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02. Juni 2014

WM-Teammanager: «Die Hotels sind bis zum Viertelfinale vorreserviert»

Philipp Ebneter reist als Teammanager der Schweizer Nationalmannschaft seit fast 14 Jahren zu allen Spielen. Zu seinen Aufgaben zählt unter anderem die Organisation der Unterkunft – dafür war er auch schon fünf Mal in Brasilien.

WM-Quartier in Porto Seguro
Hier logieren die Natistars: Das WM-Quartier in Porto Seguro liegt 1000 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro. (Bild fussballnetz.ch)

Sie waren an zahlreichen Turnieren dabei: Europameisterschaft in Portugal, Weltmeisterschaften in Deutschland und Südafrika, Olympia in London … Gibt es ein Turnier, das besonders heraussticht?

Teammanager Philipp Ebneter
Teammanager Philipp Ebneter (Bild zVg)

Portugal war speziell, weil es für die Schweiz seit langer Zeit und für mich überhaupt die erste Endrunde war. Als Mitorganisator der Reise hatte ich einige schlaflose Nächte damals. Trotzdem ragt die WM 2006 in Deutschland heraus, weil wir damals einen sehr guten Zusammenhalt in der Mannschaft hatten. So viele mitgereiste Fans wie beim Spiel Dortmund gab es vorher nicht und wird es wohl auch nie mehr geben. Schade, sind wir damals viel zu früh ausgeschieden.

Abgesehen von den grossen Turnieren reisten Sie als Teammanager zu über 100 Spielen der Nationalmannschaft. Gibt es eine Destination, die Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben ist?

Ja, das Wembleystadion in London ist für mich ein Höhepunkt. Die Atmosphäre im Stadion ist einmalig. Ebenfalls in Erinnerung geblieben ist mir das Spiel in Dublin mit den tollen irischen Fans. Ganz klares Negativbeispiel ist das Spiel in Istanbul 2005 mit den Auseinandersetzungen, die es damals gab. Abgesehen davon wurden wir aber überall freundlich und gut aufgenommen, und wir versuchen, das dem Gastgeber zurückzugeben, wenn er zu uns reist.

Können Sie ein Spiel im Stadion überhaupt geniessen, oder sind Sie zu angespannt?

Bei Freundschaftsspielen kann ich durchaus entspannt auf der Tribüne sitzen. Wenns in einem Qualifikationsspiel um sehr viel geht, ist das nicht mehr ganz der Fall … Gerade in solchen Momenten werde auch ich trotz meines Jobs zum Fan.

Ihre Aufgaben sind mit vielen Reisen verbunden. Kommt da die Familie nicht zu kurz?

Ich bin tatsächlich viel unterwegs. Zusammengezählt schlafe ich etwa während dreier Monate pro Jahr im Hotelzimmer, deshalb bin ich auch immer wieder froh heimzukommen. Aber zu Ihrer Frage: Die meiste Zeit meines Lebens war ich Single und habe erst seit einem Jahr eine feste Beziehung. Wir versuchen jetzt gemeinsam, uns daran zu gewöhnen und damit umzugehen.

Die Vorbereitung auf eine WM dürfte reisetechnisch auch nicht gerade einfach zu stemmen sein. Gerade wenn sie in Südamerika stattfindet.

Das stimmt. Zur Vorbereitung des Turniers bin ich fünf Mal nach Brasilien geflogen. Zum ersten Mal schon zur Vorrundenauslosung im Jahr 2011, also noch bevor das erste Qualifikationsspiel angepfiffen war. Zwei Jahre später reiste ich erneut nach Südamerika, um mögliche Hotels anzusehen.

Wie suchten Sie in dem riesigen Land die Hotels aus? Die Schweiz spielt ja an drei verschiedenen Orten, die kilometerweit auseinanderliegen.

Es war von Anfang an klar, dass wir uns eine möglichst zentral gelegene Anlage suchten, von wo aus wir zu den Spielen und zurück fliegen. Allerdings mussten wir nach der Gruppenauslosung unsere erste Wahl Sao Paulo streichen, da alle unsere Spiele nördlich von Rio de Janeiro stattfinden und in das nördlicher gelegene Porto Seguro wechseln.

Wie sieht der Zeitplan der Mannschaft aus?

Die Fifa schreibt vor, dass das Team mindestens fünf Tage vor Turnierstart anreist. Wir haben entschieden, schon acht Tage vorher zu fliegen, damit wir uns besser akklimatisieren können. Vor Ort beginnt das Vorbereitungsprozedere mit der Ausstellung der Akkreditierungen und mit den Film- und Fotosessions für die Anzeigetafeln in den Stadien.

Welche waren die grössten Herausforderungen beim Planen der Reise?

