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08. September 2014

Wo die Zeit stillzustehen scheint

Touchscreen und iPad zum Trotz: Auch im digitalen Zeitalter gibt es Menschen wie Roger Dörig, welche die traditionelle Handwerkskunst ihrer Vorfahren mit Liebe und Erfolg weiterführen. Besuch in drei Werkstätten.

Sennensattler Roger Dörig
Schon als Bub 
besuchte Sennensattler Roger Dörig seinen Grossvater Hans in dessen Büdeli so oft wie möglich. Von ihm erlernte er auch das Handwerk.

Die Zeit scheint vor 100 Jahren stehen geblieben zu sein in Roger Dörigs (44) schmuckem «Büdeli» im Dorfkern von Appenzell. Am Tisch mittendrin sitzt der Sennensattler über einen ­Gürtel gebeugt und bringt die fein ausgearbeiteten Appenzeller Motive aus golden glänzendem Metall an: Kühe, Sennen und Appenzeller Hunde. «Ich habe mein Glück gefunden», sagt er mit verschmitztem Lächeln und erklärt, kurz aufblickend, was ein Sennensattler überhaupt macht: «Ich bearbeite Leder und Metall und bin somit eine Mischung aus Sattler und Goldschmied.» Dörig ist einer der Letzten seiner Zunft.

Wie schon sein Grossvater, Ur- und Ururgrossvater fertigt er mit viel Herzblut alles für die Appenzeller Männertracht, vom Chüeligurt über den Hosenträger, die silbernen Schuhschnallen, Uhrenketten und Ohr-Schuefe bis hin zum Lindauerli, also den Verzierungen auf der nach unten gekrümmten Appenzeller Pfeife. Auch das Beschirren der Tiere für Alpaufzug und Viehschauen fällt in sein Fach: Halfter für die Stiere mit den massiven Stirnplatten etwa, geschmückte Riemen für die Schellenkühe – oder prächtige Appenzeller Hundehalsbänder. Eines dieser Exemplare schmückt übrigens auch Bo, den Hund des US-Präsidenten Obama.

Nach der Skikarriere übernahm er Grossvaters Budeli

Einer der wichtigsten Arbeitsvorgänge beim Ausarbeiten der Metallmotive ist das Ziselieren. Dazu stanzt er auf einer ausgestanzten Kuh aus Messing-, Weiss-, Silber- oder Goldblech mit feinen Hammerschlägen und der Punze, einer Art kleinem Meissel, die kunstvollen Verzierungen Schlag für Schlag ein. Gut 700 Punzen zählt der Sennensattler in seinem Atelier, kleinere, härtere, gröbere: für jeden Zweck die passende.

Als Roger Dörig später von Hans Dörig, seinem Grossvater und Lehrmeister erzählt, beginnen seine Augen zu leuchten: «Er war ein herzensguter Mann!» So oft wie möglich hatte er ihn schon als Bub im Büdeli besucht. «Wir waren uns recht nahe und haben uns blindlings verstanden.»

Dabei wollte Roger Dörig einst nur raus aus Appenzell. Als Skiprofi im B-Kader der Nationalmannschaft wurde sein Bubentraum wahr. Er reiste durch die ganze Welt. Doch an den Wettkämpfen und während seines halbjährigen USA-Aufenthalts wurde ihm immer bewusster, wie schön es in Appenzell eigentlich ist. «Es hat einfach etwas!», sagt er und lacht. Und so hat er dann doch zurückgefunden zu seinen Wurzeln und vor bald 30 Jahren die Skikarriere zugunsten des Büdelis, das der Grossvater ihm übergeben hat, an den Nagel gehängt.

Heute sind Dörigs Arbeiten so gefragt, dass seine Auftragsbücher fast platzen und er locker noch jemanden einstellen könnte. Doch lieber folgt er dem Rat seines Grossvaters, klein und flexibel zu bleiben. «So macht es am meisten Spass.»

Bhends Eispickel haben das Dach der Welt erobert

Die Pickel aus Ruedi Bhends (68) Werkstatt in Grindelwald BE waren die ersten auf dem Mount Everest und hatten Pionier Hillary und seinem Sherpa Tenzing 1953 verlässliche Aufstiegshilfe auf das Dach der Welt geleistet. Heutzutage schwören nicht nur Extrembergsteiger wie Reinhold Messner oder Profialpinist Stephan Siegrist auf die Pickel des Schlossers. Auch die meisten Schweizer Bergführer und Bergführerinnen decken sich mit einem bhendschen Original ein.

«Für meine Arbeit braucht es viel Augenmass und Gespür»: Ruedi Bhend.
«Für meine Arbeit braucht es viel Augenmass und Gespür»: Ruedi Bhend. (Bild: visualimpact.ch / Rainer Eder)

Dann muss also was dran sein am eleganten Pickel aus gehärtetem Werkzeugstahl und dessen Schaft aus Eschenholz, welcher der industriell gefertigten Massenware bis heute die Stirn bietet. «Die Pickel von Hand zu schmieden, ist zwar mehr Hobby als Erwerb», sagt Ruedi Bhend. «Aber ein sehr schönes Hobby, sonst würde ich es nicht machen.»

Schon sein Urgrossvater Karl Bhend hatte um die Jahrhundertwende die ersten Pickel geschmiedet, als die Engländer die Berge entdeckten womit der Alpinismus aufkam. Ein museumsreifes Stück aus jener Zeit bewahrt Ruedi Bhend sorgsam auf. Der 1,2 Meter lange Ur-Bhend gleicht allerdings mehr einem frisierten Gehstock als einem alpinen Hilfsgerät. Doch dieser Stockpickel leistete den Pionieren wichtige Dienste auf ihren ersten Hochgebirgsexpeditionen.

