Fukushima nicht bewusster mit der Energie um? Ich benutze nun öfter den Besen, statt zu staubsaugen. (Was erst noch den Vorteil hat, dass man irrtümlich zusammengekehrte Legoteilchen mühelos aus dem Dreckhäufchen klauben kann und nicht den Staubsaugersack aufschneiden muss, der sie verschluckt hat.) Ich habe mir angewöhnt, winters auch daheim warme Sachen zu tragen, und dafür die Heizung zurückgestellt. Und soll ich all die elektrischen Haushalthilfen aufzählen, die wir nicht haben? Keine Brotmaschine, keinen Steamer, keine Mikrowelle, keinen … Aber das sind nur Ausreden — dafür, dass der Geist zwar willig, aber der Hausmann schwach ist. Ich geb mir ja Mühe, immer alle Stromfresser auszuschalten, statt sie im Stand-by-Modus zu belassen. Spätnachts, wenn ich mich als Letzter der Familie schlafen lege, mach ich eigens einen Rundgang und schalte, was blinkt und leuchtet, aus. Wenn ich dann aber um vier Uhr in der Früh auf die Toilette gehe, blinzelt mir aus der Finsternis doch wieder hämisch der Clooney mit seinem roten Lämpchen entgegen: Ätsch, Kafimaschine nicht ausgeschaltet, Löli! Und je mehr Mühe wir uns geben, Energie zu sparen, desto mehr Laptops, Smartphones, iPads und MP3-Player gesellen sich neu zum Hausrat. Paradox. «Wo ist mein Ladegerät?» ist der meistgehörte Verzweiflungsruf bei uns. Zu schweigen von Hans’ zahlreichen ferngesteuerten Autos, deren Akkus aufgeladen werden wollen. Aber woher hat der Bub diesen Autofimmel?

Ach, es ist ein Jammer: Man wäre gern umweltbewusst und tut doch alles, was Gott verboten hat: Wir wärmen kalte Betten in Laax, lassen während des Zähneputzens das Wasser laufen, kaufen Dosenrahm, weil er gäbig ist, und fliegen, weils so unverschämt billig ist, zuweilen sogar in die Ferien. Kurzum: Wir wüssten, wie, und sind doch nur halb konsequent. Konsequent wäre, keinen Tiefkühler zu haben. Der Kompromiss ist: Man hat einen mit der Aufschrift AAA. Das bedeutet scheints, er sei umweltfreundlich.

Sollte sich jedoch, liebe Leserin, Ihr Gatte demnächst darüber beklagen, dass Sie seine Hemden nicht gebügelt haben, antworten Sie doch einfach: «Scha-aatz, ich habe Strom gespart!»

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Seine Internetseite: www.derhausmann.ch
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