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03. November 2014

Wir Telestudenten

Laptop statt Hörsaal: Obwohl Mirjam Schäfer seit dreieinhalb Jahren Psychologie studiert, hat sie die Uni kaum je von innen gesehen. Sie hat sich für ein Fernstudium entschieden. Und sie ist nicht die Einzige: Immer mehr Studenten entscheiden sich für einen Fernlehrgang.

Mirjam Schäfer mit Laptop auf dem Sofa
Mirjam Schäfer geniesst es, dass sie studieren kann, wann und wo immer sie Lust hat.

Jetzt gehts wieder los», sagt Mirjam Schäfer (47) und schmunzelt, «immer nach der Klausur wird heftig diskutiert im Studierendencafé.» Die Psychologiestudentin hat gerade das Modul «Arbeits- und Organisationspsychologie» mit einer Prüfung abgeschlossen – und mit ihr zahlreiche Studienkollegen, die sich nun im virtuellen Café über die Klausur austauschen: Erleichterung über die absolvierte Prüfung hier, Zweifel über die richtigen Antworten dort. «Es wird getratscht und auch mal abgelästert – sehr unterhaltsam», sagt Schäfer, loggt sich aus dem Forum aus und klappt den Laptop zu.

Der silberne flache Computer ist sozusagen ihre kleine Universität, denn die Leiterin einer Stabsstelle bei der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat sich vor dreieinhalb Jahren für ein Studium bei der Fernuni Hagen (D) entschieden. Studienbriefe, Betreuung durch Dozenten, Diskussionen, Schwarzes Brett, ja sogar Gruppenarbeiten: Alles findet virtuell statt. Skype und die Lernplattform Moodle kommen regelmässig zum Einsatz. Mirjam Schäfer ist alleinerziehende Mutter eines Sohnes, der bei Studienbeginn elf Jahre alt war, und arbeitet 70 Prozent. Ein Präsenzstudium kam für sie nicht infrage. Tatsächlich hält sie sich nur für Prüfungen und einzelne Vorlesungen an einer Uni auf. «Das ist perfekt für mich», sagt Schäfer, «ich erarbeite mir sowieso den Stoff am liebsten alleine.»

Diese Vorliebe teilt die berufstätige Mutter aus Rüschlikon ZH mit vielen Studenten, und es werden immer mehr. Die Fernuni Schweiz mit Sitz in Brig VS, die universitäre Abschlüsse für vier Studienrichtungen anbietet, verzeichnet mit 1288 Immatrikulationen diesen Herbst dreimal so viele Studenten wie vor zehn Jahren. Ähnlich sieht es bei der Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) aus, die Zentren in Basel, Bern, Zürich und Brig betreibt und nach dem Bologna-System sogenannte anwendungsorientierte Fachstudien für Berufstätige in fünf Bereichen anbietet: Innert sechs Jahren hat sich die Zahl der FFHS-Studenten von 624 auf 1234 praktisch verdoppelt.

Philippe Wampfler (37), Experte für Lernen mit Neuen Medien, findet diese Entwicklung erfreulich. «Durch Fernstudien haben mehr Menschen Zugang zu höherer Bildung als früher», sagt der Kantonsschullehrer aus Wettingen AG, «je nach Wohnort und Lebensumständen würden diese Studenten eher auf eine Weiterbildung verzichten, als ein Präsenzstudium zu wählen.» Die geringere zeitliche Beanspruchung sei denn auch einer der Hauptgründe für ein Fernstudium, erklärt Wampfler.

Nicht jeder hat den Biss, ein Fernstudium durchzuziehen

Das war auch bei Renato Herrmann (29) aus Langnau im Emmental nicht anders. Er hat seit dem Februar den Bachelor of Science in Finance in der Tasche, für den er viereinhalb Jahre gearbeitet hat: Jeden zweiten Samstag Unterricht an der Fernfachhochschule in Bern, zusätzlich wöchentlich sechs bis sieben Stunden Selbststudium zu Hause und ein 80-Prozent-Pensum als Vermögensberater bei einer Bank.

Pro Woche hat Renato Hermann sechs bis sieben Stunden zu Hause gelernt. Viereinhalb Jahre lang.
Pro Woche hat Renato Hermann sechs bis sieben Stunden zu Hause gelernt. Viereinhalb Jahre lang.

Gerade hat sich Herrmann als Belohnung für den Abschluss ein neues Velo gekauft und die letzten Schachteln mit Schulunterlagen in den Keller geräumt. Aus Herrmanns ursprünglicher 24-köpfiger Klasse haben 15 Studenten den Bachelor geschafft. Auch Herrmann kämpfte nach zwei Jahren mit einem Durchhänger: «In der Halbzeit hat man schon viel erreicht, ist aber noch lange nicht angekommen.»

Wichtig ist, den Kontakt zu den Mitstudenten zu pflegen

Obwohl Disziplin nicht seine Stärke ist, fiel dem Finanzfachmann das Studieren überraschend leicht – zumal er rasch herausfand, wie es ihm am angenehmsten war: Frühmorgens am Esstisch, mit viel Ruhe, null Ablenkung und stets online, um sich im Internet mit Dozenten und anderen Studenten auszutauschen. Experte Philippe Wampfler hält dies für sehr wichtig. «In Online-Communities können sich Studenten gegenseitig Feedback geben, und jeder sieht, wo er selbst mit dem Stoff steht.» Etwas, das in einem Präsenzstudium regelmässig automatisch stattfindet.