Aussergewöhnlich sind die komplizierten Einfuhrbestimmungen. Für den Import mussten wir jeden einzelnen Artikel deklarieren. Zum Beispiel gelten Getränkepulver als Medikamente. Es war eine echte Herausforderung, alle nötigen Bewilligungen einzuholen.

Wie viel Material nehmen Sie insgesamt nach Brasilien mit?

Im Vorfeld des Turniers werden wir 1,5 Tonnen runterschicken. Genauso viel wiegt das Mannschaftsgepäck, also nehmen wir insgesamt drei Tonnen Material mit.

Das tönt nach viel …

Ja. Grund dafür ist, dass wir unsere Trainingsbekleidung doppelt und dreifach mitnehmen müssen: Die Logos unserer Partner und Sponsoren auf unseren Kleidern sind auf dem Trainingsgelände erlaubt, in den Stadien nicht.

Wie viel kostet die Teilnahme an der Weltmeisterschaft den Verband?

Für unseren logistischen Aufwand zahlen wir etwa drei Millionen, dazu kommen die Prämien für Spieler und Trainer. Die Einnahmen hängen vom sportlichen Erfolg ab. Selbst wenn wir in der Vorrunde ausscheiden sollten, würde uns die Fifa rund acht Millionen Franken überweisen. Finanziell lohnt sich die Teilnahme für die Schweiz also in jedem Fall.

Welche Erwartungen haben Sie an die Mannschaft? Bis wann sind die Hotelübernachtungen bezahlt?

Die Chancen auf eine Qualifikation für das Achtelfinale stehen bei 50 zu 50. Wenn wir weiterkommen, ist vieles möglich. Durchgerechnet haben wir alle Eventualitäten als Gruppenerster oder Gruppenzweiter bis zum Finale – immerhin bis zum Viertelfinale haben wir für alle möglichen Spielorte die Hotels angeschaut.

Wer alles reist mit der Nationalmannschaft nach Brasilien?

Nebst den 23 Spielern und den Trainern reisen Ärzte, Videoanalysten, Physiotherapeuten, Materialverantwortliche, Köche und ein Sicherheitsverantwortlicher mit. Die Delegation umfasst insgesamt 48 Personen. Verglichen mit anderen Nationen ist das aber eher eine kleine Delegation.

Beschreiben Sie die Anlage. Ist es purer Luxus?

Nein, ganz und gar nicht. Unsere Anlage besteht aus Appartements mit je zwei Zimmern. Dort sind die Spieler zu zweit untergebracht. Mit einem Sechssternehotel oder einem Luxusresort hat unsere Unterkunft definitiv nichts zu tun. Sie ist schön, praktikabel und genügend.

Wie verwöhnt sind unsere Natispieler? Müssen Sie für die Zimmer eine PlayStation organisieren?

Wer PlayStation spielen will, muss die entsprechenden Geräte selber mitnehmen. Wir stellen aber sicher, dass die Internetverbindung gut funktioniert. Zudem organisieren wir das Nötige für spielerische Freizeitaktivitäten wie Tischtennis, Billard, Tischfussball, Flippern oder Darts.

Gibt es Spieler, die etwas extravaganter sind als andere?

Es ist unterschiedlich, nicht jeder äussert sich gleich. Es gibt immer mal wieder Spieler, die mir gegenüber die Hotelauswahl kritisieren. Aber das ist nicht weiter störend.

Haben Sie zu manchen Sportlern ein besonders gutes Verhältnis?

Am meisten Kontakt gibts zu den älteren Spielern, wie Diego Benaglio, Stephan Lichtsteiner oder Tranquillo Barnetta. Einen sehr intensiven Kontakt hatte ich mit Christoph Spycher, den ich damals bei Bümpliz sogar selbst trainierte.

Ist es jetzt noch zu früh, sich aufs Turnier zu freuen, oder ist die Anspannung noch zu gross?

Die Vorfreude begann mit der definitiven Qualifikation und ändert sich momentan fast stündlich – je nachdem, welche Arbeit gerade auf dem Pult liegt. Richtig freuen kann ich mich aber erst, wenn ich mich in Porto Seguro eingerichtet habe und alles wie gewünscht klappt.

Welche Aufgaben bleiben vor Ort noch zu erledigen?

Vor allem die Flugreisen zu den Spielen und der Rücktransport direkt nach Schlusspfiff. Zudem findet vor jedem Spiel eine grosse Sitzung mit der Fifa statt, um alles Wichtige wie die Trikotfarbe noch mal zu besprechen.

Aber Sie sind guter Dinge, dass alles wie gewünscht klappt?

