Archiv
16. November 2015

«Unser Planet ist krank – und wir sind schuld daran»

Robert Redford zählt zu den ganz Grossen unter den US- Schauspielern, sein Sundance-Filmfestival gilt als kreative Oase des Independent-Kinos. Der 79-jährige über seinen neuen Film «A Walk in the Woods», sein umweltpolitisches Engagement und seine Abenteuer in der Schweiz.

The Great Gatsby
Robert Redfort hat eine illustre Filmkarriere hinter sich. Mit Mia Farrow 1974: The Great Gatsby (Alle Bilder: Keystone)

Robert Redford, in Ihrem neuen Film «A Walk in the Woods» begeben Sie sich mit Nick Nolte auf eine Extremwanderung entlang der Appalachen.

Auf eine Art Vision-Quest, ja.

Eine Visionssuche, wie es die amerikanischen Indianer nennen. Kennen Sie diesen Drang, auf Abenteuerreise zu gehen?

Kämpfer für den Umweltschutz : Robert Redford.
Filmstar der alten Schule – und seit über 40 Jahren Kämpfer für den Umweltschutz: Robert Redford. (Bild: Getty Images)

Wie äussert sich dieser Drang bei Ihnen?

Als ich jung war, verspürte ich den Drang vor allem körperlich, zum Beispiel beim Klettern in den Bergen. Ich kletterte einfach drauflos, in unbekanntes Gebiet, ohne vorher gross darüber nachzudenken. Einige ­dieser ­Abenteuer waren grossartig, ich habe dabei viel über mich und die Welt gelernt. Die waren es wert, das Risiko einzugehen. Und andere nicht.

Welche waren es nicht?

Als ich 16 war bin ich mit meinem Bruder ausserhalb von Palm Springs auf den Berg San Jacinto geklettert. Wir haben es während des Sonnenuntergangs auf den Gipfel geschafft, wo noch Schnee lag. Plötzlich wurde es jedoch dunkel und kalt, der Schnee wurde zu Eis und sehr hart. Wir haben es am Ende beinahe nicht wieder ­hinuntergeschafft, und meine Mutter hat sich zu Tode geängstigt, denn sie hatte keine Ahnung, wo wir waren.

Das Abenteuer war Ihnen also wichtiger als die Angst Ihrer Mutter?

(lacht) Wenn ich den Impuls habe, Neues zu erforschen und zu entdecken, dann denke ich an nichts anderes. Das war schon immer so. Sie sind doch aus der Schweiz, oder? Ein grossartiges Land für solche Abenteuer, egal, ob zu Fuss oder auf Ski.

Ach?

Ich habe Ende der 60er-Jahre den Skifilm «Downhill Racer» in Wengen gedreht und bin seither oft dort gewesen. Ich kenne die Schweiz gut.

Welches Schweizer Abenteuer steht denn als Nächstes auf Ihrer Liste?

Sehen Sie, solche Dinge können nicht geplant werden. Ich bin generell überhaupt kein guter Planer. Ich fürchte mich vor den grossen Erwartungen, die dabei jeweils hochkommen. Wenn ich Pläne mache, kommt das nie gut. Deshalb versuche ich das gar nicht erst.

Sie sind also spontan?

Ich gehe einfach los und mache es.

Sie haben Ihre Mutter erwähnt. War sie diejenige, die Ihnen zu dieser Art Lebensstil geraten hat?

Es ist interessant, dass Sie das fragen. Meine Mutter hat tatsächlich immer gesagt, ­du kannst alles machen, was du dir ­vornimmst. Ich war da ja immer ein ­bisschen skeptisch. Ich dachte, es sei wohl ihre Mutterliebe, weshalb sie mich in einem so positiven Licht sah.

Und wann haben Sie angefangen, ihr zu glauben?

Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich ihr wirklich glaube …

Mutter brachte mir das Autofahren bei, als ich zehn Jahre alt war. Mit Gangschaltung!

