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02. Dezember 2013

«Wir sollten lernen, einfach mal die Stille zu geniessen»

Buchautorin Tamar Venditti über Weihnachtsromantiker, Gewissensbisse und wie man dem Einkaufsgetümmel aus dem Weg gehen kann.

Tamar Venditti gibt Tipps für stressfreie Weihnachten.
Tamar Venditti gibt Tipps für stressfreie Weihnachten.

Tamar Venditti, als Mutter von fünf Kindern kennen Sie sich mit Vorweihnachtshektik aus. Welche Stressfallen bringt die Adventszeit mit sich?

Schwierig ist vor allem, dass der normale Alltag weiterläuft: Man hat Zahnarzttermine, die Kinder haben Prüfungen. Gleichzeitig hat man den Wunsch, die Adventszeit zu zelebrieren. Das bringt Stress.

Ist dieser Stress nicht vielfach das Resultat eines Drucks, den man sich selber auferlegt?

Manchmal ist der Stress schon etwas hausgemacht. Aber oft hat das mit dem Bedürfnis zu tun, die Adventszeit speziell zu feiern. Dafür will man am liebsten zehn Sorten Guetsli backen und das Haus aufwendig dekorieren. Dieser Perfektionismus löst Stress aus.

Also sind es vor allem die Perfektionisten, die sich vor Weihnachten hetzen?

Nicht nur. Es sind auch die Romantiker, die eine Sehnsucht haben, Guetslibacken als Event zu feiern oder den Tannenbaum schön zu schmücken. Die Adventszeit hat für viele von uns eine emotionale Bedeutung.

Hilft es, sich besonders früh vorzubereiten, also bereits im September alle Geschenke zu besorgen?

Bei Kindern halte ich das für sehr schwierig. Letztes Jahr habe ich meinem Vierjährigen, der ein Eisenbahnfan war, ein scheinbar perfektes Geschenk im September gekauft: einen Eisenbahntisch. Kurz vor Weihnachten wachte er eines Morgens auf und fühlte sich plötzlich als Ritter. Das sorgte dann für ein langes Gesicht bei der Bescherung.

Was halten Sie davon, sich den Konsummassen zu entziehen und Geschenke online einzukaufen?

Darauf schwöre ich. Für mich wäre es Horror, mich zwei Wochen vor Weihnachten ins Einkaufsgetümmel zu stürzen. Ich halte schon während des Jahres immer die Augen für Geschenke offen und kaufe dann im Internet ein. So kann man auch super Preise vergleichen.

Im Dezember kommen Klagen von allen Seiten. «Viel zu tun» wird zum Standardsatz.

Es hat sich schon etwas eingebürgert, dass man im Dezember per se Stress hat. Am besten hört man auf, sich mental auf den Stress zu fixieren. Man sollte sich fragen, ob man wirklich überall dabei sein muss. Vielleicht ist es manchmal schöner, sich daheim eine heisse Schoggi zu gönnen, statt sich auf dem Weihnachtsmarkt in die Massen zu stürzen.

Geht durch den Stress der Zauber der Weihnachtszeit verloren?

Auf jeden Fall. Das Gewühl in den Läden zerstört den Weihnachtszauber. Dabei lädt doch die dunkle Jahreszeit dazu ein, alles ein bisschen gemütlicher zu nehmen. Wir sollten lernen, einfach mal die Stille zu geniessen.

Müssen Eltern ihren Kindern wirklich jeden Weihnachtswunsch erfüllen?

Nein, Kinderwünsche sind endlos. Es ist wichtig, dass Kinder wünschen dürfen und auch mal ein grösseres Geschenk bekommen. Aber sie müssen auch lernen, dass der Wert des Beschenktwerdens nicht darin liegt, dass man 20 Päckli auspacken darf.

Haben sich die Wünsche Ihrer Kinder mit der Zeit verändert?

Erstaunlicherweise beobachte ich, dass viele Kinder heutzutage gar nicht mehr auf Materielles fixiert sind. Das höre ich von vielen Eltern: Die Kinder haben quasi schon alles, also wünschen sie sich eher ein Erlebnis, einen speziellen Ausflug.

Neben all dem Terminstress und Erwartungsdruck: Welche schönen Seiten hat die Adventszeit?

