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01. Oktober 2012

Wir ziehen um!

Bänz Friedli trennt sich von Unnötigem.

«Ihr zügelt?!» Nachbarin Rita war perplex und leise beleidigt, weil sie dachte, sie erführe es wieder mal als Letzte. «Wohin denn?», wollte sie angesichts all des Karsumpels wissen, der sich vor unserer Wohnungstür türmt: Möbel und Umzugskartons, beschriftet mit «Kinderbücher und -krimis, u. a. ‹Hicks› und ‹Tintentod›», mit «Schulmaterial Anna Luna Untergymi» und «Bubenkleider 128–152», Sporttaschen gefüllt mit Turnschuhen und den offiziellen Bällen der letzten vier Fussballendrunden, Halloweenkostüme, Kisten voller Polly-Pocket-Figürchen. Ja, wir ziehen um. Hab ichs Ihnen vor lauter Gejufel noch nicht erzählt?

Tut das gut, auszumisten!

Andere würden jammern. Ich finde: Yeeeah, tut das gut, auszumisten! Gleich nach den Sommerferien hab ich angefangen. Dass es Zeit braucht, wusste ich — ahnte aber nicht, wie viel überflüssiges Material sich tatsächlich in unserer Wohnung angestaut hatte. Noch fand sich im Küchenschrank ein Stapel Kinderplastikteller mit den Motiven Winnie Puuh, Asterix, Bob the Builder und einer Disney-Prinzessin, von der ich nicht mal mehr den Namen weiss; noch horteten wir Ässmänteli, lagerten wir Puzzles für Dreijährige. Ein Umzug ist der Zeitpunkt, solche Dinge an Leute zu verschenken, die sie brauchen können. Oder sie — sind sie in schitterem Zustand — wegzuwerfen. Das Entsorgen gestaltet sich allerdings schwierig. Hans’ Zimmer war kaum mehr begehbar, die Räumung eine Herausforderung — und seine «Mithilfe» eine Erschwernis. Will nämlich ich etwas loswerden, scheitert dies am Veto meines Sohns. Umgekehrt bricht es mir fast das Herz, wenn er etwas dezidiert fortschmeisst: «Komm, Hans! Von diesen Holzschiffen hast du doch noch ein paar viel schönere gebastelt …!» — «Spinnsch, Vati? Das ist mein Flugzeugträger, Massstab 1:87! Aber, hier, diese Eule, die ich im Kindsgi gemalt habe … weg damit!» — «Um Himmels willen, nein! Die behalten wir.» Und so weiter.

«Tut das gut, auszumisten!»
«Tut das gut, auszumisten!»

Wohin wir umziehen? An die bisherige Adresse. Wir wenden das Prinzip des «supponierten Umzugs» an: Wir tun so als ob, behalten nur, was wir auch im Fall einer Züglete behalten hätten. Sie! Das nützt. Es macht die Wohnung wieder bewohnbar. Nur wurde mein Gewissen mies und mieser, weil wir Hausflur und Treppenhaus derart verstellten, und als ich dort Heinz antraf, der auf demselben Stock wohnt, sagte ich verschämt: «Du, sorry!», nuschelte etwas von ich würde ihnen dann eine Flasche Wein und so … und beteuerte: «Bald holt Götti Nils das Zeugs für seine Buben ab, dann ist es ausgestanden. Bald ist alles, alles gut.» Heinz schaut mich an, lächelt, sagt: «Und dann kommt das nächste.» Tamisiech, wie recht er hat. Im Haushalt kommt immer das nächste. Hans’ Zimmer präsentiert sich zwar nach wochenlangem Krampf wunderbar entschlackt und entstaubt. Es wird Freundin Brigitte, die sich auf Feng Shui versteht, verzücken. In der Zwischenzeit ist aber nebenan Anna Lunas Zimmer versifft, und es wird weitere Wochen dauern, bis wir uns wieder getrauen, Brigitte einzuladen. Ich versuche, mich Heinz gegenüber geistreich zu geben, raune: «Hiess es nicht beim grossen Philosophen Camus: ‹Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen›?» Also: Jeden Tag aufs Neue den alten Kram von vorn und dabei heiter bleiben.

Fragt sich einzig, ob Monsieur Camus je selber einen Haushalt besorgt hat.

Bänz Friedli live: 3. 10. Fällanden ZH.

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli