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07. November 2011

«Wir zeigen Dokus, die heimlich gedreht werden mussten»

Das lesbisch-schwule Berner Filmfestival Queersicht feiert sein 15-jähriges Jubiläum. Donat Blum, Co-Präsident des Festivals, über heterosexuelle Besucher, Vorurteile und afrikanische Filme.

Szene aus dem deutschen Spielfilm «Stadt Land Fluss»
Szene aus dem deutschen Spielfilm «Stadt Land Fluss», der am Festival gezeigt wird.
Donat Blum (25) ist Co-Präsident des ältesten lesbisch- schwulen Filmfestivals der Schweiz. (Bild: zVg.)
Donat Blum (25) ist Co-Präsident des ältesten lesbisch- schwulen Filmfestivals der Schweiz. (Bild: zVg.)

Donat Blum, was war 1996 der Anlass, ein lesbisch- schwules Festival zu gründen?

Damals gab es noch keine Filmfestivals in der Schweiz, in Turin oder Berlin hingegen schon. Man merkte, dass die Zeit reif ist, ein Bedürfnis der Szene bestand, und es war vor allem auch möglich, den lesbisch-schwulen Film zu institutionalisieren. Die Reitschule in Bern war der ideale Ort, um Queersicht zu starten.

Welche Bedeutung hat das Festival für die Akzeptanz von Homosexuellen?

Das Festival wird in Bern als ernstzunehmende Kulturveranstaltung wahrgenommen. Film ist ein sehr niederschwelliger Zugang zu Themen, mit denen man sonst nicht in Berührung kommt. Solche Filmfestivals bergen ein grosses Potenzial für Begegnungen zwischen den verschiedenen Szenen.

Ist ihr Publikum denn durchmischt?

Der Anteil an heterosexuellen Besucherinnen und Besuchern hat deutlich zugenommen. Sei es durch Freunde und Bekannte von regelmässigen Besuchern oder durch solche, die sich für einzelne Filme interessieren. Wir versuchen beispielsweise, mit der Wahl der Lokalitäten ein breiteres Publikum anzusprechen.

Wie schätzen Sie persönlich die Akzeptanz von Homosexualität in der Schweiz ein?

Es gibt noch viel zu tun. Gerade unter Migranten herrschen viele Vorurteile. Zudem haben auch heute noch viele Homosexuelle Mühe, sich zu outen und zu ihrer Sexualität zu stehen.

Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt auf Filmen aus Afrika. Warum gerade Afrika?

Einerseits gibt es langsam immer mehr Filme, welche die Situation dort porträtieren. Andererseits richten die Homo-, Bi- und Transsexuellen ihren Fokus allgemein auf Afrika, vor allem wegen der Menschenrechtsverletzungen, die dort an Schwulen und Lesben begangen werden. Es ist extrem dringlich, dass wir die dortige Situation aufzeigen.

Wie gefährlich ist es für Filmschaffende, in Afrika homosexuelle Filme zu produzieren?

Sehr gefährlich. Wir zeigen Dokumentarfilme, die teilweise heimlich gedreht werden mussten, unter schwersten Bedingungen. Meistens sind aber Vertreter westlicher Länder bei der Produktion involviert, die den Filmemachern Rückhalt geben.

Rentieren homosexuelle Filme?

Da in der Schweizer Filmindustrie sowieso nicht viel kommerziell Erfolgreiches produziert wird, ist es in unserem Bereich erst recht schwierig, Geldgeber zu finden. Nur dank grossen persönlichen Engagements schaffen es einige Schweizer Filmemacher, solche Filme zu realisieren.

Früher ging es in den meisten Filmen um das «Coming-out». Ist die Themenpalette breiter geworden?

Es geht nicht mehr darum, ob homosexuell oder heterosexuell, sondern auch um die persönliche Geschlechterrolle, die nicht mehr klar in männlich oder weiblich aufgeteilt werden kann.

Wie gelingt es, mehr Filme wie das Schwulendrama «Brokeback-Mountain» ins Mainstream- Kino zu bringen?

Namen, bekannte Schauspieler und Regisseure. Seit «Brokeback Mountain» werden mehr quere Filme produziert,die auch einen Verleiher finden.

Autor: Nathalie Bursać