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17. Juni 2013

Wir nannten ihn Humphrey

«In allen acht Ecken», kritzelten wir in die Poesiealben anderer, «soll Liebe drin stecken»; und zwar in jede Ecke der Doppelseite, in deren Mitte meist ein Transparentpapier eingebunden war, je ein Wort. War «In allen acht Ecken …» schon vergeben, kam «Mach es wie die Sonnenuhr — zähl die heit’ren Stunden nur» zum Zuge, darunter: «In Freundschaft …» Meist zeichnete ich dazu einen Indianer, hoch zu Ross mit Tomahawk. «In Freundschaft, Dein Bänzli.» Ich gab mir stets Mühe, Indianerehrenwort! Aber als sich eines Tages, es muss in der zweiten oder dritten Klasse gewesen sein, alle Kameradinnen den Spass machten, mir ihre Poesiealben sämtlich aufs Mal zu übergeben, die Ruth, die Lisbeth, die Erika, die Theres, und, und, und …, siebzehn an der Zahl, da war ich überfordert. Statt sie schön abzuarbeiten, hortete ich die Bücher wochenlang. Und der Helen habe ich ihr Album gar nie zurückgegeben. Es hat noch zwei, drei Umzüge mitgemacht, als ich schon erwachsen war, und dann ging es — ich gräme und schäme mich — irgendwo zwischen Bern-Kirchenfeld und Schlieren im Limmattal verloren.

eingerahmter Zeitungsartikel an einer Wand
«Noch hängt die Titelseite an meiner Wand.»

Aber den Humphrey hab ich wiedergefunden. Natürlich nenne ich ihn nicht mehr so. Aber damals hiess er Humphrey, in Anlehnung an Bogart, den grossen Schweiger des Kinos. Auch unser Humphrey sprach wenig, aber wenn, dann Träfes. Wir hatten schon zusammen Sandburgen gebaut, seine Eltern fuhren mit ihm Jahr für Jahr an denselben Strand wie meine Mutter mit uns Kindern. Später tauschten wir Panini-Bildchen, schwärmten für Ornella Muti, besuchten zusammen unser erstes grosses Konzert — Udo Lindenberg und Gianna Nannini; er wegen Lindenberg, ich wegen Nannini, und danach waren wir beide von beiden Fan —, wir rauchten, um uns gross und stark zu fühlen, Frégate, fuhren in einem rostigen Renault 5 nach Italien, hörten unterwegs Bap und sangen «Do kanns zaubere» Wort für Wort mit. Doch plötzlich war er weg. Für fünfzehn, vielleicht zwanzig Jahre verloren wir uns aus den Augen. Und als ich ihn zum ersten Mal wieder traf, meinen Jugendfreund, sprachen wir keine Sekunde von früher. Kein «Weisst du noch?», kein «Mann, haben wirs durchgegeben!», kein Schulterklopfen wie unter alten Militärkumpanen.

Noch hängt die Titelseite an meiner Wand.

Wir sprechen kaum je über Bap und haben die Frégates, diese scheusslichen Zigaretten, nie mehr erwähnt. Reden stattdessen über unsere Familien, seinen Teilzeitjob und meinen Haushalt, über die Politik in seiner und meiner Stadt. Wir begegnen uns in der Gegenwart. Einzig, wenn Deutschland gegen Italien spielt, sticheln wir per SMS: Er hilft den Deutschen, ich den Italienern. Und das war schon 1982 so. «Wir» gewannen, und die Titelseite der «Gazzetta dello Sport» hängt noch heute an meiner Wand. «Was?! Du kennst ihn doppelt so lang wie du das Mueti kennst?», fragen die Kinder ungläubig; ich verkneife mir die Bemerkung, das sei eine Zeit gewesen, in der man sich noch nicht per Mausklick be- und entfreundet hätte, und sie, die Kinder, beginnen zu überlegen, mit welchen ihrer heutigen Kamerädli sie wohl in dreissig, vierzig Jahren noch Kontakt haben werden. Ich denke: Vermutlich nicht mit denjenigen, die ihr euch jetzt denkt, sage es aber nicht.

Stets zeigen Humphrey und ich uns bei unseren regelmässigen Abendessen die Föteli unserer Kinder auf dem iPhone. Und wenn er dann aufs WC geht, schreibe ich rasch nach Hause: «Guet Nacht, Anna Luna ♥!»

Migros-Magazin-Kolumnist Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

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