Warum denn nicht?

Ich realisierte schon als Kind, dass meine Mutter eine Frau war, die das Risiko suchte. Sie brachte mir das Autofahren bei, als ich zehn Jahre alt war. Mit Gangschaltung! Mein Vater wusste nichts davon, bis ich 16 Jahre alt war.

Ihr Vater war ein viel konservativerer Mensch, oder?

Er war tatsächlich nicht sonderlich risikofreudig. Er war ein Briefträger und liess sich später zum Buchhalter umschulen. Das war seine Welt. Deshalb gab es zwischen meinen Eltern auch immer Spannungen.

Hat der frühe Kontakt mit Autos bei Ihnen die Leidenschaft dafür geweckt?

Schon möglich. Ich liebe die Geschwindigkeit, die Bewegung. Ich kann einfach nicht still sitzen. Von Los Angeles nach Utah fahre ich jeweils ohne Halt. Ich fahre am Morgen ab und bin zum Abendessen da.

Dann rasen Sie aber ganz schön.

Ja, aber darüber sollte ich wohl nicht zu viel sprechen ...

Die Liebe für Autos hat Sie auch mit Ihrem langjährigen guten Freund Paul Newman verbunden.

Unser gemeinsames Interesse galt den Rennautos. Ich wollte den Film «A Walk in the Woods» ursprünglich mit Paul machen. Wir haben uns vor über zehn Jahren das erste Mal darüber unterhalten. Aber das Wandern hätte Paul enorm gelangweilt.

Nach «Butch Cassidy and the Sundance Kid» (1969) und «The Sting» (1973) wäre das ihr dritter gemeinsamer Film gewesen. Weshalb klappte die Zusammenarbeit nicht?

Es gab verschiedene Gründe. Er war ja 14 Jahre älter als ich, und die physischen ­Anforderungen des Films wären für ihn ganz klar zu anstrengend gewesen. Er war immer sehr ehrlich. Ihm war sehr wohl ­bewusst, dass der Altersunterschied heute spürbarer ist, als er es in unserer Jugend war. Aber ich war schon sehr enttäuscht.

Die zwei Hauptfiguren begeben sich zur Selbstfindung in die Natur, da spürt man auch klare Sympathien für den Umweltschutz. Ein Thema, das Ihnen schon seit vielen Jahren am Herzen liegt.

Seit über 40 Jahren, um genau zu sein. Aber es ist eine Sisyphusarbeit, denn die Firmen mit dem grossen Geld schubsen dich nach jedem kleinen Erfolg immer wieder den ­Hügel hinunter. Unser Planet ist krank – und wir sind daran schuld. Das hat doch alles mit Geld und schnellem Profit zu tun. Langfristig zu denken, ist für diese Firmen, die unsere Meere und Flüsse verschmutzen, nicht interessant.

Als Schauspieler können Sie auf solche Missstände hinweisen. Die Leute hören zu, wenn Sie sprechen.

Ich habe lernen müssen, dass es für Schauspieler schwierig ist, politisch ­aktiv zu sein. Schon fast gefährlich. Das Publikum will nicht, dass wir Reden schwingen. Es will unterhalten werden. Unsere Filme liefern den Zuschauern eine Fantasiewelt, in die sie entfliehen können. Beziehen wir politisch Stellung, schwappt die Sympathie gern in Abneigung über.

Aber Schauspieler wie Arnold Schwarzenegger oder Clint Eastwood hatten doch erfolgreich politische Ämter inne.

Auf lokaler oder regionaler Ebene. Aber wir Schauspieler verdienen alle eine Unmenge Geld – das führt schnell zu Animositäten.

Frustriert es Sie, dass die Umwelt im amerikanischen Wahlkampf bisher überhaupt kein Thema zu sein scheint?

