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06. Juli 2015

Boom bei den Sommerferien - trotz Tunesien

Am 6. Juli beginnen in mehreren Schweizer Kantonen die Sommerferien. Der starke Franken hat die Nachfrage nach Reisen in europäische Länder massiv angekurbelt. Griechenland und Spanien gehören zu den Gewinnern. Hiesige Hotelbetten hingegen bleiben vermehrt leer.

Akropolis Athen
Trotz negativer Schlagzeilen steht Griechenland bei den Schweizern hoch im Kurs (Bild: Milos Bicanski/Getty Images).

Der Terroranschlag in Tunesien, die gescheiterten Verhandlungen Griechenlands mit der Eurogruppe und Meldungen über das Mers-Virus in Asien: Kurz vor Schulferienbeginn hat die Reisebranche schlechte Nachrichten zu verdauen. Doch trotz geopolitischer Unsicherheiten läuft das Geschäft mit Ferien am Meer so gut wie schon lange nicht mehr. Der grösste Schweizer Reiseveranstalter Hotelplan meldet knapp 10 Prozent mehr Passagiere gegenüber dem Vorjahr und begründet dies unter anderem mit dem starken Franken und dem schwachen Euro, der für noch preiswertere Ferien im Ausland sorgt.

Auch der Schweizer Reise-Verband (SRV) spricht von einem «Nachfrageboom für Sommerferien an europäischen Destinationen». Von satten Buchungszuwächsen, teils im zweistelligen Prozentbereich gegenüber 2014, würden insbesondere Badeferienziele in Spanien und Griechenland profitieren. «Grexit» beeinflusst also das Buchungsverhalten von Herrn und Frau Schweizer kaum. Entscheidend sind vielmehr die Preise. «Für europäische Sommerferienziele bieten die Veranstalter Vergünstigungen zwischen 10 und 20 Prozent. Für Flugleistungen wurden die Preise teils sogar halbiert», sagt SRV-Geschäftsführer Walter Kunz.

Zu den Verlierern gehören die Südtürkei, was der SRV mit Preiserhöhungen begründet, und die Schweiz. Für manche Touristen aus dem Euroland ist unser Land zu teuer. Laut «NZZ am Sonntag» geben jährlich 60 Schweizer Hotels ihren Betrieb auf. 

«Für Tunesien ist die Saison nach dem Terroranschlag kaum mehr zu retten»

Kurt Eberhard, in einigen Kantonen beginnen am 6. Juli die Ferien. Wie findet man kurzfristig freie Plätze?

Kurt Eberhard
Kurt Eberhard, seit Mitte 2014 Chef von Hotelplan Suisse. Der grösste Schweizer Reiseveranstalter gehört zu 100 Prozent dem Migros-Genossenschafts-Bund.

Welche Ziele sind besonders gefragt?

Sehr gut laufen Griechenland und insbesondere Kreta, aber auch Mallorca und Ibiza. Zuwächse von fast 20 Prozent stellen wir für Zypern fest. Kuba profitiert von der politischen Entspannung. Etwas weniger stark ist die Nachfrage für die Südtürkei, weil Touristen wieder vermehrt nach Ägypten reisen.

Wie beliebt ist denn Ägypten nach all den politischen Unruhen?

Früher war das Land am Nil vor allem im Winter unsere Nummer 1, heute ist es in der Hitparade auf dem 9. Platz. Das ist nach all den Ereignissen in den letzten Jahren bemerkenswert. Für Tunesien hingegen ist die Sommersaison nach dem Terroranschlag kaum mehr zu retten. Kunden annullieren ihre Ferien, zu Neubuchungen kommt es selten.

Und Griechenland profitiert vom Mitleid der Schweizer?

Nein. Das Land ist ein Klassiker und hat malerische Inseln. Das Comeback von Zypern lässt sich mit den attraktiven Preisen erklären.

Hotelplan Suisse hat gegenüber dem Vorjahr zehn Prozent mehr Passagiere. Profitieren Sie vom tiefen Euro, der zu Auslandreisen lockt?

Ja, wir profitieren vom starken Franken. Wir haben unsere Preise durchschnittlich um 10 bis 12 Prozent gesenkt, obwohl uns das wehtat, denn wir haben unsere Eurobestände schon eingekauft. Ohne diese Preisreduktion unsererseits hätten die Kunden im Ausland gebucht. Zudem haben wir Marktanteile gewonnen, weil die Konsumenten und Reisebüros im Zusammenhang mit dem Verkauf von Kuoni verunsichert sind.

Mit dem neuen Ferienflieger HolidayJet fliegt man ab 49 Franken pro Weg nach Mykonos. Wie verdient Hotelplan so noch Geld?

Grundsätzlich schreiben wir mit unserem Charterflug schwarze Zahlen. Klar, wenn wir alle Plätze zu 49 Franken verkaufen würden, ginge die Rechnung nicht auf. Aber im Gegensatz zu früher, wo alle von Last Minute sprachen, geben wir mit Frühbucherangeboten Gegensteuer und belohnen jene, die frühzeitig und nicht in der Hochsaison buchen.

Was erwarten Sie von 2016?

Wir haben ein solid aufgestelltes Unternehmen mit gutem Personal, 123 Filialen als ideale Verkaufsbasis und betreiben Websites, die im Vergleich zur Konkurrenz bedeutend effizienter sind. Doch die wirtschaftlichen Aussichten sind nicht rosig. Wir müssen mit höheren Arbeitslosenzahlen rechnen. Bleibt der Euro jedoch so tief, sind wir gerade für Badeferien in Spanien und Griechenland auch für nächstes Jahr verhalten optimistisch. Die Entwicklung hängt stark vom Wechselkurs ab. Dazu ein Beispiel: Kanada wird sehr stark nachgefragt, weil der Kurs des kanadischen Dollars überdurchschnittlich gesunken ist.

Wo machen Sie Ferien?

Da ich nicht während der Schulferien verreisen muss, mache ich an den ­Wochenenden Bergtouren. Ende August gehe ich mit meiner Frau für drei Wochen in den Nordwesten der USA, wo wir die wilde Pazifikküste, interessante Städte und Weingebiete bereisen. Mein Geheimtipp? Kenia. Ich habe zwei Jahre in der Hauptstadt Nairobi gelebt. Besonders empfehlenswert: das Kitich Camp in den Matthew Mountains. Eine Safari ist dort nur zu Fuss möglich.

Autor: Reto Wild