Archiv
21. September 2015

«Wir Schweizer verändern Abu Dhabi nicht. Aber Abu Dhabi verändert uns»

Als Kommerzchef bei Etihad Airways verantwortet Peter Baumgartner in Abu Dhabi die Verkaufs- und Marketingaktivitäten einer der am schnellsten wachsenden Fluggesellschaften der Welt. Obwohl erst 45 Jahre alt, ist der Zürcher Chef von 4500 Angestellten und ein Zeitzeuge, erlebte er doch Abu Dhabi noch als schlafende Grossstadt, die Fluggesellschaft als Start-up-Unternehmen.

Peter Baumgartner, Etihad-Manager
Peter Baumgartner: «Als Ausländer ist es nicht so einfach, an die lokale Bevölkerung heranzukommen. Auch wenn man gegenseitig herzlich im Umgang ist: Es sind halt doch zwei Welten.»
Peter Baumgartner
Peter Baumgartner: Früher bestand meine Umgebung, wo ich wohne, mehr oder weniger aus Sand. Mittlerweile ist sie schon sehr bebaut.» «

Peter Baumgartner, nach Engagements bei Swissair und Swiss starteten Sie im April 2005 Ihre Karriere bei Etihad Airways. Nun arbeiten Sie schon seit über zehn Jahren am Hauptsitz in Abu Dhabi. Das ist in dieser Branche ungewöhnlich.
Ich habe mich immer geweigert, ein zeitliches Ziel zu setzen, und habe jedes zusätzliche Jahr, das ich bleibe, als Geschenk betrachtet. Anfangs wusste ich nicht, ob mein Einsatz 1 oder 2 Jahre dauern würde. Ehrlich gesagt, gibt es nicht viele Ausländer, die hier während 5 Jahren am gleichen Ort arbeiten. Und 10 Jahre, wie bei mir, sind eine Ausnahme – auch im europäischen Umfeld und gerade in meiner jetzigen Position. Mit Druck und Veränderungen umgehen zu können hilft sicher.
Der Arbeitsalltag für einen Topmanager am Golf ist nicht einfach.
Nein. Tatsächlich waren viele fähige Leute mit grosser Erfahrung nicht erfolgreich in Abu Dhabi. Der Druck ist enorm. Ein normaler Tag beginnt um 7.30 Uhr und endet selten vor 21 Uhr. Die einheimischen Geldgeber investieren. Sie haben aber auch hohe Erwartungen. Wenn jemand seinen Job nicht erfüllen kann oder will, wartet jemand anders darauf, eine Chance zu erhalten.
Wie geht man mit den Emirati um?
Respektvoll. Araber selbst sind sehr respektvolle Menschen. Zuerst sollte man sich zurücknehmen und beobachten, wie die Dinge im Alltag funktionieren. Fehl am Platz sind Arroganz und Sturheit. Das kommt nicht gut an. Wir Schweizer verändern Abu Dhabi nicht. Aber Abu Dhabi verändert uns.
In Europa ist die Angst vor Islam und Fundamentalismus sehr gross. Wie erleben Sie das am Arabischen Golf?
Die Emirate sind ein weltoffenes, tolerantes und stabiles Land. In mancher Hinsicht sind sie wie die Schweiz des Mittleren Ostens in Bezug auf ihre vermittelnde und tragende Rolle für die Region. Ich fühle mich hier sehr sicher und willkommen.

