Archiv
02. September 2013

«Ich bin ein Gegner der Vollkasko-Mentalität»

Walter Kielholz ist einer der einflussreichsten Wirtschaftsmanager der Schweiz. Der Verwaltungsratspräsident der Swiss Re über den Zustand des Finanzplatzes, die schwierige Lage der FDP und weshalb er beim Velofahren keinen Helm trägt.

Walter Kielholz Porträtbild
Dass so viele Schweizer Banken US-Steuersünder von der UBS aufgenommen haben, erstaune ihn schon auch, sagt Walter Kielholz.

Ausserdem zum Thema: In welchem Land ist welche Angst die grösste? Zum Artikel

Walter Kielholz, wie geht es der Rückversicherungsbranche im Nachgang der grossen Finanzkrise? Bei der Swiss Re gab es auch Verluste und einen Stellenabbau.

Der hatte mit der Finanzkrise aber kaum etwas zu tun. Wir hatten 2006 eine grössere Akquisition getätigt und einige Firmen integriert. Dabei waren wir etwas zu wenig konsequent. Der Branche selbst ging es in den letzten paar Jahren gut. Die Wirtschaft ist leicht gewachsen, und Versicherungen wachsen dann immer noch ein bisschen stärker. Steigender Wohlstand produziert mehr Bedarf nach Versicherungsdeckung. Derzeit bewegt sich die Wirtschaft aber eher seitwärts. Und die aktuell tiefen Zinsen sind unerfreulich für uns. Wir haben grosse Vermögen, die wir anlegen müssen, und bekommen dafür derzeit kaum etwas. Das drückt auch auf unsere Bewertung.

Dem Schweizer Finanzplatz scheint es aber grundsätzlich recht gut zu gehen.

Schweizer Banken müssen sich an eine neue Welt anpassen, und darüber wird ja da und dort auch kräftig gejammert, gerade bei den Privatbanken. Aber man vergisst immer, dass das nur ein Bereich ist. Das Geschäft im Schweizer Retail- und Kommerzbereich lief auch durch die Krisenjahre sehr gut, während andere Länder in grössten Schwierigkeiten steckten. Ähnlich erfreulich lief es auch im Versicherungsgeschäft.

Die Banken haben vor allem Probleme mit der US-Justiz. Wie wichtig ist das Geschäft mit den USA überhaupt?

An den USA kommt man im internationalen Bankgeschäft nicht vorbei. Praktisch alle Firmenkunden geschäften mit ihnen. Probleme gab es vor allem mit der Vermögensverwaltung von US-Kunden, wobei das vielfach Schweizer oder Europäer waren, die auch noch US-Bürger sind oder eine Green Card haben. Ein zentrales Geschäft war das nicht.

Die relative Stärke der Schweizer Banken hat eher zu-als abgenommen

Umso erstaunlicher, dass viele Schweizer Banken lange so getan haben, als wäre nichts, und frühere US-Steuersünder der UBS aufgenommen haben.

Es kann eben auch einer bei der UBS als Amerikaner rauslaufen und bei einer anderen Bank als Schweizer reinkommen. Der sagt nicht notwendigerweise, dass er auch noch US-Bürger ist. Aber dass so viele Banken das gemacht haben, erstaunt mich schon auch. Und es war ganz klar ein Fehler.

Wie gut sind die Schweizer Banken heute im internationalen Vergleich aufgestellt?

Wenn Sie sich anschauen, was gleichzeitig im Ausland passiert ist, dann hat die relative Stärke der Schweizer Banken eher zu- als abgenommen. In Deutschland sind reihenweise Landesbanken verschwunden, einige mussten vom Staat übernommen werden. In anderen grossen europäischen Ländern sieht es nicht anders aus. Alle haben blaue Flecken davongetragen. In der Schweiz haben die Banken weniger stark gelitten.

Mit der faktischen Abschaffung des Bankgeheimnisses gegenüber dem Ausland können Sie leben?

Natürlich bedeutet das, dass gewisse überlieferte Geschäftsmodelle keine Zukunft mehr haben. Ich bin aber überzeugt, dass die Schweizer Banken die Kraft und auch den Willen haben, sich anzupassen.

Walter Kielholz beim Gespräch, an seinem Schreibtisch sitzend mit Kugelschreiber in der Hand.
«Ich bin überzeugt, dass 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung im liberalen Gedankengut verhaftet sind.» – Walter Kielholz.

Gab es nicht auch einen massiven Abfluss von Kapital in der Vermögensverwaltung?

Im Gegenteil. Bei den Banken, die Zahlen dazu publizieren, gab es jedes Quartal Neugeldzuflüsse, unter anderem aus Asien und dem Nahen Osten. Das sind auch die Orte, wo neue Vermögen entstehen. Wir müssen damit leben lernen, dass sich das Schwergewicht der ökonomischen Entwicklung verschoben hat. Das gilt auch für die Rückversicherung.