Irgendwie ist es immer gegangen (lacht). Ich hoffe einfach, die Brasilianer werden mit allem rechtzeitig fertig. Aber ich bin überzeugt, dass das klappt, obwohl das Stadion in Sao Paulo letzten März noch etwas baufällig ausgesehen hat …

Nach der Weltmeisterschaft gehts schon wieder weiter mit der Qualifikation zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich. Hat die Organisation schon begonnen?

Schon lange. Anfang Mai war ich schon wieder in San Marino, unserem zweiten Spielort für die nächste Europameisterschaftsqualifikation im Oktober.

Beschreiben Sie uns doch anhand des Spiels in San Marino den Ablauf für ein Pflichtspiel der Nationalmannschaft im Ausland.

Im Februar 2014 war in Nizza die Auslosung der Qualifikationsgruppen. Schon ein paar Stunden später war bekannt, wo und wann die Spiele stattfinden. Einzig der Austragungsort ist nicht immer klar. Das steht spätestens drei Monate vor Anpfiff fest. Aber meistens liegen wir mit unseren Einschätzungen richtig und blockieren in Zusammenarbeit mit unserem Reisepartner Travelclub sofort mögliche Hotels. In San Marino treffen wir Vertreter des Verbands und schauen uns zwei Hotels an. Danach wird gebucht.

Funktioniert die Zusammenarbeit mit gegnerischen Verbänden reibungslos, oder gibts manchmal auch Komplikationen?

In der Regel funktioniert das tadellos. Manche südländische Länder sind etwas weniger terminbewusst als andere, was es manchmal etwas schwieriger macht.

Wer ist bei der Hotelwahl der wichtigste Ansprechpartner? Hat der Trainer manchmal Sonderwünsche, oder entscheiden Sie allein?

Die Zusammenarbeit mit Köbi Kuhn und Ottmar Hitzfeld fällt mir sehr leicht, da beide sehr strukturiert gearbeitet haben und arbeiten. Zu Beginn meiner Amtszeit unter Enzo Trossero war das nicht ganz so … Mit der Zeit weiss man aber immer, wie der Trainer funktioniert. Deshalb erstelle ich ein Programm auf eigene Faust und bespreche es nachher mit ihm.

Bleiben wir beim Beispiel San Marino: Beginnt die Vorbereitung schon jetzt?

Ja, die Fliegerei muss organisiert werden. Weil Oktober eine beliebte Reisezeit ist, müssen Swiss und Edelweiss das Routing umstellen, damit unsere Spieler rechtzeitig am Spielort ankommen. Eine frühzeitige Organisation ist deshalb unabdingbar und wichtig. Übrigens auch bei Heimspielen: Ich kann keine Hotels buchen, wenn der Verband den Spielort noch nicht bestimmt hat.

Aber der Verband ist doch in der Nähe. Können Sie nicht in den ersten Stock laufen und fragen?

So einfach ist das leider nicht, da spielen viele Überlegungen eine Rolle. Einzig gegen grosse Gegner wie England ist es vorhersehbar, dass in Basel gespielt wird. Ansonsten müssen verschiedene Argumente gegeneinander abgewogen werden …

… werden auch hier die Wünsche des Trainers berücksichtigt?

Er hat sicher Mitspracherecht. Hitzfeld sagte zum Beispiel, dass er gegen Zypern gern in Genf spielen wolle, weil die Schweiz dort gegen diesen Gegner schon mal gewonnen hatte. Weil dort schon lange kein Spiel mehr stattgefunden hatte, wurde ihm dieser Wunsch erfüllt. Wollte er in Luzern gegen England spielen, wäre das wohl nicht möglich gewesen.

Wie unterscheiden sich die Trainer Köbi Kuhn und Ottmar Hitzfeld aus Ihrer Sicht?

Punkto Zusammenarbeit gibts keine grossen Unterschiede zwischen den beiden.

Hatten Sie schon die Möglichkeit, mit dem neuen Trainer Vladimir Petkovic zu sprechen?

Ja, er war schon bei mir im Büro. Darüber hinaus war ich mit ihm an der angesprochenen Auslosung in Nizza. Ich zeigte ihm auf, wie wir das bisher organisiert haben. Ich gehe nicht davon aus, dass er alles umkrempeln will. Mit einer Ausnahme: Wir reisen neu, auch aufgrund der geringen Distanzen, einen statt zwei Tage vor dem Spiel zu den Qualifikationsspielen an.

Halten Sie nebst dem Leben mit der Nationalmannschaft auch zu einem Verein?

Ja, aber auch dort bin ich vom Job geprägt. Ich achte besonders auf die Vereine, die mehrere Nationalspieler stellen. Eine Zeit lang war das Arsenal, heute verfolge ich Juventus und Napoli in Italien, oder Wolfsburg in Deutschland. Abgesehen davon habe ich keine Lieblingsmannschaft.

Autor: Reto Vogt