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05. März 2012

Wir Menschen von Bodrum

Rund eine Million Touristen besuchen jährlich Bodrum an der türkischen Ägäisküste. Was wäre dieser Ort ohne die vielen Verkäufer, Köchinnen, Handwerker, Marktfrauen, Angestellten, Bäuerinnen, Boots- und Fremdenführer, die hier leben und arbeiten? Wir haben diese Menschen getroffen und stellen sie Ihnen vor.

Ecevit Takak (31)
Ecevit Takak (31) verkauft am Bitez-Strand von Bodrum gekochte Miesmuscheln.

«Ich muss jeden Tag gut verdienen.»

Ecevit Takak (31), Muschelverkäufer: «Hier, am Bitez-Strand von Bodrum verkaufe ich seit fünf Jahren von April bis Oktober sieben Tage die Woche von früh bis zum Sonnenuntergang gekochte Miesmuscheln. Dafür gehe ich jeden Morgen um fünf Uhr in den Hafen und kaufe sie frisch. In meinem Appartement koche ich die Muscheln dann in einem riesigen Topf. In einer Pfanne setze ich Reis auf, den ich mit Zitrone und Pfefferwürze. Damit fülle ich die Muscheln. Die Touristen würden die Delikatesse (5 Stück für 7 Lira) nicht kaufen, würden sie nicht erkennen, dass die Muscheln gekocht sind. Ich muss jeden Tag gut verdienen, denn meine hübsche Frau lebt mit unseren fünf Kindern in Mardin in der Osttürkei, 1600 Kilometer von hier. Ich schicke meiner Frau jede Woche Geld. Die Lira müssen auch für die Rückreise und für die Wintermonate reichen. Ich fühle mich als stolzer Familienvater, wenn ich mit 3500 Lira (ca. 1825 Fr.) zurückkehre und fünf Monate für meine Familie da sein kann.»

«Mit meinen Händen habe ich drei Restaurants geschaffen.»

Ayshe Hazar verkauft auf dem Markt jeden Tag frische Spezialitäten wie Börek und Mantı.
Ayshe Hazar verkauft auf dem Markt jeden Tag frische Spezialitäten wie Börek und Mantı.

Ayshe Hazar (39), Marktfrau: «Sie finden mich jeden Tag auf einem anderen Markt in Bodrum. Mein weisses Kopftuch trage ich stolz, und es schützt mich vor der Sonne. Es braucht Kraft, den Börekteig zu kneten, um ihn dann hauchdünn auszurollen. Ich fülle den Teig mit Spinat und Käse, mit geraspelten Kartoffeln oder Fleisch. Der gefüllte Teig wird wie französische Crêpes heiss ausgebacken. Probieren Sie doch mal meine selbst gemachten Mantı. Der Nudelteig wird mit Fleisch gefüllt. Mantı schmecken so ähnlich wie italienische Ravioli – nur viel besser. Sie glauben mir nicht? Essen Sie! Mit meinen Händen habe ich in den letzten Jahren drei Börek-&-Mantı-Evi- Restaurants in Bodrum geschaffen. Schauen Sie mal bei einer meiner beiden Töchter vorbei, und geniessen Sie diese typische Bodrumer Spezialität mit Joghurtsauce. Mein Sohn hilft mir auf dem Markt. Der muss noch viel lernen, ehe er ein Restaurant übernehmen kann.»

«Meine Kühe heissen wie meine Geschwister.»

Bäuerin Münire und ihr Hund Buddy vor dem neuen Kuhstall, für dessen Bau sie einen Teil ihrer Mandarinenbäume verkaufte.
Bäuerin Münire und ihr Hund Buddy vor dem neuen Kuhstall, für dessen Bau sie einen Teil ihrer Mandarinenbäume verkaufte.