Ruedi Bhend schmiedet das Pickeleisen, solange es glühend heiss ist – das erfordert viel Fingerspitzengefühl.
Ruedi Bhend schmiedet das Pickeleisen, solange es glühend heiss ist – das erfordert viel Fingerspitzengefühl. (Bild: visualimpact.ch / Rainer Eder)

Im Lauf der Jahrzehnte wurde der Holzstiel immer kürzer, der Pickel immer grösser und fand unter Alfred Bhend, Ruedis Vater, seine perfekte Form. In der Hochblüte des Alpinismus in den 50er- und 60er-Jahren schlugen Alpinisten mit dem Bhend-Pickel Stufen in Eis und Firn. Als die Nagelschuhe zunehmend von den viel griffigeren Steigeisen verdrängt wurden, verlor das Stufenschlagen an Bedeutung.

Doch bei Bergführern, die ihren Gästen einen komfortablen und sicheren Aufstieg ermöglichen möchten sowie Alpinisten und Gletscherwanderern mit Sinn für das Echte und Einmalige sind die Pickel aus der Bhend-Schmiede heute noch genauso gefragt wie damals, in ihrer besten Zeit.

Gut 30 bis 40 Stück fertigt Ruedi Bhend heute noch von Hand an – jedes Stück ein Unikat, in das er auf Wunsch des Käufers dessen Name eingraviert. Beim Schmieden, Schleifen und Polieren sind viel Erfahrung und Geschicklichkeit gefragt. «Messen kann man die Rundungen des Pickels nicht. Man muss das Augenmass und Gespür dafür haben», sagt er.

Ruedi Bhend hat beides. Und die Freude und Leidenschaft dazu. «Solange ich kann, will ich weiter Pickel schmieden», ist für ihn klar. Ob der Funke dereinst auch auf Sohn Urs (33) überspringen wird, steht zwar noch in den Sternen. Die Chancen stehen aber nicht schlecht. Zumal der gelernte Metallbauer auch schon erste Pickel geschmiedet hat.

Rodelprofis setzen auf Lindauers Schlitten

Jo Lindauer (62) und seine Tochter Viola (21) stellen als eine der wenigen Schweizer Handwerker noch Qualitätsschlitten her. In ihrer Werkstatt in Schwyz, am Hang gleich neben dem Dorfbach, entstehen sowohl klassische Holzschlitten nach Davoser Model als auch topmoderne Hightechrodel. Das Vater-Tochter-Gespann arbeitet schon in dritter respektive vierter Generation als Schreinermeister.

Während ihre Vorfahren neben Schlitten vor allem Möbel, Dörrapparate, Särge, die ersten Holzski und Langlauflatten produzierten, machten Jo und Viola den Schlittenbau heute zu ihrem Markenzeichen. Und entwickelten den traditionellen starren Davoser Schlitten stetig weiter.

2006 verliess der erste Lindauer Rodel die Schwyzer Werkstatt. «Ein Gerät, das eine ganz neue Sportart ermöglicht, die nichts mehr mit dem herkömmlichen Schlitteln zu tun hat», sagt Viola nicht ohne Stolz. «Rodel kosten mit 500 bis 800 Franken zwar gut das Doppelte wie ein Schlitten», so die junge Schreinerin, «aber der Fahrspass ist mehr als doppelt so gross.»

Ein eingespieltes Team: Viola und Vater Jo Lindauer in ihrem auf Rodel spezialisierten Familienbetrieb.
Ein eingespieltes Team: Viola und Vater Jo Lindauer in ihrem auf Rodel spezialisierten Familienbetrieb.

Die beiden verkaufen ihre jährlich gut 150 Schlitten und 40 Rodel direkt ab Laden unterhalb der Werkstatt. In allen Farben stehen die schnittigen Sportgeräte dort abholbereit: rot, gelb, grünlasiert oder mit blickdichter Lackfarbe glänzend. «Wir stellen so viele her, wie es zu zweit möglich ist», sagt Jo Lindauer, der den direkten Kontakt zu den Kunden nicht missen möchte. «So bleibt gewährleistet, dass wir das Produkt von A bis Z selber herstellen können, was sehr befriedigend ist», meint der Experte.

Dabei war Jo Lindauer zunächst eher widerwillig in die Fussstapfen seines Vaters Sebi getreten. Erst als er für das In-From-Bringen verleimter Holzkufen eigene, moderne Pressen entwickelt und die Werkstatt damit ins neue Zeitalter geführt hatte, fand er richtig Gefallen am Schlittenbauen.

Viola hingegen, die in Vaters Werkstatt schon von klein auf Hölzchen verleimte, wusste schon früh, dass sie mal mit den Händen arbeiten möchte. Sie machte die Lehre beim Vater. Und heute arbeiten die beiden Hand in Hand. «Wir sind ein eingespieltes Team. Ich habe die Erfahrung und den Überblick, davon kann Viola profitieren», erklärt Jo, der sich freut, dass seine Tochter die Tradition weiterführt. Und sie hat ihren Entscheid, mit dem Vater zusammenzuspannen, nie bereut: «Am Anfang fragte ich mich schon, ob das gutgehen würde. Aber wir haben noch nie gestritten. Ausserdem kann ich hier arbeiten und gleich nebenan wohnen. Besser könnte ich es gar nicht haben!»

Erst recht stolz sind Vater und Tochter, dass ihr Spitzenmodell und Toprodel heute auch von den Profis an Europa- und Weltmeisterschaften gefahren wird. Die Holzschlittenproduktion in vierter Generation – eine echte Erfolgsgeschichte.

Autor: Daniela Schwegler