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30. Dezember 2013

«Wir sind aus eigener Kraft gewachsen»

Gute Bilanz zum Jahresende: Migros-Chef Herbert Bolliger über den Umgang mit vertraulichen Informationen, den zunehmenden Druck in der Wirtschaftswelt, das solide Fundament der Migros-Gruppe und die wichtigsten Herausforderungen für die nächsten Jahre.

Migros-Chef Herbert Bolliger
Vor gut einem Monat feierte Herbert Bolliger seinen 60. Geburtstag. Der Migros-Chef hält sich mit Sport fit, die Wochenenden gehören seiner Familie.

Herbert Bolliger, was hat Sie im abgelaufenen Jahr am meisten beschäftigt?

Die Bilder von verzweifelten Menschen und Verwüstungen nach dem verheerenden Taifun auf den Philippinen haben mich sehr betroffen gemacht.

Sie haben dann rasch entschieden, eine Million Franken zu spenden. Ist es üblich, dass die Migros auch bei Katastrophen im Ausland Hilfe leistet?

Es liegt in der sozialen Verantwortung der Migros, dort zu helfen, wo die Not am grössten ist. Ob im In- oder Ausland, spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist einzig, dass die Hilfe bei den Notleidenden auch ankommt. Deshalb spenden wir jeweils über die Glückskette.

Auf politischer Ebene hat die Affäre um die amerikanische National Security Agency (NSA) für weltweite Erschütterung gesorgt. Hat Sie überrascht, in welchem Ausmass der amerikanische und britische Geheimdienst Telefone und das Internet ausspionieren?

Nein, das hat mich überhaupt nicht überrascht. Seit den Terroranschlägen von 9/11 glauben die Staaten, dass sie zu wenig wissen. Zudem ist heutzutage technisch fast alles möglich. Das führt dazu, dass alles Mögliche auch tatsächlich gemacht wird und Menschen sich Zugang zu Informationen verschaffen, die nicht für sie bestimmt wären. Das provoziert natürlich einen erheblichen Vertrauensverlust.

Haben Sie daraus für die Migros Konsequenzen im Umgang mit vertraulichen Informationen gezogen?

Vertrauliche Kundendaten werden von der Migros stets vertraulich behandelt. Deshalb haben wir für das Cumulus-Programm vor Jahren schon das sogenannte Good-Privacy-Gütesiegel erhalten. Es besagt unter anderem, dass wir die gesetzlichen Vorgaben zum Datenschutz und zur Informationssicherheit einhalten. Zudem werden vertrauliche Dokumente in der Migros immer gekennzeichnet. Damit ist für alle unmissverständlich deklariert, für wen die Informationen bestimmt sind. Wenn sich jemand nicht daran halten sollte, hat das Folgen.

Migros-Chef Herbert Bolliger im Gespräch.
«Ich werde Nein stimmen»: Herbert Bolliger lehnt die Volksinitiative gegen die Masseneinwanderung ab.

Was hat Sie 2013 besonders gefreut?

Für unser konsequentes soziales, ökologisches und kulturelles Engagement wurden wir von einer hochkarätigen Jury erneut zum weltweit verantwortungsvollsten Händler gekürt. Eine solche Auszeichnung motiviert uns, mit aller Kraft an der Umsetzung unserer Versprechen an die Generation M – also an die Generation von morgen – zu arbeiten. Gefreut hat mich auch die Sondermarke, welche die Post zum 125. Geburtstag von Gottlieb Duttweiler herausgegeben hat. Uns hat dieses Jubiläum dazu bewogen, allen 87'000 Mitarbeitenden der Migros-Gruppe einen Gutschein von 125 Franken zu schenken.

Geburtstag ist das Stichwort. Vor rund einem Monat feierten Sie Ihren 60. Geburtstag.

Mit Ausnahme von ein paar Überraschungsgästen war es ein Geburtstag wie jeder andere auch.

Gab es keine rauschende Party?

Grosse Feste, bei denen ich im Mittelpunkt stehe, liegen mir nicht. Und ich fühle mich auch nicht anders als vor zwei Monaten.

Sie sind aber der Pensionierung wieder ein Stück nähergerückt.

In der Migros wird man mit 64 Jahren pensioniert. Deshalb mache ich mir darüber noch keine Gedanken. Ich bin voll eingespannt ins Geschäft und freue mich auf viele weitere Herausforderungen bei der Migros.

