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23. September 2013

«Wir wollen Schwellen senken, nicht aufbauen»

Andreas Homoki, Direktor am Zürcher Opernhaus, will ein Musiktheater für alle – ein Gespräch über Buhs, Bravos und Blut.

Andreas Homoki
Bitte eintreten: Andreas Homoki will, dass alle den Weg ins Opernhaus finden.

Andreas Homoki, Sie trinken lieber Bier als Champagner, tragen Levis 501 und mögen keine Krawatten. Können Sie als Opernhausdirektor überhaupt sich selber sein?

Aber sicher. Ich bin ja nicht nur derjenige, der das Opernhaus nach aussen repräsentiert, sondern vor allem auch ausübender Künstler. Ich arbeite aktiv als Regisseur – und da ist es sehr wichtig, dass man authentisch ist.

Zu den Aufführungen ziehen Sie sich dann aber doch schick an.

Da trage ich Anzug und Krawatte. Das mag ich – nur tagsüber nicht so gerne.

Sie leiten das Opernhaus seit einem Jahr. Es gibt Opernbesucher, die sagen, sie hätten noch nie so viele Buhs gehört wie letzte Saison. Nervt Sie das nicht?

Ach iwo! Zudem stimmt es nicht. Es gibt meist Bravos – Buhs nur ab und an. Natürlich haben wir die Zustimmung lieber, aber die Ablehnung muss man auch in Kauf nehmen. Das ist ja das Schöne in der Oper, dass die Leute direkt reagieren.

Haben Sie sich ein Buh-Limit für die kommende Saison gesetzt?

Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter – und solange die Hunde bellen, weiss man, dass die Karawane sich immer noch bewegt. Das ist doch gut so.

Sie nehmen diese Buhs also nicht so ernst.

Ich nehme überhaupt keine Buhs ernst. Genauso wie ich mich auch durch Bravostürme nicht verleiten lasse zu denken, dass irgendetwas toller ist, als es vielleicht ist. Und sowieso: Die Auslastung hat sich insgesamt gesteigert, und das Publikum hat im Allgemeinen positiv auf den Spielplan reagiert.

Seit Ihrem Antritt vor einem Jahr haben Sie die Kommunikations- und Werbeabteilung stark ausgebaut. Macht man gute Oper mit guter PR?

Klappern gehört zum Handwerk.

Gehört es zu Ihrem Marketingkonzept, für ein wenig Skandal zu sorgen?

Eigentlich nicht. Eine skandalisierte Aufführung kann durchaus publicityträchtig sein, aber man darf die Provokation nicht um ihrer selbst willen einsetzen. Das würde dazu führen, dass man künstlerisch weniger ernsthaft arbeitet – so was merkt das Publikum.

Und warum haben Sie den Skandalregisseur Bieito nach Zürich geholt, der am vergangenen Wochenende das Blut spritzen liess?

Ich habe ihn engagiert, weil ich ihn für einen guten Regisseur halte. Er erzählt Geschichten gerne sehr direkt und existenziell. Der eine oder andere findet das vielleicht nicht gut – dafür trifft er vielleicht den Nerv jener, die bislang nicht in die Oper gegangen sind.

Oper ist etwas Elitäres. Sie jedoch wollen eine Oper für alle machen. Wie wollen Sie das schaffen?

Indem ich versuche, Schwellenängste abzubauen und für jedermann rezipierbar zu sein.

Sie meinen, für jedermann wahrnehmbar. Das klingt gut, aber etwas abstrakt.

Nehmen wir als konkretes Beispiel die Programme für Kinder und Jugendliche: Hier arbeiten wir mit Schulen zusammen und erreichen so Kinder, die über ihre Eltern keinen Zugang zur Oper haben.

Warum soll man denn in die Oper gehen?

Weil man etwas Einzigartiges erlebt. Weil man in eine Geschichte entführt wird. Und weil man als anderer Mensch rauskommt, als man reingegangen ist. Denn auf der Bühne durchlebt eine Figur für einen selbstvertretend eine dramatische Situation – das bereichert.

Sie haben sich auch schon als Antithese zu Ihrem Vorgänger Alexander Pereira bezeichnet.

Die Findungskommission wollte keinen Manager mehr, sondern eher einen Künstler. Deshalb kam ich als Regisseur überhaupt erst in Frage.

Man wollte keinen Manager, sondern eher einen Künstler.

Sie sind Intendant und Künstler gleichzeitig. Wie bringen Sie beides unter einen Hut?

Das ist eine Frage der Organisation. Man muss sich Zeit schaffen. Es ist wie bei einem Maler, der, bevor er ins Atelier geht, noch anderes erledigen muss — frühstücken, einkaufen und so weiter.

Pereira war besonders gut darin, Geld aufzutreiben. Wie halten Sies mit den Sponsoren?

Wir haben dank der Aufbauarbeit von Alexander ein sehr gut funktionierendes Netzwerk aus Sponsoren und Gönnern.

Sie durften sich in ein gemachtes Netz setzen.

Man kann das so sehen. Allerdings ist Geldauftreiben nicht die wichtigste Aufgabe des Intendanten. Die Hauptaufgabe ist es, ein attraktives, künstlerisches Programm zu erstellen – dafür zu sorgen, dass lebendiges, spannendes Musiktheater passiert.

Flossen weniger Gelder als früher?

Wir haben die Sponsoring-Einnahmen etwas defensiver prognostiziert. Auch weil wir weniger Produktionen haben. Insgesamt sind wir leicht über unseren Erwartungen.

Dann werden die Ticketpreise nicht steigen.

Um Gottes willen! Wir wollen Schwellen senken und nicht aufbauen!

Irgendwoher muss das Geld ja kommen. Die Steuerzahler subventionieren das Opernhaus jährlich mit 80 Millionen Franken.

Das ist richtig. Deshalb möchten wir auch ein Haus für alle Steuerzahler sein.

Autor: Andrea Freiermuth