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15. Oktober 2012

«Wir teilen uns eine Kinderfrau»

Nanny-Sharing: Bereits ab zwei Kindern kann eine private Betreuung günstiger kommen als eine Krippe. Doch eine passende Partnerfamilie zu finden, ist nicht so einfach. Unterwegs mit Nanny Manuela Feldmann.

Nanny
Patricia Deleurant (links) muss am Morgen pünktlich um 7 Uhr zur Arbeit. Damit Kylian (2) trotzdem in Ruhe seinen Tag beginnen kann, trifft 
kurz vor 7 Uhr die Nanny Manuela Feldmann in Horw LU ein.

Gegenseitiges Vertrauen: Die Anforderungen an Nannys und Eltern auf einen Blick.

Montagmorgen, 7 Uhr in Horw LU, am Vierwaldstättersee: Patricia Deleurant (37) beobachtet aus dem Küchenfenster, wie ihre Nanny Manuela Feldmann (22) auf dem Parkplatz vorfährt. Sie wartet, bis die junge Frau hereinkommt, streckt ihr einen Kaffee zur Begrüssung entgegen und bespricht mit ihr den Tag. Wenige Minuten später verlässt Patricia Deleurant das Haus und fährt Richtung Zürich an ihren Arbeitsplatz.

Zu dieser Zeit schlafen auf der anderen Seeseite in Meggen LU Caroline Studer (35) und Söhnchen Clemens (3) noch tief und fest. Zu ihnen kommt Nanny Manuela Feldmann erst in etwa zwei Stunden. Dann, wenn sie bei den Deleurants ein paar Haushaltsarbeiten verrichtet, Söhnchen Kylian (2) aufgenommen und mit ihm gefrühstückt hat. Ab 9 Uhr gibt es dann bei Familie Studer ein gemeinsames Tagesprogramm für die beiden Buben.

Nanny-Sharing nennt sich diese Form der Kleinkindbetreuung, die in unseren Nachbarländern seit Längerem verbreitet ist und nun auch in der Schweiz entdeckt wird. Erst während ihrer Schwangerschaft habe sie realisiert, erzählt die in Frankreich aufgewachsene Caroline Studer, «dass es in der Schweiz gar nicht so einfach ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen». Obwohl sie sich sofort um einen Krippenplatz bemühte, fand sie in der näheren Wohnumgebung keinen freien Betreuungsplatz. Der Zufall wollte es, dass ihre beste Freundin Patricia Deleurant ein paar Monate später ebenfalls schwanger wurde. Womit für Caroline Studer klar war: Sie würden sich zusammen eine Kinderfrau teilen.

Die Unabhängigkeit von einer Krippe macht vieles einfacher

Patricia Deleurant hatte nie zuvor von Nanny-Sharing gehört, bezeichnet es aber als das Beste, was ihr habe passieren können: «Dank Nanny-Sharing bin ich flexibel.» Wenn in Zürich mal eine Sitzung länger dauere oder sie auf dem Heimweg in einen Stau gerate, brauche sie sich nicht stressen zu lassen von starren Krippenzeiten. «Und auch wenn einer der Buben mal krank ist, wird er betreut, sodass wir trotzdem arbeiten können», sagt ihre Freundin Caroline.

Gegen 9 Uhr fährt Nanny Feldmann mit Kylian nach Meggen LU, wo sie von Caroline Studer (rechts) und Clemens (3) erwartet wird. Damit auch Caroline Studer arbeiten kann, hütet die Nanny die beiden Kleinen für den Rest des Tages hier.
Gegen 9 Uhr fährt Nanny Feldmann mit Kylian nach Meggen LU, wo sie von Caroline Studer (rechts) und Clemens (3) erwartet wird. Damit auch Caroline Studer arbeiten kann, hütet die Nanny die beiden Kleinen für den Rest des Tages hier.

