Archiv
12. November 2012

Wo drückt die Lehrer der Schuh?

Der Umgang mit Schülern und Eltern wird anstrengender, Projekt- und Administrationsarbeiten ausserhalb des Klassenzimmers nehmen zu. Eine Übersicht über die Probleme und Gefahren eines faszinierenden Berufs und ein paar Elterntipps.

Die Agenda ausserhalb des Schulzimmers wird immer ausgefüllter
Mit Projekten, Eltern- und Schulleitungskontakten wird die Agenda ausserhalb des Schulzimmers immer ausgefüllter. (Bild Nik Hunger)

Die Porträts im Migros-Magazin vom 12. November 2012 zeigen, dass selbst bei lange unterrichtenden Lehrkräften der Primar- und Sekundarschule der Reiz, ja gar die Begeisterung für die Schule ungebrochen sein kann. Dennoch stieg in den letzten Jahren der soziale Druck auf die Lehrerschaft weiter an, dazu veränderte sich das Aufgabengebiet in den meisten Kantonen mit etlichen Neuerungen in der Schulleitung, -struktur oder dem Pflichtenheft rapide. Für viele eine stetige Belastungsprobe.
Welche den Schulalltag erschwerenden Aspekte erwähnen Lehrerverbände am häufigsten?

Die Probleme

1. Der Administrationsaufwand steigt: Die Anzahl von Initiativen und Projekten zu neuen Unterrichtsmodellen, neuem Stoff usw. ist zuletzt klar angestiegen. Da werden Grundstufen zusammen mit dem bisherigen Kindergarten getestet, Leistungen anders evaluiert und vieles mehr. Diese Innovationen müssen jedoch auch vorbereitet, begleitet, ausgewertet und oft verbessert werden. Ein Aufwand, der mehrheitlich an den Lehrkräften hängenbleibt, die so weniger Zeit in die Unterrichtsvorbereitung im Detail investieren können oder teils Freizeit (und damit die Möglichkeit zum Ausgleich) preisgeben. Es sei denn, die Mehrbelastung werde durch eine Reduktion der wöchentlichen Unterrichts-Stunden um die eine oder andere oder durch eine zusätzliche Hilfestellung im Schulzimmer oder der Administration aufgefangen. Dies ist nicht immer der Fall.

2. Der Rechtfertigungsdruck nimmt zu: Die Zeiten, als Lehrer neben Pfarrer oder Gemeinderäten die grossen Autoritätspersonen im Ort waren, sind längst vorbei – auch auf dem Land. Heute geht es bereits ab der dritten oder spätestens vierten Klasse um eine gute Ausgangsposition der Kinder für die Berufswahl und ihre spätere Berufskarriere, dementsprechend sind die Kinder, oft aber noch mehr die Eltern im Hintergrund, unter grossem Druck. Der wird bei (scheinbar) schlechten Leistungen der Kinder in der Schule auch an die Lehrkräfte weiter gegeben, und nicht selten sind dann diese schuld an der mangelhaften Note. Sei es, weil sie das Kind angeblich in nicht 100% neutral auszuwertenden Prüfungen (klassisch: der Aufsatz) nicht gerecht einstufen, oder weil sie es im Vergleich zu anderen Klassenkamerad(inn)en nicht genug fördern. Hier muss die Lehrkraft gute Argumente liefern, erklären und beruhigen, was Energie und Zeit erfordert. Und dies nicht nur am Elternabenden, sondern auch mal telefonisch an Abenden oder gar Wochenenden.

3. Die Verlässlichkeit der angebotenen Strukturen schwindet: War es früher klar, unter welchen Bedingungen gearbeitet wurde, wann zum Beispiel spezielle Problemkinder aus dem Klassenverband herausgenommen wurden, so ist dies heute nicht mehr unbedingt der Fall, jedenfalls nicht für ebenso lange Zeit. Dies kann die Lehrer verunsichern.

4. Die Erziehungs-Verantwortung der Schule für die Gesellschaft und die Familien wächst: War die Schule früher ganz simpel zuerst einmal der Ort, an dem Wissen vermittelt wurde, hat sie heute fast ebenso wichtige Aufgaben in der sozialen Entwicklung der Kinder überantwortet bekommen. Anstatt dass nur darauf geachtet werden muss, dass die einen die anderen beim Lernen nicht zu sehr stören, soll die Institution Schule heute viel zur Integration framdsprachiger Immigrantenkinder beitragen, die sich kaum in der lokal vorherrschenden Landessprache unterhalten können. Oder sie soll gar bestimmte Werte, Anstand und weitere Kompetenzen vermitteln. Klar formuliert wird das zwar zurückhaltend oder gar nicht, die Erwartungshaltung von Politik bis Elternhaus geht aber klar in diese Richtung.