Ziehen Sie dem hinterher?

Das ist gar nicht so einfach, aber wir versuchen es. Unsere Ressourcen liegen vor allem in Europa und Nordamerika, aber in der Rückversicherung kommen 50 Prozent des Wachstums der nächsten 20 Jahre aus den Schwellenländern. Wir müssen also massiv umbauen, und so schnell geht das nicht.

Was sagen Sie zum Erfolg der Abzocker-Initiative? Brauchte es ein starkes Signal an die Unternehmen angesichts gewisser Exzesse?

Es war zu erwarten, dass so ein Signal kommt. Dass es so stark ausfallen würde, damit habe ich nicht gerechnet. Es ist die Frustration gegenüber den grossen Unternehmen, die sich da geäussert hat. Die Schweiz muss sich aber schon Gedanken machen, ob sie ein Standort für global tätige, internationale Grossunternehmen sein will oder nicht. Falls sie das will, muss sie eben auch einige Sachen akzeptieren, die einem vielleicht nicht so gefallen. Man kann nicht beides haben.

Das sagen Sie auch im Hinblick auf die kommende 1:12-Initiative?

Dort ist es ganz klar. Eine Annahme wäre fatal und würde unsere liberale Wirtschaftsordnung erschüttern. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir würden hier an den Universitäten hochqualifizierte Leute ausbilden, die dann ins Ausland gingen, um Erfahrungen zu sammeln — und nie wieder zurückkämen. Wenn wir hier künftig ein sozialistisches Geschäftsmodell einführen wollen, sollten wir doch gleich direkt darüber abstimmen. (lacht)

Sie sind ja ein «Freund der FDP». Wie sehen Sie die aktuelle Situation der Partei?

(tiefes Seufzen)

Oha, das klingt nicht gut.

(lacht) Nicht so schnell, ich habe nur gerade über das Schicksal des Landesrings (ehemalige Partei des Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler, Anm. der Red.) nachgedacht. Aber als eingefleischter Freisinniger würde ich mir natürlich bessere Wahlresultate erhoffen. Ich bin felsenfest überzeugt, dass es in der Schweizer Bevölkerung ein Segment von 20 bis 25 Prozent gibt, das im liberalen Gedankengut verhaftet ist, ohne gleichzeitig nationalkonservative Vorstellungen zu haben. Die Frage ist, wie und wo man diese Leute mobilisiert. Einige hat die FDP in einer Phase der Unsicherheit an die rechtskonservative Seite verloren, die aber auch bei 25 Prozent limitiert ist und nur temporär mal ein bisschen mehr bekommen kann.

Aber auf der anderen Seite verliert die FDP an die Grünliberalen.

Das gab es aber schon immer. Als ich in die Mittelschule ging, war der Landesring im Kanton Zürich grösser als die Freisinnigen. Das Mittespektrum kann auch bis zu 20 Prozent erreichen, und es gibt immer Menschen, die sich dort wohler fühlen und einem bestimmten Ziel verpflichtet sind. Dem Landesring ging es um die Liberalisierung der Wirtschaft und das Ende der Kartellisierung. Mein Vater war ja damals im Vorstand des Schweizerischen Gewerbeverbands und hat Gottlieb Duttweiler offiziell abgelehnt, aber eigentlich doch bewundert. Er war beeindruckt, was Dutti zustande brachte, und fand: Wir sollten auch ein bisschen so sein.

Was kann denn die FDP machen, damit sie bei den nächsten Zürcher Stadtratswahlen wieder mehr als einen Sitz bekommt?

Tja, das rot-grüne Lager hat halt in den letzten Jahren keinen ganz so schlechten Job gemacht. Wenn man sich die Wählerverteilung anschaut, ist die Stadt etwa zur Hälfte bürgerlich und nicht-bürgerlich. Es ist eine Frage der Mobilisierung. Die SVP schafft das schon länger nicht mehr, die FDP nur noch knapp. Zusammen aber brächten sie vermutlich schon drei Kandidaten durch. Wenn man allerdings 90 Prozent der Zeit damit verbringt, sich gegenseitig schlechtzumachen, wird es natürlich schwierig.

Die Swiss Re hat eine grosse, weltweite Umfrage zum Thema Risiko gemacht. Haben die Erkenntnisse konkrete Folgen fürs Geschäft?

Unsere Produkte richten wir nicht danach aus. Es zeigen sich darin vor allem Ängste, die sich gar nicht direkt versichern lassen. Es ist aber sehr interessant zu sehen, wie in unterschiedlichen Ländern auch verschiedene Sicherheitsbedürfnisse herrschen. Besonders hoch sind sie bezeichnenderweise in jenen Ländern mit dem grössten Wohlstand.