In der Welt der Stars und Superreichen sind Kinder immer schon von Nannys betreut worden, den guten Hausgeistern, die Mami und Papi den Rücken freihalten, damit diese auf dem Filmset oder auf der Politbühne ungestört ihren Pflichten nachkommen und doch so oft wie möglich ihren Nachwuchs geniessen können. Normalverdienende konnten von einem solchen Service hierzulande bisher nur träumen. Dank Nanny-Sharing ist der Luxus plötzlich erschwinglich geworden: Weil sich zwei bis drei Familien gemeinsam eine Nanny teilen, sinken die Kosten für die Betreuung. Bereits für eine Familie mit zwei Kindern kann die private Betreuung sogar günstiger kommen als die Krippe.

Wir erhalten täglich mindestens fünf Anfragen. – 
Imma Pazos von der Agentur Mamiexpress in Zürich

Die Nachfrage ist dementsprechend gross. «Wir erhalten täglich mindestens fünf Anfragen», so Imma Pazos von der Agentur Mamiexpress in Zürich. Sie vermittelt Nannys. Trotz grossen Interesses ist es aber gar nicht so einfach, Familien zu finden, die als Sharing-Team funktionieren. Diese Erfahrung musste auch Edda Eckhard aus Zürich machen: «Leider ist aus der Suche nie etwas geworden», stellt sie bedauernd fest. «Wir haben in unserem Wohnblock ausgehängt und auch im Internet inseriert, aber keine Rückmeldungen erhalten, die ein faires Sharing ermöglicht hätte.» So hätten sich bloss Eltern gemeldet, die eher einen Notfalldienst suchten, um die Kinder sporadisch vorbeizubringen.

Die Bedürfnisse beider Familien unter einen Hut bringen

Tatsächlich muss vieles stimmen, damit ein Sharing-Team funktioniert: Die Familien sollten nicht allzu weit voneinander entfernt wohnen, ähnliche erzieherische Grundwerte haben, der Altersunterschied der Kinder sollte nicht mehr als drei Jahre betragen. «Wichtig für das Zustandekommen eines Sharing-Teams», so Sybille Furter vom Childcare Service Schweiz in Zürich, «ist die Flexibilität der Beteiligten.» Dieser Anspruch konkurriert aber mit dem Wunsch nach Flexibilität der Eltern.

Diese Erfahrung mussten auch Joy Winistörfer (37) und Michael Hürsch (48) machen, von Beruf Schauspielerin und Theaterregisseur, Eltern dreier Töchter. Als Joy Winistörfer von der Idee des Nanny-Sharings hörte, war sie Feuer und Flamme: «In unserem Haus wohnt auf jedem Stock eine Familie mit Kindern — da wäre es genial, gemeinsam eine Kinderfrau zu engagieren.» Sie musste aber schnell feststellen, dass die Bedürfnisse der verschiedenen Familien zu unterschiedlich waren: Die alleinerziehende Anwältin im Erdgeschoss brauchte Kinderbetreuung zu ganz anderen Zeiten als die Musikerfamilie im dritten Stock. «Während das Kind der einen Familie elf Jahre alt ist und Hilfe bei den Hausaufgaben braucht, ist unsere jüngste Tochter erst anderthalb Jahre alt und benötigt ständige Aufsicht», sagt Joy Winistörfer. «Ideal wäre es, wir könnten eine Nanny nur für unsere fünfköpfige Familie engagieren», meint Michael Hürsch. Aber eine Nanny nur für sich, liegt finanziell nicht drin.

Caroline Studer ist daher sehr froh, dass es bei ihnen von Anfang an so gut geklappt hat mit der gemeinsamen Kinderfrau. Mittlerweile ist es Mittag, und während sie in ihrem Home-Office in Meggen am Computer sitzt, kocht Nanny Manuela Feldmann in der Küche nebenan Pasta und wirft immer wieder ein Auge auf Kylian und Clemens, die auf dem Küchenboden spielen. Dann zieht Manuela den beiden den Esslatz an und bittet sie, Mami Caroline zu holen: Das Essen ist bereit.

Autor: Silvana Ceschi

Fotograf: René Ruis