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16. März 2015

Wo ist die Gufe?

An der Migros-Kasse
An der Migros-Kasse...

Nach «Gufe» hätte ich im Laden vergebens gesucht, sage ich an der Migros-Kasse, und noch ehe der Kassier antworten kann, raunt in der Warteschlange hinter mir eine Frau, vielleicht Mitte sechzig: «Das verstönds nümme …» Ich hatte ja eigentlich auch nicht «Gufe» sagen wollen, denn der Ausdruck scheint mir spezifisch berndeutsch, und als Berner in Zürich bin ich es gewohnt, Untertitel zu machen, damit die Leute mich verstehen. Längst habe ich gelernt, dass «e Schaft» hier «en Chaschte» ist, dass man zum «Gröibschi», dem Kerngehäuse des Apfels, «Bütschgi» sagt und dass eine «Gufe» …
Mist, da will mir kein passendes Wort einfallen! «Ähm, also zum Nähen, wissen Sie, bräuchte ich … eben: ‹Gufe› …» – «Das verstönds nümme», wiederholt die Frau hinter mir in der Schlange, diesmal lauter. Ich drehe mich zu ihr um und sage: «Mir fällt das züritüütsche Wort grad nicht ein. Dass er mein ‹Gufe› versteht, durfte ich ja nicht erwarten.» – «Doch, doch», erwidert sie, das habe man früher schon auch in Zürich gesagt. «Aber das verstönds nümme.»

Kolumnist Bänz Friedli
Kolumnist Bänz Friedli

Wir sind ein kompliziertes Land. Niemand versteht mehr Dialekt, aber alle gebrauchen ihn. Mails, Tweets und SMS werden ja meist in Mundart verfasst. Und ich mache mir dann einen Sport daraus, ein «geisch sunnti o yb mätsch?» in korrekter Schriftsprache zu beantworten, mit mir lieben Satzzeichen wie dem Strichpunkt, mit Gross- und Kleinschreibung und selten gewordenen Ausdrücken wie «stracks» (wobei ich es nicht versäume, im Online-Duden auf meinem Handy stracks nachzuschauen, ob es «straks» oder «stracks» heisse. Aber, ach, es nützt nichts, sie antworten mir ja doch alle wieder dialektschriftlich.
Selbst mein Neffe Nils, im Bernbiet als Deutschlehrer tätig, schreibt seine Mitteilungen immerzu in Mundart: «Lueg mal, dr nöischt!», heisst es dann, wenn er mir wieder mal eine Stilblüte aus seiner Schülerschaft meldet. In der Biologieprüfung war die «Fransenschildkröte» gefragt. Arjona notierte: «Transenschildkröte.» Im Fach Geschichte stellte Nils die Frage: Warum traten die USA in den Zweiten Weltkrieg ein? Antwort des Schülers Raakesh: «Japan greifte Perlharper an, dann kassierten sie von USA. Die schickten noch ein Atombomb auf Fukushima …» Beinahe richtig.

Endlich fällt mir das hochdeutsche Wort ein, nach dem ich gesucht habe wie nach einer … Dings im Heuhaufen. «Stecknadeln!», sage ich zu dem Herrn an der Kasse, der mich unvermindert irritiert anschaut und nun fragt: «Cumulus?» – «Stecknadeln.» Der Ratlose fragt eine Kollegin. «Hey, Pujic!», ruft er, sie nur beim Nachnamen nennend, quer durch die Filiale, «Pujic! Hämmer Stecknaadel?» – «Klar, hämmer Gufe», gibt sie zur Antwort und zeigt sie mir. Auf Frau Pujic ist eben Verlass.


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli