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10. Dezember 2012

«Wir selbst sind unsere grössten Kritiker»

Nach einer langen, komplizierten Odyssee kommt am 13. Dezember der erste Teil der «Hobbit»-Trilogie in die Kinos. Drehbuchautorin und Ko-Produzentin Philippa Boyens über Veränderungen gegenüber der Buchvorlage, puristische Fans und das Drehbuchschreiben zu dritt.

Drehbuchschreiberin und Co-Produzentin Philippa Boyens.
Drehbuchschreiberin und Co-Produzentin Philippa Boyens. (Bild. WireImage/Mark Tantrum)
Ein starkes Trio: Philippa Boyens (Mitte) mit Regisseur Peter Jackson und Co-Drehbuchschreiberin Fran Walsh bei der Oskarverleihung. (Bild: AP Photo/Mark J. Terrill)
Ein starkes Trio: Philippa Boyens (Mitte) mit Regisseur Peter Jackson und Co-Drehbuchschreiberin Fran Walsh bei der Oskarverleihung. (Bild: AP Photo/Mark J. Terrill)

Philippa Boyens, wie war das, so viele Jahre nach «The Lord of the Rings» für den «Hobbit» wieder nach Mittelerde zurückzukehren? Zwischenzeitlich sah es ja so aus, wie wenn es dazu nicht mehr kommen würde angesichts all der Schwierigkeiten, die sich auftürmten.
Es waren wirklich sehr viele Schwierigkeiten, die überwunden werden mussten. Und ganz ehrlich: Ich habe eigentlich nicht erwartet, dass wir den «Hobbit» machen würden. Als Drehbuchautor hat man immer so viele Geschichten im Kopf, die man gerne verfilmen würde. Nach dem Abschluss von «Rings» hatten wir alle das Gefühl, das wars jetzt: Wir waren in Mittelerde, wir überlassen diese Welt jetzt anderen Leuten. Aber, ich muss sagen, als der «Hobbit» dann nach dem Hin und Her um die Rechte und anderen Querelen doch wieder bei uns landete, fühlte es sich grossartig an. Es war wie die Rückkehr zu einem Ort, wo man lange nicht mehr war und plötzlich realisiert, wie sehr man ihn immer geliebt hat. Wir hatten und haben viel Spass mit den Filmen.
Wenn man sich die Trailer ansieht, scheint der Film deutlich mehr zu sein als die visuelle Umsetzung eines Kinderbuchs. Es wirkt eher wie eine epische Vorgeschichte zu «Lord of the Rings». War das die Idee?
Das war so nicht unbedingt beabsichtigt. Aber wir haben «Rings» zuerst gemacht, in einem gewissen Stil und mit einer bestimmten Atmosphäre, das hat uns natürlich beeinflusst. Und wenn man sich die Buchvorlage des «Hobbit» genauer ansieht, finden sich dort durchaus auch dunkle und gefährliche Aspekte. Es war uns aber dennoch wichtig, die Kinderbuchelemente ebenfalls im Film zu haben. Insbesondere am Anfang der Geschichte gibt es also auch viel Humor. Im späteren Verlauf entwickelt sich der Tonfall dann eher Richtung «Rings».
Sie haben ja die «Hobbit»-Buchvorlage mit einigem aus den Anhängen der «Rings»-Bücher ergänzt. Sind die Zusatzelemente letztlich alle von Tolkien, oder haben Sie auch eigene Storyelemente eingebracht?
Wenn man ein derart kompaktes Buch adaptiert, muss man immer ein paar Elemente verändern, um einen guten Film daraus zu machen. Aber natürlich müssen diese Veränderungen im Geist der Originalstory sein und dazu beitragen, dass sie als Film besser funktionieren. Zum Beispiel haben wir im zweiten Film eine Wald-Elbin hinzugefügt, gespielt von Evangeline Lilly. Das taten wir, um die ansonsten rein maskuline Energie der Geschichte ein bisschen abzudämpfen. Der Film profitiert von der Präsenz einer weiblichen Figur. Als wir einige Szenen des «Hobbit» an der Fanmesse ComicCon in San Diego präsentierten, meldete sich eine junge Frau in der Fragerunde. Sie erklärte uns, dass sie den «Hobbit» immer geliebt habe, aber weil es keine weiblichen Charaktere in der Geschichte gebe, habe sie sich ihre eigenen kreiert, sie habe sich also Gandalf als Frau vorgestellt. Sie suchte einfach eine Figur, mit der sie sich als Mädchen identifizieren konnte.
Führen solche Änderungen bei Fans des Buchs nicht zu Irritationen?
Tolkien hat einige der fanatischsten Fans, die man sich vorstellen kann. Aber meine Erfahrung ist, dass sie solche Anpassungen verzeihen, solange es dem Geist des Originals entspricht. Sie verstehen in der Regel, dass es sich um eine Adaption handelt, eine mögliche Version der Geschichte. Das Buch wird dadurch nicht beeinträchtigt. Es wird immer bleiben, was es ist: zeitlos. Viele sind auch neugierig zu sehen, wie wir das anpacken und freuen sich über unsere Art, die Geschichte zu erzählen. Natürlich gibt es auch die anderen.