Wünschen Sie sich nach über 30 Jahren Berufsleben nicht endlich mehr Freizeit und Ruhe?

Nein, denn ich habe schon immer darauf geachtet, dass ich genügend Zeit für die Familie, für Sport und Hobbys habe.

Sie sind nie gestresst?

Natürlich gibt es immer wieder sehr hektische Zeiten und belastende Momente. Umso wichtiger sind die Erholungsphasen. Deshalb ist Sport fix in meiner Agenda drin, und die Wochenenden halte ich für meine Familie frei.

Sie mussten einen neuen Marketingchef suchen, weil Oskar Sager nach fünf Jahren bei der Migros einen Herzinfarkt erlitten hatte. Hat er zu wenig Sport getrieben?

Oskar Sager lebt gesund und ist sehr sportlich. Wir alle haben aber auch unsere genetischen Prädispositionen. Wichtig ist, dass er diesen Warnschuss ernst genommen hat. Ich freue mich, dass wir intern mit Hansueli Siber einen ausgezeichneten Nachfolger gefunden haben. Er wird für Kontinuität sorgen und den erfolgreichen Kurs von Oskar Sager weiterführen.

Hat Ihrer Meinung nach die Hektik in den vergangenen Jahren zugenommen?

Der Druck hat sicher zugenommen, weil sich die Rahmenbedingungen radikal verändert haben. Informationen sind heute global und permanent für jeden verfügbar. Alle haben das Gefühl, sie müssten ständig online sein, und die Konsumenten sind viel selbstbewusster geworden. In den letzten Jahren haben sich mit den Harddiscountern in der Schweiz neue Konkurrenten etabliert, der starke Franken hat den Einkaufstourismus auf Rekordhöhe getrieben. Wirtschaftskrise, Bankenkrise und Schuldenkrise sind omnipräsent. Das alles führt dazu, dass wir agiler sein, viel schneller entscheiden und trotzdem Ruhe bewahren müssen.

Wie schlägt sich die Migros in diesem anspruchsvollen Umfeld?

Wir haben offenbar schon früh die richtigen strategischen Weichen gestellt. Das zeigt sich an den guten Zahlen der vergangenen Jahre. Auch 2013 sind wir wieder aus eigener Kraft gewachsen, haben die Kosten unter Kontrolle und verzeichnen einen schönen Gewinn. Die ganze Migros-Gruppe steht auf einem soliden Fundament.

Wir haben sehr früh die richtigen Weichen gestellt.

Welches waren die wichtigsten strategischen Pflöcke, die Sie eingeschlagen haben?

Wir haben erneut die Effizienz verbessert, also überall dort, wo sich für die Kunden keine Nachteile ergeben, die Prozesse schneller und schlanker gestaltet. Mit den eingesparten Kosten haben wir konsequent unsere Preis-Leistungs-Führerschaft ausgebaut.

Das tönt technokratisch.

Einerseits haben wir die Preise von über 6000 Produkten dauerhaft gesenkt, andererseits Mehrwerte für die Konsumenten geschaffen.

Was sind das für Mehrwerte?

Wir haben zahlreiche neue Produkte entwickelt, das Bio-Sortiment stark ausgebaut und arbeiten ständig an der Verbesserung der ökologischen und sozialen Bedingungen bei der Produktion von Lebensmitteln und anderen Waren. So haben wir beispielsweise als weltweit erster Händler Dosen mit Thunfisch im Angebot, der mit der Angelrute gefangen wurde. Jetzt können wir auch Büchsenthon mit gutem Gewissen essen. Dann haben wir anspruchsvolle Programme für das Tierwohl verabschiedet, die wir jetzt umsetzen. Dieses Zusammenspiel von stetigen Qualitätsverbesserungen, mehr Komfort und Service sowie Preissenkungen führt dazu, dass unsere Kunden mehr fürs Geld bekommen und von einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis profitieren.

Sie sind nicht nur der oberste Chef der Migros. Die Gruppe besteht aus über 200 Firmen. Welche bereitet Ihnen am meisten Sorgen?