Wie erleben Sie den Alltag?
Als Ausländer ist es nicht so einfach, an die lokale Bevölkerung heranzukommen. Auch wenn man gegenseitig herzlich im Umgang ist: Es sind halt doch zwei Welten. Erst wenn man länger in den Emiraten wohnt, hat man die Chance, Einheimische zum Freundeskreis zu zählen.
Wie war das damals vor gut zehn Jahren, als Sie in Abu Dhabi starteten?
Wir waren ein Start-up-Unternehmen mit zwei, drei «Flügerli» und einer Handvoll Angestellten. Mein Büro befand sich in einer Baubaracke. Nach der Arbeit musste ich abends jeweils den Sand aus meinen Schuhen schütteln. Um all das zu erleben, was hier passiert ist, braucht man in Europa drei Airlinekarrieren. Heute haben wir insgesamt 25’000 Mitarbeitende, 119 Flugzeuge und ebenso viele Reiseziele. Für die nächsten zehn Jahre befinden sich 200 weitere Flugzeuge auf der Bestellliste. Ich war im richtigen Moment am richtigen Ort und hatte Glück.
Wie das?
Ich wurde für die Entwicklung einer Kundenbindungsstrategie inklusive Vielfliegerprogramm zu Etihad geholt, weil ich in meiner beruflichen Vergangenheit viel Erfahrung mit Loyalitäts- und CRM-Strategien gesammelt hatte, unter anderem mit dem Swiss Travel Club. Zu jener Zeit war die Swiss Teil der Oneworld-Allianz. Als ein Kollege von British Airways zu Etihad wechselte, sagte er mir: «Peter, du musst mal vorbeikommen. Es ist unglaublich, was hier abgeht, und wir brauchen dich.»
Sie bekamen also von Ihrem Gegenüber bei British Airways einen Tipp?
Ja, wobei ich nach der Swiss zuerst für ein Beratungsunternehmen arbeitete. Es waren spannende Projekte. Und ich war typisch schweizerisch und suchte soziale Sicherheit, wollte wissen, was kommt, und mich absichern.
Und weshalb haben Sie sich anders entschieden?
Ich habe quasi in einer Nacht-und-Nebel-Aktion meine damalige Freundin und heutige Frau geheiratet. Sue und ich wollten das Abenteuer Arabien gemeinsam angehen, weil wir es auch als Chance sahen. Ich kenne sie von meiner Swissair-Zeit. Sie war die damalige Assistentin meines ersten Chefs bei der Swissair. Heute arbeitet Sue mit einer eigenen Firma im Event- und PR-Bereich, ebenfalls in Abu Dhabi.
Darwin Airline, die unter der Marke Etihad Regional Regionalflüge durchführt, hat einige Strecken gestrichen und 60 Mitarbeitende entlassen. Wieso?
Swiss hat enorm aggressiv auf Darwins Expansionspläne reagiert. Das hat Darwin bewogen, das Geschäftsmodell anzupassen, um sich nicht einem aussichtslosen Konkurrenzkampf auszuliefern. Deshalb mussten sie den Plan B aktivieren. Unser Bekenntnis zu Darwin bleibt aber ungebrochen und als Vize-Verwaltungsratspräsident setze ich mich persönlich für dieses Unternehmen ein. Wir helfen, die Firma auf eine solide Basis für die Zukunft zu führen.
Zurück zu Abu Dhabi: Wo am Golf wohnen Sie?
Ich lebe zwischen dem Stadtzentrum und dem Flughafen, dort, wo Abu Dhabi sich ausbreitet. Früher bestand meine Umgebung mehr oder weniger aus Sand. Mittlerweile ist sie schon sehr bebaut. Das gilt für die ganze Stadt: Vor zehn Jahren konnte man das Angebot an Hotels noch an zwei Händen abzählen. Dass es eine Sandinsel wie Saadiyat gibt, die man einst nur mit dem Boot erreichen konnte, wusste ich gar nicht. Heute entstehen dort Hotels, Villen, Appartements, eine Marina sowie ein Kulturbezirk mit einem Guggenheim-Museum, dem Louvre Abu Dhabi und dem Nationalmuseum.
Das ist ja noch nicht alles, oder?
Ja, vorher schon wurden auf einer einzigen Insel innerhalb von wenigen Jahren eine Formel-1-Rennstrecke, der Themenpark Ferrari World, mehrere Hotels inklusive das Yas Viceroy Hotel, durch das die Rennstrecke führt, ein Einkaufszentrum, Golfplätze und ein Wasserpark erstellt, während man sich in derselben Zeit in der Zürcher Gemeinde, wo ich noch immer eine Wohnung habe, nicht über einen Kreisel einigen konnte …
Worin besteht der Unterschied zwischen Abu Dhabi und Dubai?
Trotz grosser Investitionen und einer raschen Entwicklung ist unsere Stadt mit den fast 200 Inseln viel traditioneller in ihren Werten und darin, wie die angestammte Kultur gelebt wird. Unsere Stadt mit den fast 200 Inseln gibt sich traditioneller. In Dubai beispielsweise kann man an einigen Orten mit Flipflops zum Nachtessen gehen. Das wäre hier ein Fauxpas, weil man sich anständig und respektvoll kleidet. Dieser Respekt für die Tradition gilt sicher auch für Dubai. Doch verdrängt der Ruf der Stadt als globales Handelszentrum die historische und kulturelle Identität. Und Dubai ist heute sicher viel grösser und hektischer als die Hauptstadt der Emirate.
Wie haben sich die Preise vor Ort entwickelt?
Abu Dhabi ist in den letzten zehn Jahren viel teurer geworden. Aber gemessen an der Qualität sind die Preise noch immer deutlich günstiger als in der Schweiz. Wenn man richtig gut essen gehen möchte, bezahlt man hier 25 bis 30 Prozent weniger als in der Schweiz. Vor zehn Jahren betrug der Preisunterschied noch 50 bis 60 Prozent.
Mit Ihrem Pensum bleibt Ihnen nicht viel Freizeit. Wie verbringen Sie diese?
Wie schon in der Schweiz, bin ich ein passionierter Musiker und nehme dazu gern meine Gitarre in die Hand. Anfang Jahr habe ich mit einer Weltklasseband mit Musikern von Paul Simon und Marc Sway die CD «Peter Baumgartner & Friends – The Zurich Sessions» herausgegeben, für die ich als Sänger und Gitarrist Lieder geschrieben habe. Diese habe ich letztes Jahr während der Weihnachtsferien in Zürich aufgenommen. Inzwischen haben wir schon über 60’000 Facebook-Fans, und das Album sowie die Singles verkaufen sich über iTunes und Amazon erstaunlich gut.
Sie zeichnen ein insgesamt positives Bild von der Region. Was vermissen Sie von der Schweiz?
Erst wenn man nicht mehr in der Schweiz lebt, realisiert man, wie wunderschön dieses Land ist. Während meiner wenigen Besuche in Zürich schätze ich den See oder einen Spaziergang auf den Üetliberg. Von dort hinunterzuschlitteln ist unschlagbar. Kein Gold oder Marmor kann das wettmachen. Die Touristen, die Abu Dhabi besuchen, sind begeistert von den Hotels oder den Flugzeugen. Für mich ist Luxus die Lebensqualität, die wir in der Schweiz haben, die es gratis zum Alltag gibt. In Arabien muss man zum Skifahren in der Halle Eintritt zahlen. Es ist alles künstlicher und virtuell, nicht natürlich. Deshalb bin ich froh, dass ich im Zürcher Unterland noch immer ein «Wönigli» besitze. Sie wird der Ort sein, wo ich mich früher oder später wieder niederlasse. Verstehen Sie mich nicht falsch: Mir ist Abu Dhabi enorm ans Herz gewachsen. Aber wo die Wurzeln sind, vergisst man nie. Ich war noch nie so heimatverbunden wie in den letzten Jahren.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Reto Wild