Für die Republikaner ist der Umweltschutz kein Thema. Die wollen nur Profit. Jeb Bush wird nie über Klimawandel reden und damit seine Partei verärgern. Hillary Clinton wird sich, so lange sie kann, in der Mitte bewegen. Im Gegensatz zu Bernie Sanders wird sie keine extreme Position einnehmen, denn damit kann sie keine Mehrheiten gewinnen.

Haben Sie je selber daran gedacht, in die Politik zu gehen?

Nein, das wäre eine Katastrophe.

Ich mag ich es nicht, Dinge sagen zu müssen, an die ich nicht glaube.

Warum?

Ich mag es nicht, wenn ich in eine Schublade gedrängt werde. Ich bin zu kritisch, zu unabhängig. Ausserdem mag ich es nicht, Dinge sagen zu müssen, an die ich nicht glaube.

Nach vielen Jahren, in denen Sie in erster Linie das Sundance Institut aufgebaut haben, scheinen Sie jetzt Ihre Leidenschaft für die Schauspielerei wiederentdeckt zu haben.

Ich hatte meine eigene Karriere etwas auf Eis gelegt. Mehr, als ich eigentlich wollte. Heute steht Sundance aber auf eigenen Beinen und braucht mich nicht mehr so sehr.

Mit dem Filminstitut und Festival haben Sie sich Ihre Zukunft als Schauspieler ­gesichert. J. C. Chandor, Ihr Regisseur bei «All is Lost» (2013), hat mit seinem ersten Film «Margin Call» (2011) am Sundance Festival auf sich aufmerksam gemacht.

Nach 30 Jahren kann ich endlich die Früchte ernten (lacht). Ich war sehr gerührt, dass J. C. mich wollte. Und der Film, in dem ich einen Mann allein auf einem sinkenden Boot spiele, hat mich auf unendliche Weise herausgefordert.

Wonach wählen Sie heute Ihre Rollen aus?

Ich suche nach neuen Erfahrungen.

Was war die Erfahrung, die Sie im Superhelden-Film «Captain America – The Winter Soldier» (2014) machen wollten?

Diese Marvel-Filme arbeiten mit der neusten Technologie und viel Spezialeffekten. Das war für mich neu und spannend. Ausserdem gaben sie mir die Chance, einen Bösewicht zu spielen.

Was halten Sie vom heutigen Hollywood mit seinen Fortsetzungen und Comic- Verfilmungen?

Ich denke nicht darüber nach. Ich analysiere Hollywood und die Filmlandschaft nicht.

Sundance ist doch aber als Kontrapunkt zur Multimillionen-Dollar-Filmindustrie gedacht – ein Ort, wo Studiofilme wie «A Walk in the Woods» gemacht werden ­können. Ist das heute einfacher als ­früher?

Es war immer schwierig. Dieser Film wurde für weniger als acht Millionen Dollar gedreht und existiert nur, weil er billig war. Die Studios interessieren sich heute nur noch für die grossen Filme, die Geld machen. Action-Blockbuster wie Tom Cruises «Mission Impossible»-Streifen. Die Filme, die mich interessieren, sind schwieriger zu finanzieren.

Und was ist für Sie als Schauspieler das letzte, unerforschte Territorium?

Sie meinen als Genre? Als ich jünger war, wollte ich Kostümfilme machen. Eine Rolle spielen, wo ich ein Schwert tragen kann, wie Robin Hood oder Sindbad.

Sie möchten einen Piraten spielen?

Dafür ist es heute wohl zu spät. Ich weiss nicht, ob ich einen Piraten noch glaubwürdig darstellen könnte.

Hören Sie doch auf Ihre Mutter: Sie können alles erreichen, was Sie sich ­vornehmen! Als Nächstes sehen wir Sie also als Pirat, ja?

(lacht) Mit Feder im Hut und Säbel am ­Gürtel! 


«A Walk in the Woods» startet am 19. November in den Schweizer Kinos.

Autor: Gabriela Tscharner Patao