Nimmt Gewalt in der Schule zu?

In den letzten zwei Jahrzehnten hörte man regelmässig von Amokläufen an (ausländischen) Schulen, nach einigen Berichten von Lehrkräften nehmen Drohungen auch hierzulande zu. Wie sehr sind die Lehrerinnen und Lehrer gar stärker von physischer oder psychischer Gewalt bedroht als noch 1980 oder 1960? Eine Basler Studie ist der Sache in 367 Interviews an Schweizer Schulen erstmals konsequent auf den Grund gegangen. Das Fazit von Forscherin Kaja Iseli in der «Basellandschaftlichen Zeitung»: Die Gewalt ist allgegenwärtig, wenn auch meist nicht im physischen Bereich. Natürlich erleichtert es die Aufgabe der immer mehr geforderten Lehrpersonen nicht, wenn sie zur Zielscheibe von Spott, Missbilligung oder Angriffen werden.

Ein paar Details der Ende Oktober 2012 vorgestellten Studie:
Alle befragten Lehrkräfte erfuhren im letzten Monat vor dem Interview Gewalt in irgendeiner Form.
Knapp 10% entfiel auf physische Formen von Gewaltausübung bis zur Körperverletzung, mehr auf Verhalten aus den Bereichen Mobbing, Drohung usw.
Oft wird Gewalt an Lehrern tabuisiert, weil es selbst unter ihnen heisst, nur Lehrer(inn)en würden damit konfrontiert, die ihre Schüler nicht im Griff hätten.
Auch 60% der befragten Schüler(inn)en gaben an, Gewalt auszuüben, 56%, Opfer von Gewalt geworden zu sein.
Bloss 42% der Lehrer suche bei erlebter Gewalt (professionelle) Hilfe, bei den Schulkindern gar nur 16%.

Beat Zemp, Zentralpräsident im Dachverband Schweizer Lehrer, und auch andere Lehrervertreter ziehen die Ergebnisse der Studie in Zweifel und gehen von weniger Betroffenen von Mobbing oder physischer Gewalt aus.

Die Tipps für Eltern

Fortschrittlichen Eltern, die das Beste für Ihr Kind wollen, liegt ein gutes Verhältnis zur Lehrkraft nahe. Gut bedeutet ...
regelmässigen Austausch,
ein grundsätzliches Vertrauensverhältnis und
transparente Kommunikation im Einzelnen.

Achtet man auf einige Aspekte des eigenen Verhaltens, lässt sich das obige Ziel im Umgang mit der Lehrerin oder dem Lehrer des Kindes leichter erreichen:
A. Lassen Sie bei abweichender Beurteilung von Schulleistungen oder vor allem dem Verhalten des Kindes den Lehrer seine Sicht der Dinge zuerst darlegen, bevor Sie ihn mit der Ihren konfrontieren. Oft ergeben sich aus den Welten des Kindes zwischen dem Zu Hause und der Schule schneller ein Ganzes als in einer sofort aufgenommenen Konfrontation. Widersprüche lösen sich auf, verschiedene Verhaltensweisen werden verständlich.

B. Pflegen Sie die offiziellen Möglichkeiten zum Austausch mit der Lehrkraft, vorab Elternabende, für das Gespräch mit der Lehrerin, auch wenn Sie am Ende einige Zeit warten müssen, bis Sie an der Reihe sind. Hier erfahren Sie zu Leistungsstand, aber auch zum Auftreten und dem Sozialverhalten viel. Am besten bereiten Sie auch aufgrund von Verhalten und letzten Noten des Kindes die eine oder andere konkrete Frage vor.

C. Pflegen Sie einen kurzen, beiläufigen Wortwechsel mit der Lehrkraft, wenn Sie das Kind aus der Schule abholen. Aus regelmässigen kurzen Eindrücken lässt sich viel über die Schulatmosphäre mitbekommen und Sie sind nicht ganz ausschliesslich auf die Eindrücke des Kindes oder Berichte der Lehrkräfte angewiesen.

D. Hören Sie aber ebenso konzentriert allen Schilderungen des Kindes aus der Schule zu. Wie es ihm gefällt, mit wem es gern zusammen ist, was es gerne und was weniger gerne mag, kann oft genauso wichtig werden wie sein Gefühl bei der eben geschriebenen Prüfung.

Autor: Reto Meisser