Münire (65) ist Bäuerin in Bodrum-Ortakent: «Ich wollte wie alle Mädchen heiraten, eigene Kinder und ein Haus haben. Doch meine Eltern hatten andere Pläne. Ich war gerade 13 Jahre alt. Da kamen zum ersten Mal einige Jünglinge, die den Eltern viel Mitgift wie Geld, Land und Gold boten, um mich heiraten zu dürfen. Doch meine Mutter hat jedesmal geantwortet: ‹Münire hat eine andere Zukunft.› Ich war das Nesthäkchen und am vertrautesten im Umgang mit dem Vieh. Darum entschieden die Eltern, dass ich bei ihnen bleibe, um sie später zu pflegen. Jetzt sind beide schon viele Jahre tot. Aber ich bin geblieben. Meine fünf Kühe und vier Kälber sind wie meine Kinder, und sie heissen wie meine Geschwister: Ayshe, Melisa, Bahar, Güzel Kiz, Nazlican, Berkan, Serkan, Karaoglan, Zeynep und Laura. Aus einem Teilverkauf meiner Mandarinenplantage konnte ich jetzt einen neuen Kuhstall bauen lassen. Hier ist es für meine Kühe auch im heissen August immer kühl. Buddy, mein Hund, und ich sind glücklich mit dem Reichtum, den uns Mutter Erde schenkt. Einen Mann? Nein, den vermisse ich nicht wirklich! »

«Ich stehe am Strand und locke die Touristen zu den Kamelen.»

Beliebt: Önder führt eine Touristin auf einem Kamel dem Meer entlang.
Beliebt: Önder führt eine Touristin auf einem Kamel dem Meer entlang.

Önder Mutlutoz (52), Kamelführer in Bodrum-Ortakent: «Mit den Kamelen am Camel Beach in Ortakent verdiene ich mein Brot. Ganz besonders vernarrt bin ich in Dudu (9) und Ayshe (12), zwei Kameldamen, die sehr anhänglich sind. Ich kam mit neun Jahren mit meinen Eltern aus Aydın nach Bodrum. Mein Vater hat mir alles über Kamele und Lamas beigebracht. Die waren schon immer hier. Touristen gab es damals noch nicht. Heute sind die Kamele eine absolute Touristenattraktion. Tagsüber legen grosse Gulets mit Touristen aus aller Welt hier am Steg an. Der Kapitän schickt sie in unsere Richtung. Und da stehe ich dann am Strand und locke die Touristen zu den Kamelen. Mein Chef ist allerbestens organisiert. In den Sommermonaten heuert er einen Fotografen an, der tolle Touristenbilder macht. Im Paket kostet das 30 Lira. Ein fairer Preis, finde ich. Schliesslich wollen die Kamele auch im Winter leben – und wir auch.»

«Meine Geschäftsidee ernährt Familie und Brüder.»

Grund zum Lachen: Hüseyins Lampen aus Kürbissen beleuchte Bodrums Lokale.
Grund zum Lachen: Hüseyins Lampen aus Kürbissen beleuchte Bodrums Lokale.

Hüseyin Özgul (37), Handwerker und Philosoph, früher Journalist, lebt in Bodrum-Gümüşlük: «Vor einigen Jahren entschieden meine Frau und ich, unserem Leben mehr Sinn zu geben. Auf der Suche nach einer guten Geschäftsidee stand ich vor etwa acht Jahren vor einem Feld mit Wasserkürbissen und fragte den Bauern, was er damit mache. Der Mann antwortete: ‹Früher dienten sie als Wasserbehälter. Heute gibt es Pet-Flaschen.› Ich nahm einige Kürbisse mit und begann zu experimentieren. Erst höhlte ich sie aus und bohrte mit einem Fräsgerät kleine Löcher in die ungeniessbare Frucht, die bei uns ‹Le Kabbak› heisst. Ich prägte Muster wie Schmetterlinge, Halbmonde und Blumen in die Hülle. Ich setzte kleine, bunte Steine in die Löcher ein und funktionierte die Kürbisse zu Lampen um. Meine Geschäftsidee ernährt heute meine Familie und meine Brüder. In ganz Bodrum gibt es kaum ein Lokal, in dem nicht unsere bunten Lampen hängen. Wer uns bei der Arbeit hier auf der Strasse nach einem Geheimstrand fragt, bekommt einen türkischen Kaffee von mir und eine Geschichte über meine Lampen, die er dann hoffentlich kauft.» («Le Kabbak», www.lekabbak.com )

«Unsere Liebe ist so heiss wie Bodrum»

Das türkisch-schweizerische Ehepaar Nurel und Frank liebt die Atmosphäre in Bodrums Jachthafen.
Das türkisch-schweizerische Ehepaar Nurel und Frank liebt die Atmosphäre in Bodrums Jachthafen.

«Bodrums Nachtleben ist gefühlte 1001 Nächte lang: von Bar zu Bar, von Disco zu Disco, mit Raki und sexy Gogo-Girls.

