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26. Mai 2014

«Wo ist mein Auto nur?»

Arbeitsbeginn, Schulbeginn, Termine: Die Uhr ist ein Taktgeber, dem sich Eltern nicht entziehen können. Kinder kümmert das wenig, sie lassen sich noch so gern ablenken – und strapazieren damit die Geduld ihrer Eltern.

Selbstvergessen: Kinder 
haben die Gabe, sich komplett in einer Tätigkeit zu verlieren.
Selbstvergessen: Kinder 
haben die Gabe, sich komplett in einer Tätigkeit zu verlieren (Bild: Plainpicture).

Nico (7) hat um halb acht immer noch keinen Pulli an, der Schulsack ist noch nicht gepackt. Er trödelt, sucht sein neues Spielzeugauto, das er heute seinem Pultnachbarn zeigen will. «Jetzt mach mal ein bisschen vorwärts!» tönts laut und streng in Nicos Ohren. Aber wie soll er denn vorwärtsmachen, wenn er sein Spielzeugauto nicht findet? Sich nicht zu beeilen und ein anderes Tempo als die Eltern zu haben, ist bei Kindern normal.

«Ein gewisses Trödeln gehört dazu, das steckt in den Kindern drin», sagt Annette Cina (43), Psychologin und Oberassistentin am Institut für Familienforschung und -beratung an der Uni Freiburg. Es gehört zur Welt der Kinder, dass sie sich von Kleinigkeiten ablenken lassen und ihre Aufmerksamkeit etwas widmen, was wir Erwachsene als Nebensächlichkeiten empfinden. «Auch im Zeitdruck finden Kinder plötzlich etwas anderes wichtig – etwa einen Käfer im Gras, ihre Puppe oder irgendetwas, worüber sie nachdenken müssen.»

Es gibt allenfalls Temperamentsunterschiede: Einige Kinder sind zielgerichteter, andere vergessen sich schneller. Wenn das Kind trödelt, ist dies immer auch die Definition der Erwachsenen. Kleine Kinder haben keinen Zeitbegriff, auch im Kindergarten ist Zeit noch etwas Ungefähres. Erst in der Primarschule fangen sie an, die Zeit auch planen zu können.

Kinder können oft nicht mit dem Tempo der Eltern mithalten

Bei kleinen Kindern ist es nicht realistisch, dass sie ständig mit dem Tempo der Eltern mitmachen. Die Kleinen ständig zu hetzen, bringt nichts. «Damit lädt man als Erwachsener den eigenen Stress aufs Kind ab, nimmt dessen Bedürfnisse nicht mehr wahr», sagt die Psychologin. Passiert dies oft, reagiert das Kind mit Trotz und Widerspenstigkeit.

Wenn ihre kindlichen Bedürfnisse befriedigt werden, sind Kinder in Stresssituationen viel kooperativer. Wenn es mal schnell gehen muss, brauchen die Kleinen aber eine Erklärung, warum es eilt. «Dabei müssen Eltern das Kind genau instruieren, was es zu tun hat – möglichst in kleine Schritte unterteilt. So hat das Kind die Chance, auch mitzuziehen.» Langsamsein kann ein Kind isolieren – beispielsweise, wenn es immer zuletzt draussen auf dem Pausenplatz ist und den Anschluss an die Gschpänli verpasst. Geschieht dies regelmässig, kann man das Kind lehren, sich aufs Rausgehen und Jackenanziehen zu konzentrieren, sobald die Pausenglocke läutet. «Eltern müssen strukturieren helfen», sagt Annette Cina.

Wenn die Eltern sich über ihre trödelnden Kinder ärgern, hat das nicht selten mit einer zu knappen Zeitplanung zu tun. Am Morgen hilft dabei nur eins: früher aufstehen und am Vorabend alles einpacken und vorbereiten.

Das könnten Erwachsene von den Kindern lernen: sich Zeit nehmen, sich von schönen Dingen ablenken lassen und mehr im Moment leben. «Die Frage ist nur: Wollen wir das?», fragt Annette Cina und lacht. Eine gute Burn-out-Prävention wäre es garantiert. Da sind uns die Kinder einen Schritt voraus.

Mein Kind trödelt: Dann ist Eingreifen nötig

Die eigene Zeitplanung hinterfragen: Lasse ich genug Zeit?

Genau hinschauen, was der Grund ist: Fehlt die Motivation? Lässt es sich zu schnell ablenken? Ist sein Grundtempo einfach langsamer? Verliert es den Kopf durch den Stress der Eltern?

Trödeln bei den Hausaufgaben: Das Kind beim Aufgaben machen begleiten.

Spielerisches Wettrennen: Das Kind soll schneller sein als die Stoppuhr, der Wecker.

Autor: Claudia Langenegger