Auch Psychologiestudentin Mirjam Schäfer steht in regem Online-Kontakt mit ihren E-Kommilitonen, aber sie gehört zudem einer Lerngruppe an, die sich neben regelmässigen Skype-Sessions hie und da auch physisch trifft, um einzelne Themen durchzugehen. Ansonsten büffelt sie immer dann, wenn sie grad Zeit und Lust hat – egal, ob spätabends zu Hause oder morgens auf dem Weg zur Arbeit im Zug. So arbeitet sie durchschnittlich zwei Stunden pro Tag – und in den Wochen vor der Klausur einige mehr. Dies sind dann jeweils die Tage, in denen die motivierte Studentin alles in eine Ecke schmeissen möchte. «Dann ist plötzlich anderes viel interessanter – Sport, Haushalt, eigentlich alles», sagt sie und lacht. Dennoch: Es ist für sie jetzt schon undenkbar, in zwei Jahren mit dem Studieren aufzuhören, wenn sie voraussichtlich den Bachelor in der Tasche haben wird. «Ein Leben ohne Studium kann ich mir nicht mehr vorstellen», sagt Schäfer, «es ist zum Hobby geworden.»

Ideale Lernbedingungen für Ines Follador-Breitenmoser: Blick ins Grüne und eine Tasse Grüntee.
Ideale Lernbedingungen für Ines Follador-Breitenmoser: Blick ins Grüne und eine Tasse Grüntee.

Ines Follador-Breitenmoser (53) aus Chur GR geht es genau gleich. Sie studiert seit 23 Jahren, zur Zeit gerade Strafrecht. «Je mehr man lernt», sagt die Bündnerin, «desto mehr neue spannende Themen entdeckt man.» Mit 30 war Follador-Breitenmoser noch Telefonistin bei der damaligen PTT. Heute leitet sie die Justizvollzugsanstalt Sennhof in Chur. Dazwischen liegen die Geburt ihres Sohns, die Erwachsenenmatura und je der Magister in Literaturwissenschaft, Pädagogik und Psychologie – alle im Fernstudium an der Uni Hagen (D) erworben. Nach dem Telefonistinnenjob gab Follador-Breitenmoser Deutschkurse in der Klubschule Migros und wurde deren pädagogische Leiterin. Das Studium hätte sie niemals unterbrochen – auch wenn phasenweise zu rund 125 Prozent Berufstätigkeit monatlich gut 40 Stunden Studium hinzukamen.

Die Zukunft gehört den Hochschulen, die Fern- mit Präsenzstudium kombinieren

Die Ostschweizerin studiert einfach gern und am liebsten ausserhalb einer Hochschule. Meist zieht sie sich dafür in ihr Büro mit Blick auf den Garten zurück, schlürft ihren Grüntee und vertieft sich in die Materie. Den meisten Stoff lernt sie, weil er sie persönlich interessiert. Allerdings hätte sie ihren heutigen Job im Gefängnis ohne das Studium von Arbeits- und Organisationspsychologie wohl nicht bekommen. Beinahe wäre Follador-Breitenmoser dieses Jahr nun doch noch in einem Hörsaal gelandet. Dann stellte sich in einem Gespräch mit der Fernuni Schweiz heraus, dass sie weiterhin via Internet zu ihren Lerninhalten kommt und nur alle drei bis vier Wochen an der Uni Fribourg anwesend sein muss.

Noch gibt es ausser der Uni Luzern, die ein Fernstudium in Theologie anbietet, keine Schweizer universitäre Hochschule mit ganzen Lehrgängen im Fernstudium. Das elektronische Aufbereiten der Lernhinhalte ist noch zu aufwändig und zu teuer. Anderseits platzen einige Universitäten aus allen Nähten. Um überfüllte Hörsäle zu entlasten, bieten erste Unis seit ein paar Jahren in der Schweiz sogenannte MOOCs an (Massive Open Online Courses, siehe auch Online-Artikel).

MOOCs kennt man im Ausland schon länger, doch der Wert dieser Videomitschnitte ist umstritten. Und sie führen nicht wie ein Fernstudium zu einem Hochschulabschluss. «Noch sind Fernstudien deshalb eine Konkurrenz für traditionell arbeitende Universitäten, wo insbesondere ältere Professoren sich noch schwer damit tun, ihren Stoff im Internet anzubieten», sagt Experte Philippe Wampfler. Doch die Studienlandschaft sei im Umbruch, und progressive Kräfte sähen in Fernstudien eine grosse Chance.

Wampfler räumt ein, dass sich nicht jedes Studium für den virtuellen Konsum eignet. «Naturwissenschaften etwa verlangen viele Face­to-face-Gespräche und zum Teil praktische Laborarbeit.» Die Zukunft gehöre deshalb jenen Instituten, die so viel Fernstudium wie möglich und so wenig Präsenzstudium wie nötig miteinander verbinden.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Lea Meienberg