«Unsere Liebe ist so heiss wie Bodrum», sagen Nurel und Frank Zimmerli. Sie stammt aus Istanbul, er aus der Schweiz. Im Winter lebt das Ehepaar in Männedorf ZH. Sobald der Frühling naht, entschwinden die beiden nach Bodrum — in ihr selbst gebautes Haus inmitten einer Mandarinenplantage. «Wir haben uns im Türkischunterricht kennengelernt», erzählt Frank (55). Die erfahrene Sprachlehrerin Nurel (53) mit Uni- und Masterdiplom unterrichtete in der West-, Mittel- und Osttürkei und in der Schweiz, ehe sie sich mit einer Sprachschule selbständig machte. Zur ihren Schülern gehören Ärzte, Banker und Journalisten. Nurel erinnert sich: «Frank hatte bereits drei Türkischstunden, als er mich fragte, ob ich mit ihm in eine türkische Disco gehen würde. Der erste Tanz, der erste Kuss …» Jetzt sind beide schon zehn Jahre verheiratet.

Gulets: Touristenboote aus Pinienholz

Wir begleiten die beiden auf Entdeckungstour. Start ist im Marinejachthafen Bodrum. Von hier aus sieht man die griechische Insel Kos, die mit dem Wassertaxi in 20 Minuten erreichbar ist. Wie fast jeden Tag sitzen zwei ältere Herren da bei einem Glas Tee und schauen dem Treiben zu: Ahmet Serif Örcü (80) und Ismet Özsarsilmaz (83) sind Kapitäne a.D. 250 Gulets liegen hier vor Anker, Segelschiffe, wie sie bereits vor Hunderten von Jahren für grosse Handelsfahrten aus Pinienholz gebaut wurden. Heute sind sie mit grossen Dieselmotoren ausgestattet und dienen Touristen.

Die ehemaligen Kapitäne Ahmet Serif Örcü (links) und Ismet Özsarsılmaz (Mitte) haben den Hafen von Bodrum mitgegründet.
Die ehemaligen Kapitäne Ahmet Serif Örcü (links) und Ismet Özsarsılmaz (Mitte) haben den Hafen von Bodrum mitgegründet.

Der Blick der alten Seebären ist auf die Burg St. Peter gerichtet — hier, wo sich Reste eines der sieben Weltwunder, das Grabmal des Königs Mausolos, befinden. «Ich habe den Marinejachthafen Bodrum in den 1980er-Jahren mitgegründet», erzählt Ahmet gern. «Heute fährt mein Sohn Deiya eines meiner beiden Gulets. Wenn Sie wollen, können Sie es mieten. » Das Schiff mit Kapitän, zwei Crewmitgliedern und einem Koch gibts für 1300 Euro am Tag (siehe Infobox). Der komfortabel ausgestattete Motorsegler kreuzt auf festen Routen oder «à la carte» von Bucht zu Bucht, zu kleinen Inseln, Fischerdörfern und antiken Stätten. Ankern erfolgt auf Zuruf, und zwar dort, wo das Wasser am schönsten oder der Fisch vom Grill am besten ist.

Knapp eine Million Touristen aus aller Welt beherbergt die Halbinsel an der ägäischen Küste pro Jahr, die 104’000 Einwohner zählt. Viele Geschichten türkischer Schriftsteller wie Selim Ìleri und Vedat Türkali spielen in Bodrum und machten Bodrum auf diese Weise berühmt. An deren 174 Kilometer langen Küste liegen zahlreiche Buchten. Frank und Nurel zieht es an einen dieser Orte, das 25 Kilometer von Bodrum City entfernte Gümüşlük. Hier findet man ein reiches Angebot an Fischrestaurants, die direkt am Strand stehen. «Liebespaare, die an einem der Tische Platz nehmen, schreiben Liebesbotschaften auf bunte Zettel, die sie bei Sonnenuntergang an Bäumchen hängen, die im Meerwasser stehen», erzählt Nurel. Und Frank weiss: «Sobald die Ebbe den natürlichen Steinwall freilegt, kann man barfuss über Steine durchs Meer waten, um zu den <Haseninseln> zu gelangen. Für Verliebte genau der richtige Platz.» Nurel kneift Frank zärtlich in den Arm: «Nur Hasen, die haben wir hier noch nie gesehen.»

Autor: Jacqueline Jane Can

Fotograf: Markus Mallaun