Die Reisebranche ist hochkompetitiv und leider immer wieder von Naturkatastrophen sowie politischen Unruhen betroffen. Deshalb ist das Geschäft für Hotelplan schwieriger geworden. Dank rigoroser Restrukturierungsmassnahmen stehen Hotelplan Schweiz und England heute wieder sehr gut da. Bei Hotelplan Italien sind die Massnahmen umgesetzt, und Interhome ist stabil aufgestellt. Aber das Reisegeschäft bleibt volatil.

Interio ist ebenfalls ein Turnaroundkandidat.

Die Läden sehen jetzt wieder nach Interio aus! Es macht wieder richtig Freude, dort einzukaufen. Das merken auch die Kundinnen und Kunden, denn die Umsätze der letzten Monate sind besser. Ich bin zuversichtlich, dass es uns in Zukunft gelingen wird, auch mit Interio wieder Marktanteile zu gewinnen.

Wir prüfen jede Akquisition sehr sorgfältig.

Mit der Übernahme von Schild haben Sie im mittleren und gehobenen Bekleidungssegment Marktanteile dazu gekauft. Wie viel hat die Migros dafür bezahlt?

Über den Kaufpreis haben wir Stillschweigen vereinbart. Ich kann nur bestätigen, dass wir in der Migros jede Akquisition sehr sorgfältig prüfen und stets vernünftige Preise bezahlen. Deshalb ist es auch schon vorgekommen, dass wir ein Unternehmen zwar gern gekauft hätten, aber der Preis zu hoch war. Schild haben wir übrigens gekauft, weil dieses gut geführte Unternehmen als strategische Ergänzung ideal zu Globus passt, der sich ebenfalls erfreulich weiterentwickelt.

Sie haben gesagt, dass Sie sich auf viele weitere Herausforderungen freuen. Welche sind die grössten fürs kommende Jahr?

Unser strategisches Ziel ist es, das Online-Geschäft weiter zu forcieren und den Abstand zu den Mitbewerbern als Nummer eins zu vergrössern. Dafür haben wir mit LeShop.ch das führende Portal für Lebensmittel; mit Melectronics, Digitec und Ex Libris sind wir im Unterhaltungs- und Elektronikbereich sehr stark, und jetzt werden wir mit Power das Online-Warenhaus Galaxus ausbauen. Offensiver werden wir übrigens auch die Auslandstrategie der Migros-Eigenindustrie angehen. Wir haben hochstehende Qualitätsprodukte, die auch im Ausland geschätzt werden.

Sie wollen mit dem typisch schweizerischen Unternehmen verstärkt im Ausland aktiv sein, während ein Teil der Schweizer Bevölkerung sich wieder vermehrt einigeln möchte. Im Februar stimmen wir über die sogenannte Masseneinwanderungs-Initiative ab. Sie will die Zuwanderung in der Schweiz einschränken und das Abkommen mit der EU zur Personenfreizügigkeit neu verhandeln lassen. Wie werden Sie stimmen?

Selbstverständlich werde ich Nein stimmen, denn der Wohlstand in der Schweiz hängt stark von unserem Verhältnis zur EU ab. Wir sind auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Unsere Sozialversicherungen etwa könnten wir ohne den jungen Nachwuchs aus dem Ausland irgendwann gar nicht mehr finanzieren, da das Verhältnis zwischen AHV-Bezügern und arbeitender Bevölkerung in totale Schieflage geraten würde. Ich unterstütze den pragmatischen Weg des Bundesrats. Seine massvolle Politik wird unserer humanitären Tradition und unserer volkswirtschaftlichen Verantwortung gerecht.

Haben Sie denn kein Verständnis für die Initianten, die das Gefühl haben, es werde hierzulande überall zu eng?

Ich bin ja nicht für eine schrankenlose Einwanderung. Dafür ist niemand. Und unser politisches System sorgt auch dafür, dass das sicher niemals der Fall sein wird.

Wie viele Mitarbeitende aus dem Ausland beschäftigt die Migros?

Ich kenne den prozentualen Anteil nicht, weiss aber, dass sie aus insgesamt über 120 unterschiedlichen Nationen stammen. Sie alle arbeiten friedlich miteinander. Ohne sie würde die Migros «grounden». Bei dieser Gelegenheit möchte ich allen über 87'000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unserer Gruppe für ihr grosses Engagement, den Kundinnen und Kunden und den Genossenschafterinnen und Genossenschaftern für ihre Treue der Migros gegenüber herzlich danken. Ihnen allen wünsche ich fürs kommende Jahr alles erdenklich Gute!