Der Klimawandel gehört nach Empfinden der Schweizer zu den grössten Risiken. Was bedeutet das für die Swiss Re?

Der Klimawandel ist für heutige Menschen das, was die Pest im Mittelalter war. Er ist zu einer Art diffuser Generalbedrohung geworden. Egal, ob es gerade zu kalt oder zu warm ist, der Klimawandel ist schuld. Wir versuchen die Fakten dahinter zu finden, etwa die Risiken durch extremere Wettersituationen oder Überschwemmungen in Küstengebieten — und schauen dann, was man tun kann, um Schäden zu minimieren.

Die Befürchtung ist, dass der Klimawandel mehr Naturkatastrophen auslösen könnte. Sehen Sie dafür Anzeichen?

Es gab eine Phase von den 50er- bis Mitte der 80er-Jahre, in der es weniger Katastrophen aufgrund extremer Wetterereignisse gab. Aber das war wohl eine Ausnahme. Seither hat sich die Lage wieder normalisiert. Was sich dramatisch verändert hat, sind die Schadenssummen bei Katastrophen. Gründe dafür sind das Bevölkerungswachstum und die dichtere Bebauung, zum Beispiel an den Küsten. Vergleichen Sie mal Miami Beach heute und vor 80 Jahren. Damals hatten sie dort zwei Kühe und einen Feldweg, fertig. Wenn es die wegbläst, ist das zwar traurig, aber finanziell nicht dramatisch. Heute steht dort eine Grossstadt.

Steigt das Risiko für Naturkatastrophen?

Es gab schon immer Fluktuationen bei der Häufigkeit von starken Stürmen. Was sich aber geändert hat, ist die Medienaufmerksamkeit. Heute bekommen wir immer mit, wenn es irgendwo einen Sturm gibt. Dadurch entsteht der Eindruck, dass deren Zahl zugenommen hat.

Die Swiss Re versichert Versicherungen. Wie sichern Sie sich selber eigentlich ab?

Das ist tatsächlich schwierig. Wir müssten uns eigentlich für ganz schwere Fälle absichern, aber das sind ja genau die Situationen, in denen unsere Kunden, also die Versicherungen, zu uns kommen. Einige der Spitzenrisiken bringen wir an den Kapitalmarkt, etwa in Form von sogenannten Katastrophen-Obligationen.

Die Swiss Re feiert dieses Jahr ihr 150-Jahr-Jubiläum. Und auch sonst haben wir hier viele Versicherungen. Wieso hat sich dieses Geschäft gerade in der Schweiz so erfolgreich etabliert?

Die Schweiz hat sich im 20. Jahrhundert aus den Kriegen herausgehalten und nicht — wie der Rest Europas — zweimal ihr ganzes Kapital vernichtet. Zudem verloren die Versicherungen in den Kriegsländern ihre Kunden. Es hat bis in die 60er-Jahre gedauert, bis deutsche Rückversicherer wieder im französischen Markt arbeiten konnten. Und dann ist da noch die Marke Schweiz, die Zuverlässigkeit und Beständigkeit verkörpert.

Zieht die Marke Schweiz heute noch immer?

Eindeutig. Das sieht man überall.

Ist die grosse Konkurrentin der Swiss Re noch immer die Münchner Rück?

Neben uns gibt es noch zwei grosse, die Münchner Rück und Warren Buffetts Berkshire Hathaway, dazu kommen vier, fünf mittelgrosse.

Die Credit Suisse ist ja eine der Gründerfirmen der Swiss Re. Weshalb die jahrzehntelange enge Beziehung zwischen den beiden Firmen?

Es waren zwei, drei Dutzend Personen, welche die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz Mitte des 19. Jahrhunderts vorangetrieben haben, zum Beispiel Alfred Escher. Sie haben aus einem landwirtschaftlichen Land eine Industrienation geformt. Banken und Versicherungen entstanden Hand in Hand und blieben lange miteinander verbunden.

Wir haben die Kindheit auch ohne Helm überlebt, also bitte!

Sind Sie persönlich risikobereit oder vorsichtig?

No Risk, No Fun. (lacht) Ich bin ein massiver Gegner dieser Vollkasko-Mentalität, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Ich weigere mich auch, mit einem Helm Velo zu fahren. Da lasse ich es lieber gleich bleiben. Hören wir doch auf! Wir haben schliesslich die Kindheit auch überlebt, ohne Helm, also bitte! Diese gesellschaftliche Entwicklung macht mir schon Sorgen. Aber unnötige Risiken gehe ich nicht ein, ich bin kein Hasardeur. Ich habe zwar risikoreiche Sportarten betrieben, etwa das Hochseesegeln, aber das war alles klar kalkuliert. Basejumping wäre hingegen nichts für mich — da sind mir die Risiken zu hoch.

Fotograf: Pascal Mora