Archiv
07. Mai 2012

Wo die wilden Stühle wachsen

Daniel Ambühl erweckt ein kurioses Projekt zu neuem Leben: Er pflanzt Stühle. TV-Moderator Röbi Koller und Rockmusiker Chris von Rohr helfen ihm dabei – und freuen sich auf die Stuhlernte in ein paar Jahren.

Alles nach Plan: Bevor es ans Pflanzen geht, bauen Dendrotekten die von Daniel Ambühl (Bild) entworfenen Stuhlmodelle mit farbigem Kupferdraht und Faden nach.

Eine schmale Naturstrasse führt zum Schärmtannebeizli zuhinterst im Seltenbachgraben. 1200 Meter über Meer und eine halbe Autostunde von Langnau im Emmental BE entfernt, gibt es nur Berge, Matten und Wälder.

Auf dem Landblätz vor dem heimeligen Beizli allerdings sorgt eine Installation für Stirnrunzeln bei den vorbeimarschierenden Wanderern: Offenbar einem genauen Plan folgend, hat jemand auf einer quadratischen Fläche dicht an dicht mehr als 30 fingerdicke, hüfthohe Bäumchen gepflanzt. Es ist die natürliche Möbelfabrik von Daniel Ambühl (54), hier hat er einen Stuhl gepflanzt. Ernten will der Künstler und Pilzzüchter das gute Stück in sieben Jahren. Und dieser erste Sessel soll auch kein Einzelstück bleiben: Daniel Ambühl träumt von ganzen Stuhlfeldern.

Die Idee für den Naturbaustuhl hat er von einem Amerikaner. John Krubsack (1858—1941), Banker und Naturfreund, liess vor mehr als 100 Jahren bei sich im Garten in Embarrass, Wisconsin, einen Thron aus Eschenahorn wachsen. Krubsack galt unter seinen Zeitgenossen bestimmt als Sonderling, und niemand weiss, wo der Stuhl heute ist. Daniel Ambühl aber erkannte das Potenzial der Idee: Sie soll nun in der Schweiz Wurzeln schlagen und Früchte tragen. «Die Zeit ist reif», sagt Daniel Ambühl, «für den ersten Stuhl mit positiver Ökobilanz.»

Zweimal im Jahr treffen sich die Dendrotekten und pflegen Stühle

«Normalerweise verbraucht man für die Herstellung von Möbeln Energie: Man muss einen Baum fällen, zersägen, das Holz transportieren, nageln, leimen. Beim Wachsen auf dem Feld dagegen entsteht Energie, allein dank Sonnenlicht und Erde. Das ist ökologisch und nachhaltig», erklärt Daniel Ambühl. Da er aber doch mehr Künstler als Schreiner ist, ergänzt er sein Projekt um eine soziale Komponente: Im letzten Herbst hat er mit rund 30 Mitgliedern den Verein Dendrotektura gegründet — im Zungenbrecher stecken die griechischen Wörter Baum (dendro) und Architektur. So treffen sich Gleichgesinnte je einmal im Frühling und im Herbst, um bei einem Fest ihre Stühle zu pflanzen, zu hegen und zu pflegen.

Chris von Rohr, Röbi Koller und Daniel Ambühl (von links) wühlen im Dreck. In sieben Jahren werden sie ihren Naturbau-Stuhl ernten können.
Angepflanzt wird nach einem genauen Plan.
Angepflanzt wird nach einem genauen Plan.

Dass das eine nicht zu unterschätzende Aufgabe ist, stellen auch die beiden Vereinsmitglieder Chris von Rohr (60) und Röbi Koller (54) fest. Der Rocker und der TV-Moderator sitzen im Schärmtannebeizli an Holztischen, haben die Ärmel hochgekrempelt und fühlen sich wie in der Bastelstunde.

Die Zeit ist reif für den ersten Stuhl mit positiver Ökobilanz. - Daniel Ambühl, Künstler

Als sinnvolle Vorbereitung für angehende Dendrotekten gilt es eines von sieben von Daniel Ambühl entworfenen Stuhlmodellen im Massstab 1:15 nachzubauen, mit farbigem Kupferdraht und Faden. Dabei lernen die zwei Promis, welche Arbeitsschritte bei der Verbindung der Bäumchen erfolgen müssen, und in welcher Reihenfolge das Biegen, Zusammenbinden und Zurückschneiden der Äste abläuft.

«Anstrengend! Ich dachte, ich könne hier einen Stuhl abholen», flachst Röbi Koller. Mit Gartenarbeit habe er als Bewohner einer Wohnung mit Balkon sonst nicht viel am Hut, meint er, «aber was Dani macht, ist cool. Deshalb trat ich dem Verein sofort bei.» Koller kennt Ambühl aus der gemeinsamen Zeit bei Radio 24 und ist seit Jahren mit ihm und auch mit von Rohr befreundet. Der delegiert seine Bastelarbeit bald an Daniel Ambühls Sohn Shayan (12), der geschicktere Finger hat und sich für das Erledigen der aufwendigen Arbeit gerne mit einem Krokus-T-Shirt bestechen lässt. Die Idee, Menschen mit dem Anpflanzen von Stühlen zusammenzubringen, scheint zu funktionieren.

Ein Öko-Stuhlbauer braucht viel Geduld

Beim Pflanzen der Setzlinge aber wird nicht gekniffen. Chris von Rohrs Wahlspruch «Meh Dräck!» bekommt hier eine ganz neue Bedeutung: Mit Hacke, Schaufel und mit blossen Händen wühlen die Dendrotekten im Erdreich, bis der Schweiss rinnt und die Gummistiefel vor Dreck strotzen. In der Mitte werden die vier dicksten Stämme gesetzt, welche die Stuhlbeine bilden. Rund herum liefern weitere 8 bis 28 Bäumchen, je nach Modell, das Material für die Sitzflächen und Lehnen. In zwei Jahren werden die ersten Stämmchen fest miteinander verbunden, um dann vereint weiterzuwachsen: Stuhlbauer brauchen Geduld.

Röbi Koller hat sich für einen Stuhl aus Setzlingen der Vogelbeere entschieden, Chris von Rohr für einen aus Weisserlen. Daniel Ambühl ist glücklich über die Begeisterung seiner Freunde, hat aber auch Sorgen: Er sucht Pachtland, um darauf weitere Stühle anzubauen. Schon vor Jahren hatte er einen Plan, der am fehlenden Land scheiterte: Er wollte einen 1000 Quadratmeter grossen Saal mit Wänden aus Kastanienbäumen pflanzen.

www.dendrotektura.ch

Autor: Karin Aeschlimann

Fotograf: Mischa Imbach