Es gab ja bereits einige Klagen, dass die Zwerge im Film viel zu attraktiv aussehen. Und einige Tolkienpuristen finden es eine ganz schlechte Idee, dass Charaktere wie Frodo, Saruman oder Galadriel vorkommen, von denen im Buch keine Rede ist. Fragen Sie sich nicht manchmal, ob Sie der Story wirklich noch gerecht werden mit all diesen Veränderungen?
Nein, ich glaube, man muss bei Filmadaptionen unerschrocken sein. Ich kann verstehen, wenn einige Tolkienfans nicht glücklich sind damit, und ich respektiere das auch. Aber man macht solche Filme nicht nur für die Puristen, und vermutlich kann man die ohnehin niemals wirklich richtig zufriedenstellen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen gemein, aber es ist nun mal so: Es kämen dabei auch schreckliche Filme heraus. Filme funktionieren einfach anders als Bücher. Deshalb muss man Veränderungen vornehmen, und das mit einer gewissen Kühnheit. Nur so kommt etwas Gutes dabei heraus.
Sie haben ja die Drehbücher jeweils zusammen mit Regisseur Peter Jackson und seiner Lebenspartnerin Fran Walsh verfasst. Wie ist das, wenn man so was zu dritt macht: Fokussiert da jeder auf einen Teil der Story, und dann setzt man es am Ende zusammen?
Nein, wir machen das wirklich zusammen, jedes Element der Geschichte wird zu dritt angesehen, diskutiert – auch wenn es vielleicht Teile gibt, für die der eine oder die andere stärkere Affinitäten hat. Revisionen während des Drehs machen in der Regel Fran und ich, aber Peter hält uns immer auf dem Laufenden, falls es Komplikationen gibt.
Was, wenn Sie sich mal uneinig sind? Hat dann Peter Jackson als Regisseur das letzte Wort?
(lacht) Manchmal. Am Ende ist er es, der den Film dreht, das müssen wir natürlich respektieren. Aber er ist wirklich sehr kollaborativ orientiert in diesen Dingen. Entscheidend bleibt: Eine gute Idee ist eine gute Idee, egal, wer sie hat. Und wir alle erkennen sie, wenn sie plötzlich da ist. Falls einer von uns dreien auch nach längerer Diskussion mal anderer Ansicht ist, dann heisst es meist: Okay, ich zweifle zwar noch immer, aber ich vertraue euch, versuchen wirs so.
Sie waren ja schon in jungen Jahren ein grosser Fan von Tolkiens Büchern. Was hat Sie derart angezogen?
Ich war als Kind ein echter Bücherwurm, das habe ich von meinen Eltern mitbekommen. Und es gab für mich nichts Schöneres, als in anderen Welten zu verschwinden. Tolkiens Geschichten waren dafür ideal, weil er seine Welt mit so vielen Details entwarf, dass sie geradezu real wirkte. Das machte es leicht, sich darin fallen zu lassen. Ähnlich ging es mir auch mit den Büchern von Ursula Le Guin. In meinen Teenagerjahren habe ich viele, viele Stunden in Mittelerde quasi gelebt.
Die Atmosphäre auf dem Filmset der «Rings»-Filme war ja wohl sehr vertraut und familiär, wie alle Schauspieler damals immer wieder betonten. War das diesmal beim «Hobbit» genauso?
Ja, tatsächlich. Das liegt auch an der Art, wie Peter seine Filmsets führt. Ich habe diese Vertrautheit eigentlich immer erlebt, auch bei «King Kong» oder «The Lovely Bones». Vielleicht liegt das auch daran, dass Peter in seiner Art und seinem Aussehen einem Hobbit so ähnlich ist: freundlich, gemütlich, harmonisch. Aber ich habe beim aktuellen Dreh realisiert, dass er auch einiges von einem Zwerg in sich hat mit seinem Sinn für Humor und Kampfszenen. So hat er sich mit den Zwergen und dem neuen Bilbo-Darsteller Martin Freeman rasch sehr wohlgefühlt. Und an seiner tiefen Zuneigung für Gandalf, gespielt von Sir Ian McKellen, hat sich in all den Jahren nichts geändert.
Die «Lord of the Rings»-Trilogie war extrem erfolgreich beim Publikum und den Kritikern, entsprechend hoch sind nun die Erwartungen für die «Hobbit»-Filme. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?
Man versucht, sich davon nicht verrückt machen zu lassen, auch wenn solche Fragen einem natürlich im Hinterkopf herumspuken. Wir selbst sind unsere grössten Kritiker: Wir feilen an jeder Szene, bis sie funktioniert, und vertrauen darauf, dass das Ergebnis am Ende auch beim Publikum ankommt. Aber wir gingen an die «Hobbit»-Filme nicht ran mit der Idee, den Erfolg der «Rings»-Trilogie zu wiederholen – wir wollen einfach gute Filme machen.