Sie hat einfach etwas Magisches. Meine Kinder zum Beispiel kommen immer gut aus dem Bett, weil sie ein Adventskalendertürchen aufmachen dürfen. Das Schöne hat in dieser Zeit viel mehr Raum. Einen Samichlausbesuch beispielsweise finde ich wahnsinnig romantisch – ein kleines Fest mitten im Alltag.

Ein Ehrenamt, ein zusätzlicher Familienbesuch im Dezember wird man oft mit Anfragen überhäuft, die man eigentlich lieber absagt. Haben Sie Tipps, wie man Nein sagt?

Wichtig ist, Prioritäten zu setzen. Ich habe früher selber immer zu allem Ja gesagt. Bis ich in mich gegangen bin und mich gefragt habe: Brauche ich das wirklich? Das ist immer ein Abwägen zwischen dem Bedürfnis, Gutes zu tun, und dem Bauchgefühl.

Sie schreiben von ständigen Gewissensbissen während der Weihnachtszeit. Man würde gerne spenden oder mehr Fair‑ tradeprodukte kaufen. Haben Sie da eine Lösung gefunden?

Das ist wohl ein Thema, das uns um die Festtage immer beschäftigt. Ich versuche, Dinge zu tun, die ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann, und beschenke auch mal Kinder, die es nicht so leicht haben. Aber mit dieser Diskrepanz zwischen dem Elend der Welt und dem rauschenden Weihnachtsfest müssen wir wahrscheinlich leben.

Als Ehefrau eines Primarlehrers wissen Sie, was die Vorweihnachtszeit für Lehrer bedeutet.

Für Lehrer ist diese Zeit insofern schwierig, als die Erwartungen nie ganz klar sind. Soll die Schule ein Krippenspiel veranstalten? Basteln? Die Eltern fragen sich indessen, ob der Lehrer ein Geschenk erwartet. Ich staune immer, wie mein Mann Ende Schuljahr mit Geschenken überhäuft nach Hause kommt. Und dann kommt natürlich noch die interreligiöse Diskussion dazu. In der Schule gibt es eine grosse Unsicherheit, wie man mit Weihnachten umgehen soll.

Warum kommt es in der Familie gerade rund um das «Fest der Liebe» vermehrt zu Streitigkeiten?

An Weihnachten sind immer hohe und vor allem unausgesprochene Erwartungen da. Besonders Kinder freuen sich wahnsinnig auf diesen Tag – da ist die kleinste Enttäuschung schwerwiegend. Eltern machen sich den Druck, dass sie ihren Kindern unvergessliche Weihnachtserinnerungen bescheren wollen – und sind dadurch reizbar. Zudem ist man an Weihnachten oft dazu verpflichtet, mit Leuten zu feiern, denen man sonst aus dem Weg gehen würde. An Weihnachten wird heile Welt erwartet, das sorgt für Spannungen.

Jedes Kind hat sein Weihnachtstrauma. Meines ist zum Beispiel, dass meine Mutter immer den krummsten Tannenbaum im Wald schneiden wollte, weil sie Mitleid hatte. Welches ist Ihres?

Als jüngstes von sieben Kindern war ich von Weihnachten immer verzaubert. Aber was meine Geschwister angeht: Das Vorspielen mit Instrumenten hat immer für Zündstoff gesorgt.

Und wie feiert man nun ein rundum gelungenes Fest?

Je weniger Perfektionismus, desto besser. Unser schönstes Weihnachtsessen war das, an dem jeder einen Gang bestimmen durfte. Es hat nichts zusammengepasst, aber alle haben es genossen. Man sollte auf Traditionen nicht zu festgefahren sein, dann wird es viel entspannter.

Sie schreiben in Ihrem Buch von der «postnatalen Depression». Was hat es damit auf sich?

Einen Monat lang war alles im Ausnahmezustand. Plötzlich ist Weihnachten vorbei, der Tannenbaum weg und das Januarloch da. Das ist immer ein hartes Aufwachen. Meine Kinder haben jeweils fast Entzugserscheinungen. Letztes Jahr musste ich bis Ende Februar «Jingle Bells» als Gutenachtlied singen. Meine Kinder wollten langsam Abschied nehmen.

Was kann man dagegen tun?

Ich versuche, mir zu sagen, dass der Winter noch lange dauert. Eine Kerze anzünden und das Heimelige zelebrieren kann man auch noch im Januar.

Tamar und Gianluca Venditti: «Füsse hoch! Vorweihnachtliche Familiensatire in 24 Episoden», Adonia, bei Ex Libris, Fr. 15.85

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Andreas Eggenberger